Wir reden mit den falschen!

Rassismus. Ein Erfahrungsbericht über Aktivismus und Rassismus im Alltag.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Da gibt es ja noch die „Internationalen Wochen gegen Rassismus 2013“....Ich vermute mal zaghaft, die eine Hälfte weiß nichts darüber und die andere (sicher auch zum Teil der ersten Hälfte zugehörig) möchte auch nicht unbedingt was darüber wissen. Stichwort „Rassismus“ -Man könnte meinen es verhält sich so, wie bei allen Themen, die es ganz nach oben auf die Schlagzeilen geschafft haben; Antisemitismus, Islamkritik, Islamphobie, Plagiats-Affäre, Sexismus, Schwulenfeindlichkeit und Terrorismus usw.: Es macht sich eine gut gemeinte schleichende Lethargie breit, mit zwischenzeitlichen Zu-Tode-Betrübt und Himmel-hoch-jauchzend-Phasen, festgefahrenen Pro und Contra-Lobbys, abgesegneten Dystopien und Utopien und ab und an, ja, da kommt es sogar vor, dass wir der ideologisch-anmutenden Vorstellung eines alles und jeden mitreißenden #Aufschreis verfallen, der keiner ist.

Und es ist ja auch nicht einfach. Kürzlich telefonierte ich mit einer katholischen Referentin und fragte nach, ob sie bei der Planung einer Podiumsdiskussion zum (wirklich!) altbackenen Thema Religion und Feminismus mitdiskutieren möchte. Wie alt ich denn sei, die Antwort. Ich ahnte schon am Tonfall, dass mit ihr ist nicht leicht Kirschen essen war. Nachdem sie von meinem Studenten-Alter erfuhr, lachte sie ein wenig. „Sie klingen noch so jung und unverbraucht“, (sie meinte wohl „euphorisch“) und „Wissen Sie: Gott hat jedem von uns einen Krug Wasser gegeben, den wir für unsere Aufgaben gebrauchen können…Ihrer ist noch voll, meiner fast leer…“ Sie erzählte mir, dass Sie Zeit ihres Lebens (geschätzte Ende 40) bereits sehr viel geredet habe und von all den Problemen, denen Sie als Frau in der Kirche ausgesetzt war und ist. „Genug geredet, es muss auch etwas getan werden.“ Aber was?

Natürlich reden wir darüber, was sich ändern soll, das habe ich ihr auch geantwortet, sonst ändert sich nichts. Aber geben wir es endlich zu: Wir reden mit den falschen. Was bringt uns diese ganze Feuilleton-Debatte, zig Veranstaltungen mit Eintrittsgeld, bei der Akademiker zusammen sitzen und in ihrer wunderschönen Fachsprache die Ungerechtigkeit der Welt beklagen? Ein gutes Gewissen (komischerweise), das Gefühl des Überblicks, der Überlegenheit vielleicht, vielleicht auch der Ohnmacht, und sonst? Recht wenig, würde ich sagen, vielleicht sogar nichts.

Aber das ist nicht alles. Einige Wochen später hatte ich dann eine Art Vorstellungsgespräch mit einem Mitarbeiter des Jüdischen Museums in Frankfurt. Es ging um Führungen und Workshops zum Thema „Islam und Judentum“, es sollen Vorurteile abgebaut, Gemeinsamkeiten betont und Menschen aufgeklärt werden. Das Übliche eben. Ich erwähnte mein Praktikum beim Rat der Religionen. „Davon halte ich nicht viel, von solchen Zusammenkünften und Vereinigungen. Wer ist denn bei diesen Dialogen und Trialogen dabei? Nicht diejenigen die keine Ahnung haben.“ War es nicht so? Keine radikalen Religiösen anwesend, keine Atheisten oder Jugendlichen, keine Kinder, keine „Ungebildeten“, keine Otto Normalverbraucher. Wenige. Die Wenigsten. Doch ganz Recht konnte ich ihm auch nicht geben, es wäre zu einfach diese Kategorien zu bilden und ein- und aus- zu sortieren. Das hieße ja, wir, die „Engagierten“, wüssten alles, und die anderen, wer auch immer das sein soll, nicht. Klar, Bildung und Alter machen einiges aus. Aber wer sagt UNS mal was? Par Exempel, dass wir in einer Seifenblase leben, die irgendwann zerplatzen muss? Dass wir glauben wir würden irgendwen erreichen, was verändern und dabei in Wirklichkeit eigentlich nur unser Ego pushen, im Glauben an ein höheres Ziel?

