1948: Stunde eins

Zeitgeschichte Die westlichen Besatzungsmächte betreiben mit der D-Mark eine Abgrenzung von der sowjetischen Besatzungszone. Die Einführung der Ostmark ist die Reaktion

Die Aufrüstung Deutschlands nach 1933 und sein Krieg ab 1939 waren auf Pump und mit der Druckerpresse finanziert. Ausraubung eroberter Länder und Zwangsarbeit machten diese Art der Geldschöpfung nicht überflüssig. Die Produktionsanlagen wurden erweitert und sind erst in der letzten Kriegsphase hinter den Stand vor 1939 zurückgebombt worden. Teilweise lagen sie 1945 nur unter Trümmern, die beseitigt werden mussten, manche Schäden waren schnell zu beheben. Umfangreiche Demontagen gab es in der sowjetischen Besatzungszone, im Westen waren sie geringfügig. Mit Kriegsende stand einem enormen Geldüberhang ein knappes Warenangebot gegenüber. Eine daraus resultierende Hyperinflation war durch den aus der NS-Zeit weiterbestehenden Lohn- und Preisstopp weniger vermieden als nur unsichtbar gemacht: Begehrte Waren tauchten im offiziellen Angebot gar nicht erst auf, sondern wurden auf dem schwarzen Markt zu Mondpreisen oder im Naturaltausch gehandelt. Die – vorzugsweise amerikanische – Zigarette war im Alltagsgebrauch die wichtigste reale Währung.

So gesehen war ein Geldschnitt zunächst ein rein technisches Erfordernis. Zuständig waren die vier Besatzungsmächte. Deutschen Institutionen, etwa den Landesregierungen, wären unmittelbar nach der Kapitulation nur Hilfsfunktionen zugekommen. Bis es so weit war, vergingen Jahre, und das Umfeld änderte sich. Der Kalte Krieg bestimmte den Charakter aller Einzelmaßnahmen, auch in der Geldpolitik. Sie hatten keine gesamtdeutsche Bedeutung mehr. Seit dem 1. Januar 1947 gab es ein „Vereinigtes Wirtschaftsgebiet“, bestehend aus der amerikanischen und britischen Besatzungszone. Im März desselben Jahres rief US-Präsident Harry S. Truman den Kalten Krieg aus, während im Juni sein Außenminister George Marshall ein ökonomisches Hilfsprogramm für Europa vorschlug, das die Empfängerländer an die USA band. Die Einbeziehung der westlichen Besatzungszonen Deutschlands war sehr früh vorgesehen. Vom 23. Februar bis 2. Juni 1948 tagte in London eine Sechs-Mächte-Konferenz. Belgien, Frankreich, Großbritannien, Luxemburg, die Niederlande und die USA erarbeiteten Empfehlungen zur Bildung eines westdeutschen Teilstaats. Dessen etwaige Einbeziehung in ein Militärbündnis lag noch in weiter Ferne, umso deutlicher war in all diesen Projekten das Primat der Ökonomie. Dies machte die Klärung der Währungsfrage vollends unabdingbar und jetzt auch dringend.

Schon am 23. Juli 1947 gründete der Wirtschaftsrat der Bizone eine „Sonderstelle Geld und Kredit“ in Bad Homburg vor der Höhe. Die französische Zone schloss sich deren Arbeiten an. Es entstanden Landeszentralbanken, am 1. März 1948 wurde eine „Bank deutscher Länder“ in Frankfurt/Main gegründet, wo auch der Sitz des Wirtschaftsrates war. (Aus ihr wurde 1957 die Deutsche Bundesbank.) Leiter der „Sonderstelle Geld und Kredit“ war der Direktor des Bizonen-Wirtschaftsrates Ludwig Erhard.

Die Oberhoheit über die Währungsumstellung lag aber bei den drei westlichen Besatzungsmächten. Schon seit September 1947 wurde das projektierte neue Geld (die Deutsche Mark = D-Mark) in den USA gedruckt, von Februar bis April 1948 in einer Geheimaktion („Operation Bird Dog“) nach Frankfurt/Main gebracht und von dort aus weiterverteilt. Erst dann, vom 20. April bis zum 8. Juni, beschäftigten sich in Rothwesten bei Kassel zehn Mitglieder der „Sonderstelle Geld und Kredit“ in einer Klausur zusammen mit britischen, französischen und US-Spezialisten mit den Einzelheiten. Am 1. Juni 1948 erfolgte der formelle Beschluss für die Währungsumstellung durch die drei westlichen Militärregierungen. Im März hatte sich die UdSSR aus dem Alliierten Kontrollrat zurückgezogen. Ihre Militäradministration in Deutschland wurde am 18. Juni über die Einführung des neuen Geldes informiert. Am selben Tag, einem Freitag, gaben die westlichen Besatzungsmächte über alle Sender bekannt, dass von Montag, 21. Juni, an eine neue Währung gelte, die ab Sonntag, 20. Juni, eingetauscht werden könne.

