Was lange währt

Aktives Altern Ein alterende Bevölkerung als Chance für den Arbeitsmarkt? Für eine erfolgreiche Entwicklung sind vor allem Maßnahmen nötig, die früh in der sozialen Entwicklung greifen
Was lange währt
Der hoffnungsvolle Ausblick des aktiven Alterns besteht darin, dass per Definition eine starke Betonung auf dem Wohlbefinden des Individuums liegt

Foto: Ralph Orlowski/Getty Images

Um dem Prozess der politischen Auseinandersetzung mit dem Thema „Bevölkerungsalterung“ neue Signalkraft zu verleihen, hat die Europäische Kommission auf Wunsch ihrer Mitgliedstaaten 2012 zum Jahr des aktiven Alterns und der Solidarität zwischen den Generationen erklärt. Auch die Wirtschaftskommission der Vereinten Nationen für Europa hat im September 2012 eine Ministerkonferenz mit dem Motto „Eine Gesellschaft für alle Lebensalter: Förderung der Lebensqualität und des aktiven Alterns“ veranstaltet. Eine brauchbare Definition wurde hierzu von der Weltgesundheitsorganisation entwickelt: „Aktives Altern ist der Prozess der Optimierung von Chancen für Gesundheit, Teilhabe und Sicherheit, um die Qualität des Lebens für Menschen im Alter zu verbessern. Es gilt sowohl für Einzelpersonen als auch Bevölkerungsgruppen“.

Argumentiert wird, dass eine konsequente Umsetzung dieses Konzeptes als Chance für ein Neuüberdenken der arbeitsmarktpolitischer Maßnahmen und Instrumente in der demographischen Krisensituation sein kann. Es zielt darauf ab, ein Paradigma zu etablieren, bei dem das Wohlbefinden des Einzelnen auch zur Stabilität einer ganzen Gesellschaft beiträgt. Die Besonderheit, aber auch die Komplexität des Konzeptes, liegt ihn seiner Interdisziplinarität sowie der Berücksichtigung eines Lebenslauf-, Gender- sowie generationenübergreifenden Ansatzes. Diese zielen darauf ab, die Gerechtigkeit zwischen verschiedenen Altersgruppen und Geschlechtern zu verbessern und Solidarität und Zusammenhalt zwischen Generationen zu stärken.

Beeinträchtigung durch soziale Faktoren

Es ist nötig festzustellen, inwiefern die Bundesregierung – zunächst auf Grund der demographischen Notwendigkeit – Unternehmungen angestrebt hat, diese Idee in der Arbeitsmarktpolitik umzusetzen.

Die Bedeutung von Bildung und der Vereinbarkeit von Beruf und Pflegeaufgaben für einen aktiven Alterungsprozess, sowie für die Teilhabe am Arbeitsmarkt scheint zwar mittlerweile weitgehend anerkannt, dennoch besteht immer noch Handlungsbedarf. Das deutsche Bildungssystem bietet zwar eine große Bandbreite an schulischen und auch beruflichen Bildungsangeboten, dennoch scheint der Zugang dazu vor allem in jungen Jahren durch soziale Faktoren beeinträchtigt. Eine Tatsache, die sich auch auf die Wahrnehmung von Bildungsangeboten in höherem Alter auswirkt. Der Grad der Bildung hat statistisch gesehen im Lebensverlauf ebenfalls Auswirkungen auf den Gesundheitszustand und das Risiko, arbeitslos zu werden. Um langfristig die Arbeitsressourcen älterer Arbeitnehmer effektiv einsetzen zu können, ist ein lebenslanges Lernen – unter Berücksichtigung der Technisierung und der Internationalisierung des Arbeitsmarktes – erforderlich.

Um Menschen für einen Lebensstil des lebenslangen Lernens gewinnen zu können, erfordert es bereits eine frühe Investition in die Bildung von Kindern und Jugendlichen, z.B. durch eine Verlängerung der Grundschulzeit, durch eine personelle Aufstockung von Sozialarbeitern in allen Schulformen, sowie eine Verkleinerung von Schulklassen. Um eine Kostenübernahme dieser Verbesserungen langfristig sichern zu können, ist es wichtig, eine nachhaltige und gerechte Haushaltsplanung zwischen Bund, Ländern und Kommunen aufzustellen.

Qualitativ hochwertige Kinderbetreuung im Interesse aller

Im Bereich der Vereinbarkeit von Beruf und Familienaufgaben sind Fortschritte vor allem im Bereich der Quantität der Betreuungsinfrastruktur erzielt worden. Durch die Einführung eines gesetzlichen Anspruches auf Kinderbetreuung ab dem ersten Lebensjahr des Kindes wurde die Vereinbarung von Beruf und Kindererziehung erleichtert, durch die Einführung der Familienpflegezeit die Vereinbarung von Beruf und Pflegeaufgaben.

