Zwanzigmal so gut wäre besser

Nachhaltigkeit Wachstum ist auf Dauer nur möglich, wenn Rohstoffe und Energie optimal ausgenutzt werden. Dazu müssen die Preise steigen
Zwanzigmal so gut wäre besser
Geht's noch? Aufwärts?

Illustration: Der Freitag, Material: Fotolia.com

Die heutige Form von Wachstum steht in keiner Weise im Einklang mit Nachhaltigkeit. Um das zu ändern, wurde die Enquete-Kommission Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität eingesetzt. Ihr Ziel ist es auch, die landläufigen und mit Fußangeln behafteten Begriffe von Wachstum und Wohlstand neu zu beleuchten. Und wenn möglich in Einklang mit der imperativen Forderung der Nachhaltigkeit zu bringen – weil nicht-nachhaltige Formen des Wirtschaftens definitionsgemäß in den Ruin führen, in die Aufzehrung der Ressourcen, ins Abrutschen des Klimas, in die Zerstörung der Lebensgrundlagen allen Wirtschaftens auf der Erde.

Trotzdem reden plötzlich alle von Wachstum. In Deutschland war es die FDP, die nach dem Absturz ihrer Popularität den Instinkt hatte, sich mit dem Wort „Wachstum“ zu schmücken und auch in der Enquete-Kommission keine Kritik mehr an dem neuen Heiligtum zu dulden. In Frankreich war es der Sozialist François Hollande, der mit dem Wort „Wachstum“ auf den Lippen die Präsidentschaftswahl gewann. Die USA tolerieren eine tägliche Zusatzverschuldung von fünf Milliarden Dollar in ihrem hoch verschuldeten Staat – um des Wachstums willen. Und bei der UN-Konferenz „Rio+20“ im Juni, die eigentlich über Nachhaltigkeit gehen sollte, ging es den meisten nur um Wachstum. Kaschiert wurde das durch die Vokabel „sustainable growth“, wörtlich „nachhaltiges Wachstum“, aber mit der Wunschbedeutung „immerwährendes Wachstum“.

Jeder, der wenigstens eine umrisshafte Ahnung von Klima, Ölvorräten, anderen Bodenschätzen sowie Biodiversität hat, weiß, dass das eine tragische Illusion ist. Warum stellen sich alle blind? Der Grund ist relativ einfach: Wachstum steht heute für zwei politisch sehr wichtige Ziele: Beschäftigung und gutes Steueraufkommen. Und diese Ziele interessieren heute. Klima und Ressourcen sind morgen oder übermorgen oder gar nicht von Interesse, jedenfalls in den Vierteljahresabschlüssen der Unternehmen und in den Wählerumfragen.

Entkopplung als Antwort

Was gar nicht gefragt wird, ist, ob man diese Ziele nicht auch mit weniger oder anderem Wachstum erreichen kann. Genau diese Frage stellen wir uns im Fortschrittsforum. Lassen sich Beschäftigung und gesunde Staatsfinanzen nicht von der Zunahme der Naturzerstörung entkoppeln?

Meine Behauptung ist: Natürlich geht das. Aber es passiert nicht von alleine. Die Märkte und die heutige Anbetung des Wachstums verschütten die Pfade, die man für die Entkopplung gehen muss.

Wie kann eine hohe Beschäftigungsquote mit weniger Naturzerstörung zusammen gehen? Was ist zu tun, damit die Entkopplung vorankommt? Eigentlich ist die Antwort ganz einfach: Wir müssen die Ressourcenproduktivität rasant steigern und die Arbeitsproduktivität langsamer wachsen lassen. In einer Welt grassierender Arbeitslosigkeit ist das Hochpeitschen der Arbeitsproduktivität volkswirtschaftlich die falsche Strategie. Die richtige Strategie wäre das Hochpeitschen der Ressourcenproduktivität. Seit die Ressourcenkosten in Deutschland die Arbeitskosten überholt haben, ist das auch für die Mehrzahl der Betriebe vernünftig – aber für viele Betriebsleiter und Unternehmensberater ist das noch Neuland.

Energiebedarf aus Trägheit

Volkswirtschaftlich ist die Ressourcenstrategie sogar noch vernünftiger als einzelbetrieblich. Sie macht uns unabhängiger vom Import von Öl, Kohle, Gas und Mineralien. Sie erhöht in einer Welt knapper Ressourcen unsere Wettbewerbsfähigkeit und sichert damit Arbeitsplätze. Auch für solide Staatsfinanzen ist es daher eine gute Strategie, nicht nur weil weniger für Arbeitslosenunterstützung ausgegeben werden muss.

Vielfach wird der Energie- und Ressourcenbedarf als technologisch unvermeidlich, als schicksalhaft angesehen. Genau diese Denkweise muss überwunden werden! Wir können nachweisen, dass mit der Zeit etwa eine Verfünffachung der Ressourcenproduktivität möglich ist. Der beschworene „Energiebedarf“ rührt meist aus Trägheit. Etwa die Festlegung auf einen physikalisch eng definierten Prozess und das daraus gewonnene Produkt: Man schaut sich etwa die Chloralkali-Elektrolyse an und beweist ganz rasch, dass sich der Energiebedarf nicht mehr senken lässt. Nach Alternativen zu diesem extrem energiefressenden Verfahren wird besser nicht gefragt, sonst könnte es ja passieren, dass man als Hersteller die Strompreisprivilegien einbüßt.

