1955: Erstaunlich trinkfest

Zeitgeschichte Adenauer fliegt in die UdSSR. Moskau will offizielle Beziehungen zu Bonn aufnehmen und dessen deutschen Alleinvertretungsanspruch aufbrechen. Es geht hart zur Sache

Vor 60 Jahren endete die Bewegungsphase des Kalten Krieges, den die USA und die Sowjetunion – jeweils gefolgt von der BRD und der DDR – gegeneinander führten, und ging in einen jahrzehntelangen Stellungskrieg über. Beide Seiten hatten bis dahin mit umgekehrtem Vorzeichen das gleiche Ziel verfolgt: Sie wollten ihre Interessen in ganz Deutschland durchsetzen.

Originalton Konrad Adenauer in einer Rede 1952: „Wenn der Westen stärker ist als Sowjetrussland, dann ist der Tag der Verhandlungen mit Sowjetrussland gekommen. Dann wird man auf der einen Seite Deutschland die Furcht nehmen müssen, die es hat. Dann wird man auch Sowjetrussland klarmachen müssen, dass es so nicht geht, dass es unmöglich halb Europa in Sklaverei halten kann, und dass im Wege einer Auseinandersetzung – nicht einer kriegerischen Auseinandersetzung, sondern im Wege einer friedlichen Auseinandersetzung – die Verhältnisse in Osteuropa neu geklärt werden müssen.“ Bis es so weit war, galt das sogenannte „Alleinvertretungsrecht“: der Anspruch der Bonner Regierung, auch für die Bevölkerung der DDR zu handeln.

Die Entwicklung der Westzonen, später der Bundesrepublik, seit Ausbruch des Kalten Krieges entsprach dieser Linie: Gründung eines Separatstaates 1949, Herstellung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl (unter anderem mit Frankreich) 1951, NATO-Beitritt 1955. Dies sollten die Voraussetzungen dafür sein, dass aus einer Position westlicher Überlegenheit heraus verhandelt werden konnte. Tatsächlich erhielt Adenauer am 7. Juni 1955 eine Einladung nach Moskau zu Gesprächen über die Aufnahme diplomatischer Beziehungen. Dies war nun allerdings nicht das Ergebnis von Kontinuität, sondern bahnte eine Kehrtwende an.

Wie 1994 der Essener Historiker Wilfried Loth aus den Akten herausgearbeitet hat, war die DDR „Stalins ungeliebtes Kind“. Die Sowjetunion wollte keinen sozialistischen Teilstaat, sondern ein neutrales Gesamtdeutschland, aus dessen Ressourcen besonders im Ruhrgebiet die Reparationslieferungen kommen sollten. Deshalb hatte Moskau die Gründung einer Bundesrepublik Deutschland verhindern wollen, zog nur widerwillig mit der Proklamierung der DDR nach und versuchte auch danach noch, die Spaltung rückgängig zu machen. Höhepunkt dieser Bemühungen war eine Note an die Westmächte vom 10. März 1952. Darin wurde ein neutraler gesamtdeutsche Staat vorgeschlagen, der sogar eine Armee haben dürfe. Erst als das abgelehnt war, wurde im Juni 1952 in der DDR verkündet, die „Grundlagen des Sozialismus“ zu schaffen – ein Bruch mit der bisherigen Politik. Dieser Beschluss wurde nach dem 17. Juni 1953 zumindest teilrevidiert: Bis 1955 schlug die Sowjetunion immer wieder Verhandlungen über Gesamtdeutschland vor. Dann aber waren mit einem Eintritt der BRD in die NATO Tatsachen geschaffen, die man in Moskau zur Kenntnis nehmen musste.

Nach einer Genfer Gipfelkonferenz im Juli 1955 machte der Erste Sekretär der KPdSU, Nikita Chruschtschow, auf der Rückreise in Ostberlin Station und verkündete das Ende der bisherigen Gesamtdeutschland-Politik. Ab sofort galt die „Zwei-Staaten-Theorie“. Die deutsche Einheit sollte nicht mehr Aufgabe der Siegermächte des II. Weltkriegs sein. Der Weg dorthin führe über Verhandlungen der beiden deutschen Staaten. Die Anerkennung der DDR als Subjekt des Völkerrechts war Voraussetzung dafür. Mit seinem Alleinvertretungsanspruch sei Adenauer gescheitert. Das war die eine Hälfte der Wahrheit. Die andere: Auch der Versuch der UdSSR, die Integration der Bundesrepublik in einen Westblock zu verhindern, war fehlgeschlagen. Neues Ziel war nun die völkerrechtliche Anerkennung der DDR. Damit quittierte Chruschtschow, gemessen an der bisherigen Strategie, eine Niederlage. In Bonn hielt man am Alleinvertretungsanspruch fest, blieb also zumindest deklamatorisch offensiv. Mehr ließ das militärische Kräfteverhältnis nicht zu. Insofern hatte die DDR für einige Jahre den Wind im Rücken.

