1919: Strafe muss sein

Zeitgeschichte Der Versailler Vertrag gibt Deutschland die Alleinschuld am Ersten Weltkrieg. Es verliert Gebiete, muss massiv abrüsten und Reparationen zahlen
1919: Strafe muss sein
Der Vertrag, unterschrieben von den Staatschefs der Siegermächte

Foto: United Archives/Imago Images

Im Frühjahr 1918 scheiterte eine letzte deutsche Offensive des Ersten Weltkrieges an der Westfront, im August war ein britischer Angriff erfolgreich. General Ludendorff, mit Paul von Hindenburg Kopf der Obersten Heeresleitung (OHL), bezeichnete den 8. August als den „schwarzen Tag des deutschen Heeres“. Am 29. September forderte er, das Deutsche Reich müsse sofort ein Waffenstillstandsangebot machen. Die Regierung sei durch die Aufnahme von Politikern der im Reichstag vertretenen Parteien auf eine parlamentarische Grundlage zu stellen. So traten in das Kabinett des neuen Kanzlers Max von Baden (seit 3. Oktober) auch Mitglieder der MSPD (Mehrheitssozialdemokratische Partei Deutschlands nach der Abspaltung der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei, USPD), der katholischen Zentrumspartei, der Nationalliberalen Partei und der linksliberalen Fortschrittlichen Volkspartei ein. Anschließend richtete das Reich ein Waffenstillstandsangebot an den US-Präsidenten Woodrow Wilson. In dem nachfolgenden Notenwechsel machte dieser klar, dass Deutschland ohne Änderungen die Bedingungen der Feindmächte anzunehmen habe. Als weitere Voraussetzung eines Waffenstillstands deutete er eine Abdankung des Kaisers an.

Zu der kam es erst dank der Massenstreiks am 9. November. Der Mehrheitssozialdemokrat Friedrich Ebert wurde Kanzler. MSPD und USPD stellten anschließend die faktische neue Regierung: den Rat der Volksbeauftragten. Am 11. November 1919 wurde in einem Eisenbahnwagen im Wald von Compiègne der Waffenstillstand geschlossen. Deutschland musste das linke Rheinufer und innerhalb von 15 Tagen alle besetzten Gebiete im Westen (inklusive Elsass-Lothringen) räumen sowie alle U-Boote und 2.000 Flugzeuge ausliefern. Der ebenfalls verfügte Abzug aus Russland sollte vorläufig noch aufgeschoben werden.

Am 18. Januar 1919 wurde im Spiegelsaal des Schlosses von Versailles die Friedenskonferenz zur Beendigung des Weltkriegs eröffnet. An ihr nahmen nur die Siegermächte teil: neben den „Großen Drei“ (Frankreich, Großbritannien, USA) noch etwa zwei Dutzend weitere Staaten. Mit der deutschen Delegation wurden lediglich Memoranden gewechselt, erst am 7. Mai 1919 erhielt sie den Vertragsentwurf, der an Rigorosität nichts zu wünschen übrig ließ. Mit ihren Eingaben erreichte die deutsche Seite lediglich, dass Oberschlesien nicht einfach abgetreten werden, sondern darüber eine Volksabstimmung stattfinden sollte. Am 16. Juni dann händigten die Siegermächte eine Note mit den endgültigen Bedingungen aus und verlangten die deutsche Unterschrift.

Der französische Marschall Ferdinand Foch, Oberbefehlshaber der alliierten Truppen, drohte für den Fall der Weigerung mit militärischem Angriff und Besetzung des Reichs. Philipp Scheidemann (MSPD), seit 13. Februar 1919 Reichsministerpräsident, hatte am 12. Mai erklärt: „Welche Hand müsste nicht verdorren, die sich und uns in solche Fesseln legte?“ Er trat am 20. Juni 1919 zurück. Nachfolger wurde der Mehrheitssozialdemokrat Gustav Bauer. Am 23. Juni nahm die Nationalversammlung mit 237 zu 138 Stimmen unter Protest den Vertrag an. Die Gegenstimmen kamen von der monarchistischen Deutschnationalen Volkspartei, der rechtsliberalen Deutschen Volkspartei, der Mehrheit der linksliberalen Deutschen Demokratischen Partei (Nachfolgerin der Fortschrittlichen Volkspartei) und einigen Zentrumsabgeordneten. Am 28. Juni 1919 unterzeichneten Außenminister Hermann Müller (MSPD) und Verkehrsminister Johannes Bell (Zentrum) den Vertrag.