Wie ist diese Trägheit zu überwinden? Der sicherste Weckruf sind steigende Preise für Energie und andere Ressourcen. Auch für die energieintensive Industrie. Roland Berger hat in einer beachtlichen Studie vor einem Jahr gezeigt, wie vier energieintensive Branchen 100 Milliarden Euro investieren und 400 Milliarden durch Effizienzverbesserung gewinnen könnten. Das bleibt aber meist aus, weil etwa die Amortisationszeit zu lang erscheint. Der seit etwa dem Jahr 2000 von den Märkten ausgelöste Preisauftrieb bei Öl und anderen Rohstoffen hat bereits eine Tendenz zu effizienterer Ressourcennutzung ausgelöst. Aber seit in Amerika die Gaspreise purzeln, weil sich das Grundwasser-gefährdende „Fracking“ ausbreitet, ist der Effizienz-Elan vielerorts schon wieder erlahmt.

Pingpong auslösen

Wie stark muss sich die Ressourcenproduktivität erhöhen? Wenn wir für bald neun Milliarden Menschen Wohlstand erreichen wollen und gleichzeitig das Abrutschen des Klimas verhindern und die Begrenztheit biotischer und mineralischer Rohstoffe berücksichtigen wollen, dann müssen wir eine dramatische Erhöhung der Ressourcenproduktivität anstreben. Technisch sollte eine Verzwanzigfachung machbar sein, mittelfristig jedenfalls die genannte Verfünffachung.

Das wäre dann eine Art Kopie der Industriellen Revolution. Die bestand in einer ungefähren Verzwanzigfachung der Arbeitsproduktivität. Die kam zustande durch Tausende, ja Millionen von technischen Verbesserungen und Erfindungen. Die Antriebskraft dahinter war die ständige Verteuerung des Faktors Arbeit. Die Tarifvertragsparteien wissen, dass die Arbeitsproduktivität in der Regel von einer gleich großen Erhöhung der Bruttolöhne begleitet wurde. Es war eine Art Pingpong zwischen den beiden. Gewiss hat es dabei auch Verlierer gegeben. Aber alles in allem hat sich der Wohlstand verzwanzigfacht.

Heute, da der Faktor Arbeit überhaupt nicht knapp ist, aber Energie und Ressourcen schwinden, sollte man die Fortschrittsrichtung umlenken – eben in Richtung Ressourcenproduktivität. Am besten gelingt das, wenn man wieder so ein Pingpong-Spiel inszeniert; diesmal aber eines, das dazu führt, Wohlergehen vom Ressourcenverbrauch zu entkoppeln. Wie das funktionieren kann: Wir sollten die Preise jährlich um so viel Prozent wachsen lassen, wie die Ressourcenproduktivität im Vorjahr zugenommen hat. Dann bleiben die monatlichen Ausgaben für Ressourcen im Durchschnitt konstant.

Sozialtarif für die Schwachen

Die durch Bergbaukosten, Transporte, Oligopole, Spekulation und Nachfrageschwankungen bestimmten Tagespreise würden im wesentlichen ignoriert – im Bewusstsein, dass die geologische Reichweite in jedem Fall endlich ist. Um nicht zu bürokratisch und häufig nachjustieren zu müssen, sollte ein Korridor der Preissteigerung angepeilt werden, innerhalb dessen Marktschwankungen möglich sind. Der Staat kann dämpfend oder anhebend eingreifen, wenn die Märkte den Korridor nach oben oder nach unten verlassen; natürlich braucht es dazu eine effektive Kartellaufsicht!

So ein System wäre geeignet, Firmen, Staaten, Konsumenten und Investoren dazu zu bringen, sich auf Ressourcenproduktivität als zentrale Zielgröße des Wirtschaftens und der Infrastruktur einzustellen. Vor allem würden endlich langfristige Projekte angepackt, insbesondere in der Infrastruktur, Systementwicklung und Basistechnologie.

Für sozial schwächere Familien sollte ein Sozialtarif vereinbart werden. Und für die Industrie könnte man das abgeschöpfte Fiskaleinkommen aus Energie und Rohstoffen vollständig an die Branche zurückgeben, allerdings nicht pro Ressourcenverbrauch, das wäre ja sinnlos, sondern pro Arbeitsplatz.

Eine Kooperation mit dem Fortschrittsforum

Ernst Ulrich von Weizsäcker ist Naturwissenschaftler, Umweltpolitiker und Autor. Er kämpft seit Langem für eine Effizienzrevolution

Das 95-köpfige Fortschrittsforum arbeitet unter der Leitung von Jutta Allmendinger, Präsidentin des Wissenschaftszentrums für Sozialforschung Berlin, Angelika Gifford, Direktorin von Microsoft Deutschland und Ernst Ulrich von Weizsäcker, Leiter des International Resource Panels der UNEP. Es stellt die Frage, wie Fortschritt neu definiert werden kann und wie unser Wohlstandsmodell ökonomisch und ethisch tragfähig gestaltet werden kann. Partner sind die Friedrich-Ebert-Stiftung, die Otto-Brenner-Stiftung, die Hans-Böckler-Stiftung und das Progressive Zentrum in Berlin.

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Ihre Freitag-Redaktion

15:55 27.07.2012
Geschrieben von

Ernst Ulrich von Weizsäcker | Geld und Glück

Beiträge zur Debatte um das richtige Wachstum. Eine Kooperation mit dem Fortschrittsforum
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Geld und Glück

Ausgabe 15/2021

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