Adenauer nahm die Einladung nach Moskau an. Die Verhandlungen mit der Sowjetunion, die in seinem Konzept als letzter Akt vorgesehen waren, wollte er, wenn es später einmal so weit sein sollte, nicht allein den Westalliierten überlassen. Mit der Aufnahme diplomatischer Beziehungen allerdings geriet der Bonner Alleinvertretungsanspruch in Gefahr, denn die Sowjetunion hätte dann Botschaften in beiden deutschen Staaten.

Adenauer reiste an der Spitze eines hundertköpfigen Gefolges an. Da es noch keine eigene Mission in Moskau gab, waren 13 Waggons der Bundesbahn vorausgeschickt worden, die als Ersatz dienten. Die Verhandlungen dauerten vom 9. bis zum 13. September. Es gab auch eine Art Beiprogramm. Beim Besuch des Balletts Romeo und Julia erhoben sich – als am Ende die Häuser Capulet und Montague über den Leichen des Paars die Versöhnung suchen – der sowjetische Premier Nikolai Bulganin und Adenauer und reichten einander feierlich die Hände. Auch wird von der überraschenden Trinkfestigkeit des Kanzlers berichtet. Welche klare Flüssigkeit sich in den zahlreichen Wodkagläsern, die er angeblich leerte, wirklich befand, ist nicht zuverlässig überliefert.

Tagsüber ging es zur Sache. Bulganin und Chruschtschow wollten die diplomatischen Beziehungen, die westdeutsche Delegation die Rückkehr der in der UdSSR noch verbliebenen deutschen Kriegsgefangenen. Beides war nur möglich durch Modifikation bisheriger Positionen. Als man schließlich einen Vertrag über die Hinwendung zur diplomatischen Normalität unterschrieb, überreichte Adenauer ein Papier, das ausdrücklich das Beharren auf einer abweichenden Auffassung in der deutschen Frage wiederholte. Es war ohne völkerrechtliche Bedeutung.

Für Bulganin und Chruschtschow gab es keine deutschen Gefangenen mehr – das seien alles verurteilte Kriegsverbrecher. Ohne ihre Freilassung hätte Adenauer keine diplomatischen Beziehungen aufnehmen können. Angeblich hat er, als die Verhandlungen in einer Sackgasse steckten, in einem offenen Telefonat in die Bundesrepublik, das abgehört werden konnte, Lufthansa-Flugzeuge für eine vorzeitige Rückkehr geordert. Vielleicht gehörte das zu einer Inszenierung, die beide Seiten brauchten. Schließlich gestand die Sowjetunion eine Freilassung der Kriegsgefangenen zu. Adenauer wollte das schriftlich, doch dazu waren Bulganin und Chruschtschow nicht bereit. Sie gaben ihr mündliches Ehrenwort. Erst zwei Tage nach dem Ende des Besuchs aus der BRD ließ sich die sowjetische Regierung zu einer verbindlichen öffentlichen Ankündigung herbei, freilich nicht für Adenauer, sondern gegenüber einer DDR-Delegation unter Leitung von Ministerpräsident Otto Grotewohl: Man habe einer Bitte des DDR-Präsidenten Wilhelm Pieck entsprochen.

Noch auf Adenauers Rückflug entwarf Wilhelm Grewe, Leiter der politischen Abteilung des Auswärtigen Amtes, die Grundzüge jener Doktrin, die später nach dem Staatssekretär Hallstein benannt wurde. Unabhängig von der Sonderregelung, die in Moskau vereinbart worden war, werde die Bundesrepublik die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen der DDR und Drittstaaten als unfreundlichen Akt ansehen. Damit engte sie in den nächsten Jahren ihren außenpolitischen Spielraum ein. Es begann die Zeit, in der Adenauer als störrischer Greis betrachtet wurde, der nicht mehr die nötige Flexibilität aufbringe. Die hatte er aber gerade in Moskau bewiesen, zum Missfallen seines Außenministers Heinrich von Brentano und unter dem Stirnrunzeln amerikanischer Beobachter.

Im Oktober 1955 kehrten die letzten 9.626 deutschen Kriegsgefangenen aus der UdSSR zurück, außerdem über 20.000 Zivilinternierte. Adenauer erreichte den Höhepunkt seiner Popularität. Noch im Jahr seines Todes 1967 ergab eine Umfrage, dass eine große Mehrheit die Heimkehr der Gefangenen als seine größte Leistung ansah. Adenauer und Chruschtschow hatten 1955 auf Zeit gespielt. Die Bilanz wurde 1989/1990 gezogen.

06:00 16.09.2015
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