Gehinderte?

Inklusion Martina Mescher beklagt mangelhafte Inklusion. Eine Replik.
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Die Un-Behindertenrechtskonvention ist 2009 ratifiziert worden und damit auch in Deutschland in Kraft getreten. Die Lage der meisten Behinderten hat sich dadurch allerdings nicht wesentlich verbessert.

Das Recht und seine Verwirklichung

Die erste Erklärung für diese scheinbare Diskrepanz ist in der Konvention selbst zu finden: Sie bestimmt, dass jeder Unterzeichnerstaat zur Gewährung nichtdiskriminanter Lebensumstände die Maßnahmen ergreifen kann, die er für angemessen hält: "reasonable accomodation" ist der Orginalbegriff in der rechtlich verbindlichen Originalfassung, "geignete Maßnahmen" der in der amtlichen deutschen Übersetzung gebrauchte. Damit ist erklärt, dass die von Aktivistenseite immer wieder vorgebrachte Argumentation, dass die Konvention unmittelbar anzuwendendes deutsches Recht sei, ins Leere geht. Folgerichtig ist - gerne hörte ich Gegenteiliges - auch noch kein Prozess gegen die Diskriminierung Behinderter aufgrund der Konvention gewonnen worden.

Unterscheidungen

Politiktheoretisch und gruppenpsychologisch nachvollziehbar ist, dass Aktivisten und ihre Verbände nicht zwischen körperlich Behinderten, geistig Beeinträchtigten und Verhaltensauffälligen unterscheiden: Eine Minderheit schließt sich zusammen und grenzt sich durch eine gemeinsam entschlossen vertretene Gruppenauffassung ab - together we stand, divided we fall. Sachangemessen ist diese Unterscheidung allerdings, und zwar nicht, weil damit "Sachzwänge" einhergingen, sondern weil auf spezifische Umstände spezifisch reagiert werden kann. Während körperliche Behinderung in Inklusionskontexten vergleichsweise leicht definiert wird, ist das bei geistiger und bei Verhaltensauffälligkeiten offenbar weniger der Fall. Das ist jedoch kein Erkenntnisproblem, sondern eins der gesellschaftlichen Akzeptanz: Es gibt valide psychometrische Tests und Diagnosemodelle, sowohl für die Intelligenz und damit verbunden die Einschätzung der Fähigkeit, einen Lebensalltag allein zu bewältigen als auch für die Diagnose psychischer Einschränkungen oder Anfallsleiden, die sich auf das Verhalten auswirken.

Welche Konsequenzen und begründete Forderungen ergeben sich daraus? Zunächst halte ich die Inklusion körperlich Behinderter - auch wenn es keine kleinen oder großen Hawkings sind - für uneingeschränkt begründet. Der haushälterisch vorgebrachte Finanzierungsvorbehalt beruht auf einem Scheinzwang, da Deutschland immer noch zu einem der reichsten Länder der Welt gehört und die Depravierung öffentlicher Haushalte politisch gewollt ist.
Die Kehrseite umfassender Inklusion möchte ich allerdings nicht verschweigen, sie schließt den Verzicht auf Sonderbeurteilungen ein. Beispielsweise würde das im Schulkontext heißen, dass Sport- oder Leistungen im Werk- bzw. Kunstunterricht nicht als unbenotbar ausgewiesen, sondern nach den gleichen Maßstäben wie für körperlich Nicht-Behinderte beurteilt werden. Informativ lässt sich ein Hinweis auf vorliegende Beeinträchtigungen auf Zeugnissen einfügen, falls die Benoteten das wünschen. Letzteres ist notwendig, da eine so genannte positive Diskriminierung eben auch, z.B. bei Personalern, bestimmte Aussortierfilter aktivieren kann.

