Episode mit Mantel und Degen

Überschätzt Der "Deutsche Herbst" 1977 handelt vor allem von der Beschäftigung des Bürgertums mit sich selbst

Seit Monaten werden der Deutsche Herbst 1977 und die Geschichte der RAF als medialer Dauerbrenner auf hoher Flamme gehalten - zuletzt mit einer zweiteiligen ARD-Dokumentation vergangenes Wochenende. Doch in den siebziger Jahren, findet der Marburger Politikwissenschaftler Georg Fülberth, waren es andere Ereignisse, die die Geschichte nachhaltig bestimmten, während das Mantel-und-Degen-Stück der RAF-Desperados nur ein folgenloses - wenn auch blutiges - Intermezzo war.

Das sieht Peter O. Chotjewitz, der als Wahlverteidiger von Andreas Baader den siebten Stock in Stammheim kennt, anders, für ihn waren die Ereignisse 1977 politisch folgerichtig. Bürgerlich an der RAF, meint er, sei deren Kampfgeist gewesen, den sie mit der jakobinischen Tradition des Bürgertums teilt, auch wenn sich die Befreiungsstrategie der siebziger Jahre heute erledigt hat.

Was war denn wohl das wichtigste Datum der siebziger Jahre? Richtig: Der 11. März 1973. An diesem Tag endete das System von Bretton Woods. Die führenden kapitalistischen Staaten lösten ihre Bindung an den Dollar und gingen zum "Floaten" im Verhältnis zu dieser Währung über. Damit begann ein Prozess, der die Funktion des Geldes als - auch - eines internationalen Regulierungsinstruments aufhob und dieses stattdessen immer mehr zur Spekulationsware an den nun sich rasch ausweitenden internationalen Finanzmärkten machte. 1974 ging die Bundesbank zur Geldmengensteuerung über, und damit kam, was kommen musste: die über Jahrzehnte hin steigende Massenarbeitslosigkeit.

1973, im letzten Jahr der Vollbeschäftigung, war auch sonst noch einiges los: Eine "Trilaterale Kommission" legte ihren ersten Bericht vor und warnte vor Unregierbarkeit durch Inflation und zu viel Demokratie. In Chile stürzte Salvador Allende, sein Land wurde zum ersten Experimentierfeld für das, was man später den Neoliberalismus nannte. Im Herbst kam es zur ersten Ölkrise.

Ein Wendejahr also: Schluss mit dem Goldenen Zeitalter des Kapitalismus 1945-1973. Ein Repräsentant dieser Epoche, Willy Brandt, trat 1974 zurück. Sein Nachfolger, Schmidt, hatte gute Berater und versuchte sich gegen das, was sich da ankündigte, zu stemmen - unter anderem 1977 mit einem Zukunftsinvestitionsgesetz, das bis 1980 immerhin einen Beschäftigungseffekt von 300.000 Personen hatte. Danach allerdings fiel ihm auch nichts mehr ein, und er gab bei der Abwärtsfahrt auch noch Gas.

Am 28. Oktober 1977 hielt Schmidt vor dem Institut für Strategische Studien in London einen Vortrag, in dem er vor einer angeblichen "Raketenlücke" warnte und die Stationierung von neuen Mittelstreckenraketen in Europa anregte. Damit begann die letzte Runde im Ost-West-Wettrüsten, die 1989/91 zum Zusammenbruch des Sozialismus führte. 1977 bündelten und verdichteten sich also einige Entwicklungen, die 1973 begannen, 1989 kumulierten und auch die Gegenwart noch bestimmen.

Im selben Oktober, als Schmidt den Kalten Krieg bis an den Rand des Heißen zu treiben begann, fand noch ein blutiges Mantel-und-Degen-Stück statt. Junge Leute, mehrheitlich aus dem etwas gehobenen Bürgertum, lieferten sich einen Kampf auf Leben und Tod mit der Staatsgewalt. Er eskalierte anderthalb Wochen vor Schmidts Londoner Rede. "Netschajewistische Genossen, die unbeschreiblichen, aber ganz überflüssigen Ärger anrichten und erleiden" - so charakterisierte viele Jahre später, nicht völlig ohne Sympathie, Peter Hacks die RAF.