Jeder Haushalt und jede alleinlebende Person erhielt 40 D-Mark „Kopfgeld“. Barbestände und Sparguthaben der alten „Reichsmark“ wurden im Verhältnis 10 : 1 abgewertet. Die Hälfte des verbleibenden Betrags wurde auf einem Festkonto eingefroren und vor der Auszahlung noch einmal so gekürzt, dass sich ein Umtauschverhältnis von 10 zu 0,65 ergab.

Der Schnitt betraf in erster Linie den Teil des Volkseinkommens der vergangenen Jahrzehnte, der von Lohn- und Gehaltsabhängigen gespart worden war, weil sich wegen des nur geringen Warenangebots kaum etwas dafür kaufen ließ. Immobilien und das Anlagenkapital, das durch die arbeitende Bevölkerung unter solchen Bedingungen gemehrt worden war, blieben davon unberührt. Insofern handelt es sich um eine Umverteilung zugunsten der Eigentümer von „Sachwerten“. Makroökonomisch bedeutete dies Ungleichheit. Ideologiepolitisch stellte sich der umgekehrte Effekt ein: Schließlich seien zumindest am 20. Juni 1948 alle Westdeutschen gleich gewesen, sie bekamen zunächst unterschiedslos 40 D-Mark auf die Hand. Anschließend könne, wer damit nicht zufrieden war, durch fleißige Arbeit unter Nutzung des vorhandenen Sachkapitals (das nach wie vor vorhanden, wenngleich unverändert im Besitz weniger war) ja mehr daraus machen.

Ludwig Erhards Einfluss auf die Währungsreform wird überschätzt

Einen Tag später, am 21. Juni, waren die bis dahin leeren Läden voll. Gehortete Waren kamen ins Schaufenster, vorher ungenutzte Vorprodukte wurden verarbeitet. Schulkinder lernten, was Speiseeis ist – erhältlich zunächst nicht in Waffeln, sondern auf Pappe, zu bezahlen mit einem kleinen blauen D-Pfennig-Schein. Münzen kamen später.

Auf die währungspolitische Spaltung reagierte die sowjetische Militäradministration an einem Punkt, an dem der Westen verwundbar schien: mit der Ausgabe einer Ostmark nicht nur in ihrer Zone, sondern auch in ganz Berlin. Daraufhin setzten die Stadtkommandanten Frankreichs, Großbritanniens und der USA in ihren Sektoren die D-Mark in Umlauf. Das war am 24. Juni, in der Nacht darauf begann die Berlin-Blockade der UdSSR.

Der Wechselkurs zwischen Dollar und D-Mark war auf 1 : 3,33 festgelegt. Ludwig Erhards Einfluss auf die Währungsreform wird überschätzt. Sein eigener Coup kam allerdings gleichzeitig. Im Alleingang, ohne Abstimmung mit den Alliierten, verkündete er am 21. Juni die Aufhebung des Preisstopps und der Bewirtschaftung. An die Stelle der bisherigen staatlichen Zuweisungen durch Lebensmittelkarten und Bezugsscheine traten Angebot und Nachfrage auf dem entfesselten Markt zu D-Mark-Preisen. Da der Lohnstopp weiterbestand, waren für Geringverdienende viele der schönen Dinge in den Läden unerschwinglich. Am 12. November kam es zu einer Art Generalstreik, dem der Wirtschaftsrat am 3. November durch Aufhebung des Lohnstopps zuvorkam. Auch danach blieb Erhards Kurs umstritten. Wegen der hohen Arbeitslosigkeit zwangen ihm die Westalliierten 1950 ein kleines Konjunkturprogramm auf, das allerdings bald überflüssig wurde: Als die USA im Korea-Krieg noch mehr in die Rüstung investierten und deshalb auf dem Weltmarkt etwas weniger aktiv waren, drangen Waren aus der Bundesrepublik in die so entstandenen Lücken vor, zusätzlich gefördert durch die 1950 erfolgte Abwertung der D-Mark auf jetzt 1 : 4,20. Bald schon begann die Zeit der Exportüberschüsse. In der Bundesrepublik bildete sich ein merkantilistischer Wirtschaftsstil heraus: Im System der festen Wechselkurse von Bretton Woods war die D-Mark meist unterbewertet. Anpassungen im Verhältnis zur Leitwährung Dollar erfolgten äußerst selten. Dies stimulierte – neben der Lohnzurückhaltung der 1950er Jahre – die Ausfuhr aus der Bundesrepublik zusätzlich.

Man sagt, 1945 habe es keine Stunde null gegeben. Aber es gab eine Stunde eins: 1948 – durch die Kombination von Währungs- und Wirtschaftsreform.

06:00 23.07.2018
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