Bei geistig Behinderten wird schulische und schließlich berufliche Inklusion komplizierter. (Am Rande: Im Feuilleton wird zwar häufig über schulische Inklusion gestritten, weithin akzeptiert ist aber offenbar, dass berufliche Inklusion ihre deutlichen Grenzen hat. Müssen da verschiedene Maßstäbe angelegt werden oder gilt nicht ab der Adoleszenz das Leistungsprinzip?) Gruppenunterricht ist, nach meiner festen Überzeugung, die Kunst, Schüler weder zu unter- noch dauerhaft zu überfordern. Das führt unmittelbar zum Ideal der in festzulegenden Intervallen homogenen Leistungsgruppen, wobei individuelle Förderung die Intervallgrenzen sukzessive in Richtung höherer Leistungsfähigkeit verschieben soll.
Geistig Behinderte sind aber nun mal spätestens mit Einsetzen der Adoleszenz dauerhaft nicht in der Lage, das Leistungsniveau normal Begabter zu erreichen bzw. zu halten - ansonsten wäre die Diagnose falsch und müsste überprüft werden. Individuelles Fördern ist dann nur erfolgversprechend, falls es in wiederum weitgehend homogenen Gruppen mit geringerem Anforderungsniveau stattfindet: Ein Fahrschüler orientiert sich an routinierten Fahrern aus seiner Alltagswelt, nicht an Formel-1- oder Stunt-Fahrern, schon um dauerhafte Frustrationen zu vermeiden. Geistige Behinderung zeigt sich jedoch in verschiedenen Ausprägungen und Abstufungen. Es mag also durchaus sein, dass es individuell Fächer oder Lernbereiche gibt, in denen ähnliche Niveaus erreicht werden wie bei Normalbegabten. Eine meines Erachtens pragmatische Förderungslösung, die beide Aspekte einbezieht, ist die Unterrichtung in getrennten Lerngruppen unter einem Dach mit leistungsbezogener und fach- bzw. bereichsweiser Integration im Einzelfall. Richtig organisiert, kann das tägliche Zusammenleben im Gegensatz zur Segregation in Förderschulen so sogar soziale Kompetenzen fördern.
Die Forderung von Aktivisten nach einer schrankenlosen Inklusion, also der Propagierung individueller Lernziele und Leistungsniveaus von Schülern in einem Raum, schießt meines Erachtens über das Ziel hinaus. So nicht die Aufgabe des generellen Leistungsprinzips die ungenannte Intention ist, erleichtert sie eine wohl ungewollte Entwicklung: die Etablierung der Schule ohne Lehrer. Nicht mehr die durch qualifizierte Fachlehrer angeleitete homogene Lerngruppe mit beflügender, nicht frustrierender oder angstbesetzter, Konkurrenz steht dabei im Vordergrund, sondern der einzelne Lernende. - Ist das denn verwerflich? In der Theorie - dem selbstorganisierten Lernen - sicherlich nicht. Aber ich befürchte eine politiktypische Umsetzung: Ich sehe normalbegabte Schüler in einem Raum mit einem zertifikatsqualifizierten "Lernbegleiter" ohne akademischen Abschluss, dazu geistig Behinderte mit dem einen oder anderen "Alltagsbegleiter" (Sechs-Wochen-Qualifizierung) sowie eine Sonderpädagogin, die zwischen verschiedenen Räumen umhereilt, um individuelle Lernaufgaben zu verteilen und Hilfestellungen zu geben. Der fachlich qualifizierte Pädagoge ist sicherlich auch noch vorhanden, sein Aufgabenfeld verschiebt sich aber auf die Notenvergabe und Auswahl weiterer Lernmaterialien unter der Beachtung von Vorschlägen einschlägiger Lernprogramme in Zeiten digitalisierten Lernens.

Die Integration verhaltensauffälliger Schüler ist sicherlich die herausforderndste Aufgabe und beruht letztlich auf einer Wertentscheidung: Wiegt das Recht der nicht-auffälligen Schüler auf störungsfreie Lernsequenzen schwerer oder das Recht des - bei Anfallsleiden zumindest zeitweilig - auffällig Werdenden? Auch hier halte ich eine fallbezogene Integration für das beste Vorgehen.

Win-Win?

Abschließend noch ein paar Worte zu der von Aktivisten gerne genutzten These, geistig Behinderte würden durch inklusiven Unterricht eventuell besser, Normalbegabte jedenfalls nicht schlechter. Die These wird - so die Behauptung - auch empirisch gestützt, z.B. durch entsprechende Untersuchungenn der OECD.
Da es sich nicht um klassische Experimente handelt, sondern allenfalls um Korrelationsstudien, können zum einen keine Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge aufgezeigt werden: Zu jeder Datenkonstellation mag man sich die "passende" Theorie zusammenbasteln. Zum anderen ist das jeweilige Studiendesign entscheidend: Was wird als erklärende Variable gesetzt und geprüft und gibt es konfundierende Variablen, die eine Wirkung (mit)verursachen? Bspw. könnte anstelle der Organisationsform des Unterrichts vielmehr die Anzahl ausgebildeter Lehrer, die Methodik ihres Unterrichtens oder die Art und der Umfang der Kooperation mit Sonderpädagogen für individuell verbesserte Leistungsniveaus entscheidend sein.
Und das Normalbegabte jedenfalls nicht schlechter werden, halte ich nicht für den geeigneten Maßstab: Sie sollen ihren individuellen Leistungshorizont nicht nur halten, sondern erweitern. Das gelingt meines Erachtens am besten in homogenen Leistungsgruppen unter der Bedingung beflügelnder Konkurrenz. Um es an einem Beispiel aus dem Sport zu verdeutlichen: Angenommen, Bundesliga-Spieler trainierten dauerhaft mit Kreisliga-Spielern. Sie könnten dabei lernen, wie man "Anfängern" bestimmte Techniken oder Taktiken erklärt - und würden dabei zu Hilfstrainern. Oder sie orientierten sich am Technik- und Taktikniveau der Kreisligaspieler - und verzichteten dabei, da die Zeit nur einmal genutzt werden kann, auf das ihrem Niveau entsprechende Üben sowie das Kennenlernen und Einüben noch anspruchsvollerer Techniken und Taktiken.

Behindertenrechtskonvention in Deutsch (nicht rechtsverbindlich)

Behindertenrechtskonvention in Englisch (rechtsverbindliches VN-Dokument)

Ulbricht, A.: Schule ohne Lehrer? Göttingen 2015 - Teils realistisches, teils dystopisches Bild des Alltags in einer fiktiven deutschen Mittelstufenklasse (ohne Inklusion)

18:45 24.04.2018
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Geschrieben von

ger

Staatsbürger und Demokratieförderer
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