'68 muss nicht umgeschrieben werden

Fall Kurras Über revolutionäre Gewalt und konterrevolutionäre Gegengewalt wurde im SDS bereits seit 1965 gestritten. Der Tod von Benno Ohnesorg 1967 hat beschleunigt, was im Gang war

Schweifen wir zunächst – scheinbar – ab. Als am 27. April 1972 im Bundestag das Misstrauensvotum gegen Bundeskanzler Willy Brandt scheiterte, fehlte dem Unions-Kandidaten Rainer Barzel die Stimme des CDU-Abgeordneten Julius Steiner. Dieser bekannte später, er habe fünf Tage vorher Kontakte zu einem östlichen Geheimdienst aufgenommen. Und vom Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion, Karl Wienand, habe er 50.000 D-Mark erhalten.

Guillaume hat den Lauf der Geschichte nur verzögert

Am Vorabend der Abstimmung fanden landauf, landab Demonstrationen für Brandt statt. Nach der Stimmenauszählung herrschte auf den Straßen großer Jubel. Wäre der Kanzler gestürzt, hätte dies den vorläufigen Gang der Geschichte ein wenig verzögert, aber nicht geändert. Die Union wäre wegen der Ostverträge in größte Verlegenheit geraten und hätte sie doch passieren lassen müssen. Brandts Verbleiben im Amt galt – trotz der Steiner-Wienand-Affäre – nicht nur als formal legal, sondern in einem übergeordneten Sinn auch als legitim.

Gleiches lässt sich über seinen Sturz im Mai 1974 sagen. Brandts Referent Günter Guillaume arbeitete im Auftrag des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR. Er war der Anlass, nicht der Grund für den Kanzlerwechsel. 1973 hatte eine Demontage Brandts eingesetzt. Er kam mit der sich verdüsternden Wirtschaftslage nicht zurecht, Panne reihte sich an Panne. Mit dem Streik im Öffentlichen Dienst Anfang 1974 handelte sich der Gewerkschaftsvorsitzende Kluncker den Ruf des Königsmörders ein. Die Guillaume-Affäre beendete eine Phase der Kanzler-Agonie. Brandt konnte mit Stil abtreten und rettete sein nächstes politisches Leben. (Er selbst, das ist wahr, hat das anders gesehen.)

Und jetzt Benno Ohnesorg und Karl-Heinz Kurras: dasselbe, aber makaber.

... und Karl-Heinz Kurras hat ihn nur beschleunigt

1955 hatte sich der Polizist vom Ministerium für Staatssicherheit anwerben lassen. 1962 trat er SED bei. Die Mauer stand noch nicht, als er IM wurde, in beiden Teilen Berlins fuhrwerkten die Geheimdienste. Es wurde hinüber und herüber an- und abgeworben. Als Kurras am 2. Juni 1967 auf Benno Ohnesorg schoss, war er Beamter der Westberliner Polizei. Deren Präsident, Erich Duensing, hatte die Order gegeben, man müsse in die Mitte der Demonstration hineinstechen wie in eine Wurst. Es gab auch die Polizeitaktik „Füchse jagen“. Gegen diesen Staat begann die APO.

Allerdings hat Kurras sie nicht herbei geschossen. Die Studierendenbewegung war Ausdruck eines gesellschaftlichen Prozesses: Entstehung und Aufstieg der Intelligenz als Massenschicht. Über revolutionäre Gewalt und konterrevolutionäre Gegengewalt war im SDS schon seit 1965 gestritten worden. Insofern hätte der 2. Juni nur beschleunigt, was ohnehin schon im Gang war.

Die Scheidung der Linken

Dies ist beschönigend. Dass der Schütze Informeller Mitarbeiter der DDR-Staatssicherheit und SED-Mitglied war, ist auch dann keine Lappalie, wenn er an diesem Abend nur für die Westberliner Polizei agiert hat. Die Spekulationen darüber, dass der DDR auch Schlimmeres zuzutrauen war, werden nicht verstummen. Doch selbst wenn sie unbegründet sein sollten, bleibt: Die antiautoritäre Mehrheit im SDS, die sich damals herauszubilden begann, hielt Ost und West für Gewaltapparate, die voneinander nicht mehr zu unterscheiden waren. Hätte sie über Kurras alles gewusst, wäre dies für sie eine Bestätigung gewesen.

Das berühmte Bild aus der Krummen Straße wurde von einem Fotografen der „Wahrheit“ aufgenommen. Das war die Tageszeitung der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands – Westberlin. Beide – Blatt und Organisation – bezeichneten den Schuss als Mord und beteiligten sich am breiten Bündnis gegen Repression. In Wahrheit war die Linke unüberbrückbar gespalten: pro und contra DDR. Die Enthüllungen über Kurras bestätigen im Nachhinein eine Scheidung, die seit Langem bestand, in Berlin schon von 1948 an, und über deren Revidierbarkeit sich man seit 1967 ein paar Jahre lang Illusionen gemacht hatte. In der Empörung über die Bluttat schien man zusammenzufinden, und jetzt, 42 Jahre später, ist auch dieser scheinbare, inzwischen auch aus anderen Gründen aufgehobene, Neuanfang vergiftet.

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10:00 23.05.2009
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Ausgabe 41/2021

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