Was wächst, wenn die Wirtschaft wächst?

Ökonomie Der Beitrag der Versorgungsarbeit im Haushaltsinneren ist dem BIP fremd. Dabei ist der Haushalt der einzige Ort, wo Geld und Güter zum menschlichen Wohlergehen beitragen.
Was wächst, wenn die Wirtschaft wächst?
Der Outcome von Dienstleistungen ist mit dem Output materieller Produktion nicht vergleichbar

Foto: Thomas Coex / AFP / Getty Images

Was wächst, wenn die Wirtschaft wächst? Der Begriff 'Wirtschaften' war ursprünglich in ein soziales Umfeld eingebettet, für die Wirtschaft gilt dies schon lange nicht mehr. Sowohl die Wirtschaft als auch ihr Wachstum sind nicht denkbar ohne das synthetische Medium Geld. Es hält alles in Bewegung. Ökonomisches Wirtschaften vollzieht sich zwischen Kaufen und Verkaufen - jenseits der Märkte erstreckt sich Niemandsland.

Spätestens der gegenwärtige Trend zur Finanzialisierung des Wirtschaftens verdeutlicht die Risiken der engen Verknüpfung von realen Geschehnissen mit Geld als Scharnier des Warentauschs. Geld ist für eine Gesellschaft nur dann wertvoll, wenn es bereitstellen hilft, was man zum Leben braucht. Es stiftet Unheil, wenn es z.B. dazu missbraucht wird, sich selbst zu vermehren. Das in Geld dargestellte Wirtschaftswachstum sagt wenig darüber aus, ob und in welcher Weise sich die Lebensbedingungen der Menschen verbessert haben.

Dies ist einer der Gründe für die wachsende Skepsis gegenüber dem Drang, die Wirtschaft auf Wachstumskurs zu halten. Für die Öffentlichkeit sind die Kategorien des BIP nicht transparent genug, um sich eine stichhaltige Meinung darüber zu bilden, wohin es gehen soll. Es wird ohnehin geglaubt, der Output einer Volkswirtschaft bestehe aus Gütern, die man herstellen und verbrauchen kann. Zu dieser Gruppe zählt auch die Mehrheit derer, die das Wachstum aus ökologischen oder moralischen Gründen begrenzen wollen.

Das BIP ist nicht mehr, was es einmal war

Die wirtschaftliche Entwicklung hat längst die Bastionen des Industriezeitalters ins Wanken gebracht. Das postindustrielle Zeitalter ist geprägt vom Ausbau der Dienstleistungen. 2010 arbeiteten in Deutschland 70 % der Beschäftigten im Dienstleistungssektor - 2000 waren es erst knapp 64 %. Der Zugewinn der Arbeitsplätze für DienstleisterInnen ging fast völlig zu Lasten von Industriearbeit (28,4 % (2010) gegenüber 33,5 % im Jahr 2000). In Gegenwart und Zukunft braucht das 21. Jahrhundert neue Positionen, Perspektiven und Instrumente, die diesem Wandel Rechnung tragen.

Während unter Ökonomen Forderungen nach neuem Denken lauter werden, erweist es sich als schwierig, den Diskurs der interessierten Öffentlichkeit um neue Fragestellungen zu erweitern. Es ist üblich, jedwede bezahlte Arbeit dem großen Ganzen der 'Wirtschaft' einzuverleiben. Diese Gepflogenheit behindert den Ausblick auf offene Grenzen zwischen Bereichen und Sektoren, die sich in wesentlichen Merkmalen deutlich unterscheiden.

Zu den Grundprinzipien des Industriezeitalters gehört das Bestreben, durch die Verwendung von Maschinen den Beitrag menschlicher Arbeit zur Güterproduktion zu senken. Der Einsatz von technischer Effizienz lässt die produzierte Gütermenge selbst bei stagnierendem oder sogar schrumpfendem Arbeitseinsatz steigen. Deshalb enthält der sinkende Anteil des industriellen Sektors am BIP keinen Hinweis auf Quantitäten realen Outputs oder den Verbrauch an Rohstoffen und Energie.

Dagegen lassen sich aus dem Begriff Produktivität Schlüsse ziehen auf die viel beklagte Ökonomisierung aller Lebensbereiche und das Auseinanderdriften von Arbeiten und Leben. Der Outcome von Dienstleistungen ist mit dem Output materieller Produktion nicht vergleichbar. Vor allem personenbezogene Dienstleistungen haben ihren Ursprung nicht in der Güterproduktion, sondern im sozialen Miteinander der Generationen. Ihre Arbeitsproduktivität ist gering oder sogar negativ: sie kosten Zeit und verbrauchen materielle Güter, anstatt sie herzustellen. Ihre Bezahlung ist nicht existenzsichernd, ihr Status häufig überaus prekär.