Handlungsbedarf besteht weiterhin in der Verbesserung der Qualität von Kinderbetreuungseinrichtungen, bei der z.B. eine flächendeckende Qualitätsevaluierung von Kinderbetreuungseinrichtungen konkrete Hinweise geben könnte. Die Entlastung von Eltern in der Kindererziehungsphase sollte sowohl im Zentrum des öffentlichen Interesses, als auch im Interesse von privaten Unternehmen stehen. Nicht nur, dass ein familienfreundliches Arbeitsklima dazu beiträgt, dass sich junge Familien eher für (mehr) Kinder entscheiden, sondern die Eltern bleiben den Unternehmen dadurch auch als qualifizierte Arbeitskräfte erhalten. Des Weiteren trägt ein familienfreundliches Arbeitsklima, z.B. durch flexible Arbeitszeiten, dazu bei, dass Überlastungen (und den damit verbundenen physischen und psychischen Erkrankungen) vorgebeugt wird; und somit Arbeitnehmer auf die Lebenslänge hin betrachtet eine längere Zeit motiviert und gesund arbeiten können.

Während eine Investition in Bildung und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie eine langfristige Investition in ein aktives Alter darstellen, gibt es auch Maßnahmen, die gezielt für eine ältere Arbeitnehmerschaft konzipiert wurden. Die Einführung einer Gesetzgebung gegen Altersdiskriminierung am Arbeitsplatz war möglicherweise eines der erfolgreichsten Umsetzungen in der umfassenden Strategie des aktiven Alterns. Allerdings erfordert die Frage, inwiefern sich die Leitbilder zum Thema „Altern“ ändern, tiefgreifende gesellschaftliche Umdenkprozesse. Maßnahmen, die das Gesundheits- und Age-Management betreffen, haben durch eine Verbesserung des Arbeitsschutzgesetzes und eines Betrieblichen Eingliederungsmanagements eine Grundlage zur Erhaltung der Gesundheit am Arbeitsplatz geleistet. Auch die Vereinbarkeit des aktiven Alterns mit dem Renteneintritt hat durch das deutsche Rentensystem vermehrt an Flexibilität gewonnen. Es besteht – zumindest in den meisten Sektoren – sowohl die Möglichkeit auch noch nach dem Regelrentenalter zu arbeiten, als auch vor dem Regelrentenalter durch Altersteilzeit den Renteneintritt flexibel und bedürfnisgerecht zu gestalten.

Betonung auf dem Wohlbefinden des Individuums

Der hoffnungsvolle Ausblick des Konzeptes des aktiven Alterns als mögliche Chance für den demographischen Wandel besteht darin, dass per Definition eine starke Betonung auf dem Wohlbefinden des Individuums liegt. Diese Betonung setzt voraus, dass die wirtschaftlichen Konsequenzen des demographischen Wandels nicht lediglich durch Arbeitnehmer der unteren und mittleren Einkommensschichten geschultert werden können, sondern dass politische Akteure dazu aufgefordert sind, soziale Einkommensverteilungen gesamtgesellschaftlich solidarisch neu zu überdenken.

Die Förderung der aktiven Arbeitsmarktteilhabe soll nicht durch die bedingte Notwendigkeit zum Arbeiten im hohen Alter aus Armutsgründen motiviert sein, sondern lediglich der Integration – falls vom Individuum erwünscht – dienen. Hierfür sind die Bekämpfung von Erwerbsarmut im mittleren Lebensalter, sowie eine Neureflektierung der Finanz- und Haushaltpolitik in Bezug auf eine gerechtere Verteilung zwischen unterschiedlichen Einkommensschichten, sowie eine nachhaltigere Koordinierung zwischen den Haushalten von Bund, Ländern und Kommunen unabdingbar, damit verantwortliche Stellen nötige sozialpolitische Maßnahmen langfristig schultern können.

Stefanie Bluth studierte an der Bergischen Universität Wuppertal Sozialwissenschaften, promovierte an der University of Leeds im Bereich Internationale Beziehungen und arbeitete von 2008 bis Sommer 2012 in der Population Unit der Wirtschaftskommission der Vereinten Nationen für Europa (UNECE) in Genf u.a. an politischen Konzepten, die die Konsequenzen des demographischen Wandels betreffen. Seitdem ist sie als freie Autorin tätig

Das 95-köpfige Fortschrittsforum arbeitet unter der Leitung von Jutta Allmendinger, Präsidentin des Wissenschaftszentrums für Sozialforschung Berlin, Angelika Gifford, Direktorin von Microsoft Deutschland und Ernst Ulrich von Weizsäcker, Leiter des International Resource Panels der UNEP. Es stellt die Frage, wie Fortschritt neu definiert werden kann und wie unser Wohlstandsmodell ökonomisch und ethisch tragfähig gestaltet werden kann. Partner sind die Friedrich-Ebert-Stiftung, die Otto-Brenner-Stiftung, die Hans-Böckler-Stiftung und das Progressive Zentrum in Berlin

Hier finden Sie alle Beiträge, die bereits in der Serie "Geld und Glück" erschienen sind

18:44 28.11.2012
Geschrieben von

Stefanie Bluth | Geld und Glück

Beiträge zur Debatte um das richtige Wachstum. Eine Kooperation mit dem Fortschrittsforum
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