Unterm Strich mach's ich!

Menschenbild Die Systemfrage ist gestellt. Doch Sven Schlebes, Kolumnist von fortschrittsforum.de, fragt sich, wer endlich mal den modernen Menschen in Frage stellt
Unterm Strich mach's ich!
Glückseeligkeit in der transzendenten Welt? Zu dumm nur, dass sie uns Deutschen abhanden gekommen und die sichtbare damit zum Glückserfüller verkommen ist

Foto: Joel Saget / AFP / Getty Images

Ich bin es leid. Wirklich jede Konferenz und Gesprächsrunde, die ich in den letzten Wochen besucht habe, brüstet sich damit, ach so mutig die sogenannte Systemfrage zu stellen: Global und auch sektorspezifisch. Alle klatschen. Alle jubeln. Alle trinken Rotwein und essen Häppchen. Lösung gefunden. Brauchen wir nur noch einen, der auf die Systemfrage die Systemantwort gibt und sie umsetzt. Papi und Mami lassen schön grüßen. Fest steht: Ich kann mein Leben so weiterleben wie bisher. Denn das System hat sich dann ja geändert. Irgendwie.

Doch wenn wir wollten, könnten wir auch jetzt schon sinnvoll Geld investieren. Uns in die politische Gesellschaftskreation einmischen. Fair handeln. Ganzheitlich wirtschaften. Schöne Dinge tun. Anderen Menschen helfen. Auch ohne Demokratie und Wirtschaft 3.0. Doch wir tun es nicht. Werden wir dazu gezwungen? Nein! Von wem denn? Dem System? Es ist so einfach, immer einem nicht greifbaren System für alles die Schuld zu geben und hier die Rettung zu erhoffen. Unmündig reingeboren. In Gänze unschuldig und bemitleidenwert. Von anderen Menschen getrieben und Umständen. Und: Der dummen Masse. Nur bei der Wirtschaftskrise, da ist es auf einmal genau umgekehrt: 99% sind die Opfer und 1% die Täter.

Glücklich sind immer die anderen

Schuld sind immer die anderen. Und glücklich sind komischerweise auch die anderen. So wie die in Buthan zum Beispiel. Wenn wir mal so einen Index hätten. Eiderdaus. Mit diesem neuen Indikatorsystem ginge es uns gleich um 20 Prozentpunkte besser. Wie dumm nur, dass die Buthanesen in der sichtbaren Welt handeln, um in der transzendenten Welt Glückseeligkeit zu erfahren. Und wir Deutschen? Uns ist frei nach Marx die Welt hinter der Welt gänzlich abhanden gekommen und die sichtbare damit zum zeitlich, örtlich, bildungstechnisch und monetär determinierten Glückserfüller verkommen.

Wir haben nicht die Zeit wie die Buthanesen, Reinkarnationen lang auf Glück zu warten. Wir brauchen es sofort. Unser System braucht es sofort. Alles on demand. Bei Stillstand: Tod. Wir sehen uns nicht als Teil einer größeren Gemeinschaft. Denn unterm Strich: Zähl ich! Und dieses Ich, das ist jämmerlich gefangen in materiell-strukturellen Determinismen, denen man eigenartiger Weise mit noch mehr Determinismen entkommen will. Lebenslanges Lernen wird so schnell zur automatisierten Menschen-Produktionsstraße von der Wiege bis zur Bahre. Klar, dann wird auch kein Kind zurückgelassen. Es muss sich nur mitschleifen lassen und tun, was das System verlangt: Test, Bescheinigungen, Formulare ... Hauptsache: Immer in Bewegung. Nicht stehen bleiben. Dann könnte das echte Nachdenken anfangen, das System würde an Treibstoff verlieren und das Unvorhersehbare erhielte Einzug. Ach ja, das kann es ja nicht. Die Eltern sind schuld. Die bildungsfernen. Ich vergaß.

Das Leben als Gegner

Jede noch so gut gemeinte Systemdebattenrunde offenbarte für mich in seiner dunkelsten Stunde doch immer ein zutiefst misstrauisches Menschenbild. Alleine schafft er es nicht. Also braucht er das Korrektiv. Das System mit den neuen Spielregeln. Und doch, oh Wunder, ohne eine aktive Hinwendung zum Menschen und seiner Haltung bleibt des Menschen Bild von sich selbst das alte. Und er wird wieder Mittel und Wege finden, andere zu übervorteilen. Seinen Profit zu maximieren. Seine Stellung zu festigen. Seinen Ruhm zu mehren. Andere fertig zu machen. Zu kontrollieren. Auszuschalten. Nur unter einem anderen Ettiket. Weil er in der Tiefe seines Herzens das Leben kompetetiv als Gegner empfindet. Und nicht als Mitspieler. Als Chance. Ich weiß: Der Hippietraum.

Doch so schnell lasse ich ihn mir nicht mehr austräumen. Es wird Zeit, dass wir nicht nur unsere Gesellschaftsorganisation in Frage stellen, sondern uns selbst in unserer Lebensweise auch. Denn es mag zwar sein, dass zum Beispiel in der Wirtschaft vor allem Blender und Strukturpolitiker durchkommen, aber es ist eben nicht in Ordnung. Ja, es ist viel einfacher, auf das System Einfluss zu nehmen und in Rückkopplung auf eine Veränderung des Menschen und seines Handelns zu hoffen. Doch warum starten wir nicht dort, wo Systeme überhaupt erst geboren werden? Bei den Menschen? Für mich ist es eine entscheidende Machtfrage, auf wen oder was wir in Zukunft setzen. Ist es der das System kreierende Mensch oder das den Menschen erschaffende System, mit dem wir den Neuaufbau unserer Gesellschaft beginnen wollen?

Für manchen mag das die Frage nach dem Huhn und dem Ei sein. Für mich ist es mittlerweile ein Bekenntnis. Ein Zeichen der Ermächtigung. Auf was gründet unsere schöne neue Welt? Ich setze auf den Menschen. Und seinen Traum vom neuen Menschen. Auch wenn der schon reichlich missbraucht worden ist in der politischen Geschichte. Es wird Zeit, einen neuen Anlauf zu wagen.

Sven Schlebes ist Geschäftsführender Gesellschafter der kulturellen Unternehmensberatung Goldene Zeiten Berlin

Das 95-köpfige Fortschrittsforum arbeitet unter der Leitung von Jutta Allmendinger, Präsidentin des Wissenschaftszentrums für Sozialforschung Berlin, Angelika Gifford, Direktorin von Microsoft Deutschland und Ernst Ulrich von Weizsäcker, Leiter des International Resource Panels der UNEP. Es stellt die Frage, wie Fortschritt neu definiert werden kann und wie unser Wohlstandsmodell ökonomisch und ethisch tragfähig gestaltet werden kann. Partner sind die Friedrich-Ebert-Stiftung, die Otto-Brenner-Stiftung, die Hans-Böckler-Stiftung und das Progressive Zentrum in Berlin.

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14:46 28.08.2012
Geschrieben von

Sven Schlebes | Geld und Glück

Beiträge zur Debatte um das richtige Wachstum. Eine Kooperation mit dem Fortschrittsforum
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Geld und Glück

Ausgabe 27/2020

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