In der Tradition des homo oeconomicus blenden die Denkmuster der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung den Bereich von Haushalt und Familie jedoch aus. Seine Mitglieder (Frauen und Kinder) profitieren von Fortschritt und Wirtschaftswachstum durch die Teilhabe am Arbeitsentgelt eines benevolent patriarch. Aus der Perspektive der Wirtschaftstheorie definieren sie sich über den Konsum von Kaufgütern.

Der Beitrag der Versorgungsarbeit im Haushaltsinnern zur Wirtschaftsleistung des größeren Ganzen bleibt dagegen nicht nur unerwähnt, sondern ist gänzlich systemfremd. Als Subjekt des Wirtschaftens dünkt sich der homo oeconomicus autonom - Abhängigkeit ist das Schicksal derer, die nichts produzieren. Sowohl in Zeiten robusten Wachstums als auch unter dem Vorzeichen knappen Geldes hat man ihre (Unterhalts-) Ansprüche immer wieder als soziale Last betrachtet.

Dem BIP fehlt ein Begriff der Dienstleistung

Der Wirtschaftskreislauf in seiner herkömmlichen Formation ist ein Güterkreislauf. Dagegen ist die einzige Station, in der Geld- und Güterströme ihre Potenziale für menschliches Wohlergehen zur Geltung bringen, der (private) Haushalt der Produzenten. Durchaus parallel zur Ausblendung von Versorgungsarbeit aus der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung fehlt in der gegenwärtigen Diskussion zu Wohlstand und Wachstum die Auseinandersetzung mit der Frage der Humanressourcen, die für das Funktionieren einer wettbewerbsfähigen Wirtschaft erforderlich sind.

Eine postindustrielle Wirtschaftsweise ist in mehrfacher Hinsicht auf Qualifikationen angewiesen, die über die Anforderungen des technisch-industriellen Bereichs der Güterproduktion weit hinausreichen. Selbst Personen, die ökonomisch ausschließlich als Konsumenten gelten (wie z.B. Hausfrauen), tun gut daran, sich auf lebenslanges grenzübergreifendes Lernen einzustellen. Ein breites Fundament an Kompetenz sichert nicht nur ihre Erwerbsfähigkeit, sondern bildet gleichzeitig die Grundlage für Interaktion und Kommunikation zwischen Personen und damit von Bildung und Erhalt sozialer Gemeinschaft.

Feministisch-ökonomische Analysen des Wirtschaftsgeschehens fragen nach den Folgen der Ausblendung von (bezahlter und unbezahlter) Versorgungsarbeit. Das Interesse gilt hier einer Zukunft, in der sich die Menschheit vielleicht irgendwann nicht mehr als technisch definierte Produktionsgemeinschaft versteht. Gesucht (und noch nicht gefunden) ist eine Wirtschaftsweise, die darauf verzichtet, im Namen des Fortschritts immer größere Teile der Bevölkerung in den Konsumbereich auszugliedern.

Glücklicherweise kommen neue Impulse für das Nachdenken über postindustrielles Wirtschaften recht zahlreich auch von anderer Seite, ohne bisher genügend beachtet worden zu sein. In mehreren Untersuchungen hat sich z.B. die Friedrich-Ebert-Stiftung mit den Chancen und Problemen der Expansion des Dienstleistungsbereichs auseinandergesetzt. Nicht zu vergessen ist der Bericht der Stiglitz-Kommission, der als richtungweisend anzusehen ist für die Transformation industrieller Ökonomien in eine Lebens- und Wirtschaftsform, die der Rationalität des homo oeconomicus entronnen ist.

Eine Kooperation mit dem Fortschrittsforum

Das 95-köpfige Fortschrittsforum arbeitet unter der Leitung von Jutta Allmendinger, Präsidentin des Wissenschaftszentrums für Sozialforschung Berlin, Angelika Gifford, Direktorin von Microsoft Deutschland und Ernst Ulrich von Weizsäcker, Leiter des International Resource Panels der UNEP. Es stellt die Frage, wie Fortschritt neu definiert werden kann und wie unser Wohlstandsmodell ökonomisch und ethisch tragfähig gestaltet werden kann. Partner sind die Friedrich-Ebert-Stiftung, die Otto-Brenner-Stiftung, die Hans-Böckler-Stiftung und das Progressive Zentrum in Berlin.

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Ihre Freitag-Redaktion

11:35 27.06.2012
Geschrieben von

Elisabeth Stiefel | Geld und Glück

Beiträge zur Debatte um das richtige Wachstum. Eine Kooperation mit dem Fortschrittsforum
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Geld und Glück

Ausgabe 15/2021

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