Ich, zum Beispiel, würde gerne mal mit meinem Fahrprüfer reden. Ich trage ein Kopftuch, in Frankfurt eigentlich nichts Besonderes. Multi-Kulti, wenn auch nicht akzeptiert, dann zumindest toleriert. Oder umgekehrt. Seine Unfreundlichkeit und sein Rumgemurmele machten mich nervöser als ich eh schon war. Nachdem er mir nach einer Viertelstunde Fahrt ( ohne gravierende Fehler, sonst hätte er mir zwei Minuten gegeben) mitteilte, dass ich nicht bestanden hatte, versuchte meine Fahrlehrerin ihm zu erklären, dass ich ab und zu etwas unaufmerksam bin und daher nicht immer vorrausschauend fahre. „Ich kenne Sie nicht lange, aber von dem was mir Ihre Fahrlehrerin gesagt hat, liegt es bestimmt an ihrer Mentalität, dass sie durchgefallen sind.“ Allein dieses Wort. „Sie können versuchen daran zu arbeiten, aber vielleicht ist es besser Sie machen keinen Führerschein, bevor Sie sich und andere gefährden.“

Nicht alle Menschen sind perfekt. Aber dieses Wort „Mentalität“, hat mich nicht losgelassen. Ich dachte, und sicher ist es schwachsinnig so zu denken, sicher unberechtigt: Was wäre, wenn ich kein Kopftuch getragen hätte? Hätte er milder geurteilt? Hätte er mir sein Ergebnis anders mitgeteilt?

Vielleicht hatte er einen schlechten Tag, womöglich hatte all dies wirklich absolut gar nichts mit meinem Kopftuch zu tun. Aber trotzdem bleibt da dieses Unbehagen, dieses ungute Gefühl der angekratzten Identität.

Nichtsdestotrotz ist es keine einmalige Erfahrung. Im Rahmen der Wochen gegen Rassismus 2010 schrieb ich ein höchst ironisches Gedicht über die Gedanken einer Muslimin im deutschen Alltag. Bevor ich jenes vorlas, erzählte ich von einer rassistisch anmutenden Begebenheit einer muslimischen Bekannten und eines unverschämten Fahrkartenkontrolleurs. Im Publikum saßen Biodeutsche und Frauen mit Migrationshintergrund, Lehrer und Sozialarbeiter Mitte Dreißig, mal älter, mal jünger. Ich war kaum fertig, als sich die Menge angegriffen fühlte. „Alle Fahrkontrolleure und Beamten sind unfreundlich und unverschämt, das hatte gar nichts mit ihrem Kopftuch zu tun.“, „Das ist sehr subjektiv, das lag bestimmt nicht am Kopftuch“ und „Kopf hoch!“ Sie wollten mir damit zu verstehen geben, dass sie selbst genauso gut „Opfer“ waren oder sein könnten. Sie wollten nicht, dass ich die Muslimin zum Opfer stilisierte, sie wollten mir das ungute Gefühl weg nehmen. Nur zwei Frauen sahen das anders. Zwei marokkanische Geschwister, zufällig auch Kopftuchträgerinnen. „Nein! Ihr wisst nicht wie das ist! Man merkt den Unterschied! Wir haben ähnliche Erfahrungen gemacht, ihr könnt uns nicht erzählen, es hätte nichts mit dem Kopftuch zu tun. Man spürt es!“

Klar ist, dass die „beleidigte Muslima“ einfach nur nervt. Man erinnert sich an den Karikaturenstreit, an den Mohammed-Schmähfilm, an den muslimischen Mob, der immer dann rauskommt, wenns es ihm lustig ist. Wir nehmen es nicht so ernst, weil es schlimmeres gibt auf der Welt. Es gibt echte Probleme, Gewalt, Armut. Doch ist es ein bisschen so wie bei der Sexismus-Debatte: Die Frauen fühlen sich belästigt, in ihrer Würde verletzt. Und? Was ist denn schon dabei? Es gibt doch schlimmeres auf der Welt, oder?

What's the ugliest Part of your body? I think it´s your mind…Frank Zappa

Passend dazu lade ich euch herzlich ein zum 3.Interreligiösen Literaturabend im Rahmen der Wochen gegen Rassismus 2013 und dem internationalen Weltfrauentag in Frankfurt am Main, am 14.März, 18.30 – 20.30 Uhr im Saalbau Ronneburg.

“Wenn ein Wilder aufhört an einen Gott zu glauben, der aus Holz ist – so heißt dies nicht, dass es keinen Gott gibt, sondern nur, dass dieser Gott nicht aus Holz ist.” – Leo Tolstoi

23:17 23.02.2013
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
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GeniusIsBornNotPaid

Studium der Religionswissenschaften und Germanistik an der Goethe Universität Frankfurt; Ehrenamtlich aktiv im interreligiösen Dialog.
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