Auch hier gilt: Jeder Tote und jede Tote war einer oder eine zu viel. Es war sehr ernst und sehr schlimm. Aber es war auch ohne historische Bedeutung. Wie Hacks sagte: unbeschreiblich und ganz überflüssig.

Die Dinge, die häufig als die Folgen des so genannten Deutschen Herbstes bezeichnet werden, waren Folgen ganz anderer Ursachen. Sie bestanden darin, dass einige Leute nun das taten, was sie schon lange zu tun vorhatten, wofür sie nun aber dafür ein Alibi fanden.

Dies galt für die Abteilungen in der Legislative und Exekutive, die die Bundesrepublik vollends zum "Sicherheitsstaat" (Joachim Hirsch) umbauen wollten. Jetzt hatten sie eine Gelegenheit, die sie auch nutzten. Das Feindbild begann sich zu ändern: Von der Gründung des Bundesamtes für Verfassungsschutz 1950 bis zu Willy Brandts Berufsverboten 1972 richtete sich die Politik der Inneren Sicherheit gegen die Parteikommunisten. Jetzt wurde der Kampf gegen den Terrorismus geführt. Das hatte Zukunft.

Der "Deutsche Herbst" wurde auch zur Absprung-Möglichkeit für jene Teile der sich als "militant" verstehenden Linken, die ohnehin schon kalte Füße bekommen hatten. Auch das begann früher. Man hatte gemerkt, dass es nichts brachte und überdies gefährlich war, wenn man den Mund zu voll nahm und irgendwann in die Verlegenheit geriet, seinen eigenen Worten nach springen zu müssen. Joseph Fischer ist bereits 1976 angesichts eines brennenden Polizeiautos in Frankfurt am Main zu diesem Ergebnis gekommen. Ab 1977 fand er Nachahmer.

Angeblich entstanden aus diesem Lernprozess die "Grünen". Das ist falsch. Die neue Partei bekam Zulauf, weil schon lange vorher eine vor 1960 herum noch unbekannte soziale Tatsache aufgetreten war: der Aufstieg der Intelligenz als Massenschicht (und nicht, wie früher, nur als recht kleines Anhängsel der Bourgeoisie). Gewiss werden bei solchen Anfängen auch allerlei Wimpel geschwenkt: früher waren es rote, jetzt grüne. Das Spektakel vom Herbst 1977 hatte da nur symbolische Bedeutung.

Folgenreich allerdings wurde es für die Kulturindustrie. Auch hier liegen die Anfänge früher. Schon 1974 war das Buch Die verlorene Ehre der Katharina Blum von Heinrich Böll erschienen, 1975 bereits wurde es verfilmt. Das nahm dann kein Ende mehr bis in die Gegenwart. Vielleicht hat sich inzwischen schon jemand einen Doktorhut verdient mit der Untersuchung des Perspektivwechsels, der seitdem stattgefunden hat. Böll hatte noch zu zeigen versucht, wie Gewalt entsteht und wohin sie führt. Inzwischen gilt die bevorzugte Aufmerksamkeit dem Schicksal jener Opfer des Terrorismus, die zur Bourgeoisie gehörten, allenfalls vereinzelt ihren Leibwächtern und Chauffeuren. Die Wende in der Wahrnehmung passt in einen weiteren Kontext, der erst nach 1990 voll sichtbar wurde: Deutsche als Opfer.

Die Episode von 1977 ist zu einem Teil der Selbstbeschäftigung insbesondere des Bürgertums mit sich selbst geworden. Der hohl-pathetische Ausdruck "Deutscher Herbst" hat ein untergründiges nationales Tremolo, das 1989 dann heftig hervorbrach. Wiederum zeigt sich: die wirklich wichtigen Dinge passierten vorher und nachher. Der französische Historiker Fernand Braudel hatte zur Beschreibung von Geschichte den Begriff der longue durée geprägt: Dieser meint einen fast statischen Zustand, in dem es winzige Verschiebungen gibt, deren Summe irgendwann tatsächlich zum Ereignis wird. Selbst zu Letzterem reichte es 1977 nicht ganz, sondern nur zu einer Art blutigem Feuerwerk.


Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

Geschrieben von

Kommentare