Sein Artikel 231 bezeichnet das Reich als „Urheber“ des Krieges, der seinen Gegnern „durch den Angriff Deutschlands und seiner Verbündeten aufgezwungen wurde“. Konsequenz waren umfangreiche Gebietsabtretungen, darunter im Westen die von Elsass-Lothringen, das 1871 annektiert worden war. Im Osten betrafen sie Territorien, die Preußen bei den drei polnischen Teilungen im 18. Jahrhundert an sich gerissen hatte (darunter Westpreußen). Das sogenannte Hultschiner Ländchen ging an die Tschechoslowakei. Die deutschen Kolonien wurden Mandatsgebiete des Völkerbunds, dessen Gründung man ebenfalls in Versailles beschlossen hatte. Ihm wurde bis 1935 auch das Saargebiet unterstellt. Über weitere Gebietsabtretungen fanden Volksabstimmungen statt, in deren Ergebnis Teile Schleswigs zu Dänemark, Teile Oberschlesiens (einst von Friedrich II. erobert) zu Polen und Eupen-Malmedy zu Belgien kamen, Ostpreußen verblieb größtenteils bei Deutschland. Danzig wurde Freie Stadt und stand unter Aufsicht des Völkerbunds, ebenso das Memelland. Deutschland war nur noch eine Berufsarmee von 100.000 Mann zu Land und von 15.000 bei der Marine gestattet, keine Luftwaffe.

Bis April 1921 war eine erste Rate an Reparationen in Höhe von 20 Milliarden Goldmark zu zahlen. Die endgültige Höhe des Betrages, der Deutschland auferlegt werden sollte, war Gegenstand von Auseinandersetzungen zwischen dem Reich und den Siegermächten, während der gesamten Dauer der Weimarer Republik. John Maynard Keynes, der 1919 in Versailles als Vertreter des Schatzamts der britischen Delegation angehörte, fand die wirtschaftlichen Bestimmungen derart katastrophal, dass er unter Protest von seinem Posten zurücktrat.

Der US-Kongress lehnte die Ratifizierung des Versailler Vertrages ebenso wie den Beitritt zum Völkerbund ab. Präsident Wilson galt mit seiner Vision, eine Weltfriedensordnung zu stiften, als weltfremder Idealist. Falls der Versailler Vertrag das Ziel hatte, Deutschland so zu schwächen, dass es nicht mehr angriffsfähig war, hat er dieses nicht erreicht. Es behielt den Kern seiner industriellen Basis, die ab 1933 eine rasche Wiederaufrüstung ermöglichte. Lagerübergreifend wurde das Abkommen in Deutschland als Demütigung und ruinös abgelehnt.

Angeblich hat diese Empörung den Aufstieg Hitlers begünstigt. Er begann jedoch erst ab 1929, in einer Weltwirtschaftskrise, die ihre Ursache nicht in Versailles hatte. Das Ressentiment erwuchs keineswegs nur aus Not, sondern bei der Rechten auch aus der Wut über entgangene Beute. Der Versailler Vertrag war nicht maßloser als die ausufernden deutschen Kriegsziele, die seit 1914 immer exzessiver geworden waren. Wie ihre Realisierung im Fall eines deutschen Sieges ausgesehen hätte, davon liefert der Raubfrieden von Brest-Litowsk, der im März 1918 Sowjetrussland diktiert wurde, eine Vorstellung. Er ist bereits durch die Waffenstillstandsbedingungen vom November desselben Jahres kassiert worden.

Die uferlosen deutschen Kriegsziele, Brest-Litowsk und Versailles – sie haben die gleiche Ursache, die auch zum Ersten Weltkrieg geführt hat: Die Zeitgenossen bezeichneten sie recht ungeniert als Imperialismus (in Deutschland: Weltpolitik). Der britische Historiker Eric Hobsbawm hat diese Konstellation viele Jahrzehnte später so beschrieben: „Weshalb also wurde der Erste Weltkrieg von den führenden Mächten beider Seiten als Nullsummenspiel geführt, als ein Krieg also, dessen Ausgang nur ein totaler Sieg oder eine totale Niederlage sein konnte? Der Grund dafür war, dass sich dieser Krieg, im Gegensatz zu den (normalerweise begrenzten und spezifizierten) früheren Kriegen, auf unbegrenzte Ziele richtete. Im imperialen Zeitalter waren Politik und Wirtschaft miteinander verschmolzen. Internationale politische Rivalität ahmte Wirtschaftswachstum und Wettbewerb nach, deren charakteristisches Merkmal es ja schon prinzipiell war, grenzenlos zu sein. Die ‚natürlichen Grenzen‘ von Standard Oil, der Deutschen Bank oder der De Beers Diamond Corporation lagen dort, wo das Universum endet, zumindest aber erst da, wo ihre Expansionsfähigkeit endete.“ Dieser Befund einerseits, das Drängen des Deutschen Reichs zum Losschlagen 1914 andererseits könnten Kriterien in den immer wieder einmal aufflammenden Debatten über den Kriegsschuld-Artikel 231 des Versailler Vertrags bieten.

06:00 31.05.2019
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