Doppelte Kalkulation

LAFONTAINE-BUCH Ein letzter Dienst

Das neue Buch von Oskar Lafontaine ist noch nicht erschienen. Die Fahnen für die Vorab-Besprechungsexemplare werden schon versandt sein, doch die Sperrfrist wird eingehalten.

Dennoch ist in der SPD die Empörung über den unbekannten Text groß. Der Abgeordnete Wieczorek hat seinen früheren Vorsitzenden bereits aufgefordert, das Parteibuch zurückzugeben.

Die Grundlage, auf welche allein sich die bisherige Kritik beziehen kann, ist ein Interview Lafontaines in der Welt am Sonntag. Der Höhepunkt der Spannung wird am Eröffnungstag der Frankfurter Buchmesse erreicht sein. Eine Kalkulation beginnt aufzugehen.

Lafontaines Buch wird von einer Agentur - soviel ich weiß, sitzt sie in London - vermarktet. Natürlich hat sie sich eine Strategie der Public Relations ausgedacht. Da und dort wurden ein paar Bemerkungen des ehemaligen Finanzministers gestreut, die Kampagne lief bislang gut.

Ist das Buch erst einmal heraus, wird es verrissen werden. Im Kern, so viel ist auch schon durchgesickert, vertritt es eine Nachfragepolitik. In der Wirtschaftstheorie - einem lange schon recht verwilderten Fach - ist alles gleichermaßen erlaubt und verboten, je nach Konfession. Also wird man Lafontaine vorwerfen können, er verkaufe alte Hüte, und die seien noch nicht einmal gut. Dann wird das Buch aber schon erfolgreich verkauft worden sein, Autor und Agentur haben sich wahrscheinlich nicht verrechnet.

Lafontaine wird die Strategie nicht selbst geplant haben. Es sieht aber nicht so aus, als habe er den Werbeprofis widersprochen. Kaum anzunehmen, dass er das Honorar so dringend braucht. Als er zurücktrat, stellte Günter Gaus in diesem Blatt fest, die Art des Abgangs mache ein Comeback zwar unmöglich, aber der Schritt habe eine hohe symptomatische Bedeutung: ein Einschnitt.

Lafontaine scheint auf ein solches Andenken keinen großen Wert zu legen. Jetzt sieht es so aus, als wolle er sich in die Hände derer begeben, die ihn nur noch als einen eitlen Selbstdarsteller oder einen Geschäftemacher abmalen werden. Hätte Klimmt die Wahl im Saarland gewonnen und wäre er nicht anschließend in Schröders Kabinett gegangen, hätte die innerparteiliche Opposition in der SPD eine Art geographischen Ort gehabt. Dass er die Rolle, die ihm dann zugewachsen wäre, nicht annahm, beruht vielleicht auf realistischer Selbsteinschätzung, könnte aber auch daran liegen, dass Lafontaine für ein Gespann nicht zur Verfügung stand. Mag sein, dass beide den Zustand ihrer Partei zu gut kannten. Hier beginnt die zweite Kalkulation.

Die Aufregung in der SPD wird Schröder guttun. Auch er hat sein Marketing, und seine Berater werden ihm empfehlen, sich nicht zu äußern. So wird er als der einsame Mann dastehen, der in widrigen Umständen einfach seine Pflicht tut - ein Image-Wechsel. Schon in den Fernseh-Interviews vor der Sachsen-Wahl war er etwas härter geschminkt als früher. Jetzt muss noch die Nackentolle weg. Schröder gibt den Helmut Schmidt, Müntefering und Struck teilen sich den Wehner-Part. Es ist halt, was die zweite Rolle angeht, alles ein bisschen kleiner geworden. Natürlich wird auch die alte Hymne intoniert werden, wonach Solidarität eine sozialdemokratische Grundtugend sei. Das soll wohl auch das Marketing für Nordrhein-Westfalen werden.

Geht diese Rechnung auf, hat Lafontaine seiner Partei doch noch einen Dienst erwiesen.

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