Lieber Franz Viohl

Replik Franz Viohl kommentierte das Buch "Selbst Denken" von Harald Welzer in einem offenen Brief. Über einen seiner Sätze bin ich gestolpert ...
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Lieber Franz Viohl,
Du schreibst: "Diejenigen werden [Widerstand] leisten, die nichts zu verlieren haben. Dazu brauchen sie keine Anleitung."
Leider halte ich das aus verschiedenen Gründen für unzutreffend bzw. irrelevant:

  1. O doch, sie brauchen Anleitung, denn wer nichts zu verlieren hat, lebt meistens in und ist geprägt von einer Umgebung, die eine Kultur der voreiligen Schlüsse verinnerlicht hat. Da wird dann aus einer unbestimmten Bewegung in Richtung Systemkritik ganz schnell hässliche Verschwörungstheorie: Wenn alles den Bach runter geht, muss das am Wirken einzelner identifizierbarer Menschen liegen, die moralisch (oder genetisch) nicht richtig ticken. Die progressiven Kräfte drohen das revolutionäre Subjekt stets an die organisierte Idiotie zu verlieren. Deren Vertreter wissen das auch sehr genau und haben mit "Bild, BamS und Glotze" genau die richtigen Schaltstellen besetzt, um die potentiellen "Wutproletarier" in ihrem Sinne zu beeinflussen, was denn auch großen Erfolg zeitigt. Leider haben die progressiven Kräfte von heute keine Ahnung, wie sie das revolutionäre Subjekt ansprechen sollen - es fehlt einfach eine Sprache, die von diesem verstanden würde ohne die Gefahr, in Richtung Ressentiment umzukippen. Dieses Kunststück haben wir noch vor uns.
  2. Diejenigen, die nichts zu verlieren haben, nennen wir sie mal das "untere Viertel" (ohne das im mathematischen Sinne zu verstehen), sind immer zu wenige. Deswegen hat es diese Gruppe auch noch niemals geschafft, eine Ordnung zu kippen, auch wenn sie Widerstand leisteten. Ausschlaggebend war immer, dass mächtigere Gruppen, die mehr Weitblick haben, nennen wir diese das "zweitoberste Viertel", einen Verfall ihrer Interessen für wahrscheinlich genug gehalten haben, um ein System abschmieren zu lassen. Aber diese Gruppe ist vorsichtig: Sie weiß, wie komplex das System ist und wie schwer es daher ist, ein neues und (in ihrem Sinne) funktionierendes System zu errichten. Die entscheidende Gruppe ist das "zweitunterste Viertel", denn wenn diese Gruppe sich erst mal ernsthaft gegen die etablierte Ordnung wendet, wird es für ihre oberen Nachbarn wirklich heikel, und dann passiert auch was. Das Problem ist, dass die Angehörigen dieser "zweituntersten" Gruppe in der Regel eine sehr hohe Meinung von sich selbst und von ihrer Durchsetzungsfähigkeit aufgrund moralischer (oder genetischer) Überlegenheit haben (und von einem großen Teil der Populärkultur in dieser Ansicht bestärkt werden). Das zweite Kunststück wäre darum, diejenigen anzusprechen, die schon noch ein bisschen was zu verlieren haben, und ihnen zu der Einsicht zu verhelfen, dass das Strampeln in gegenseitiger Konkurrenz ein Lottospiel ist, bei dem selbst der Fitteste einfach Pech haben kann.


Das wollte ich mal gesagt haben.

Franz Viohls offener Brief erschien in Freitag 13/13 und war zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieser Replik noch nicht online.

23:55 29.03.2013
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Lt. Commander Geordi LaForge

If it works the way I think it will, once the invasive program starts spreading, it'll only be months before the Borg suffer total systems failure.
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