Von Amtmännern und Oberstudienräten

Parteiensoziologie Die einstmaligen Volksparteien entdecken die Generationenfrage. Ein Beitrag zur Repräsentativität von Parteimitgliedern.
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Gelegentlich wird medial vermittelt, die SPD sei als Partei überaltert, vertrete vor allem Interessen der tariflich abgesicherten, gut qualifizierten Arbeitnehmerschaft, insbesondere des öffentlichen Dienstes, die zudem gewerkschaftlich relativ stark organisiert ist.

All das stimmt. Allerdings ist die Sozialstruktur anderer Parteien ebenfalls nicht repräsentativ für die deutsche Bevölkerung, zwischen den Parteien zeigen sich jedoch erhebliche Unterschiede. - Alle im Folgenden genannten Daten beziehen sich auf das Jahr 2015, weshalb die AfD nicht berücksichtigt werden konnte.

Das Steckenpferd alter Männer

Nicht nur in der SPD, auch in der CDU und der CSU haben sich jüngere Politiker für Führungspositionen ins Gespräch gebracht. Diese Generation der Ü30 bis U61 ist tatsächlich repräsentativ vertreten, d.h. mit ungefähr gleichem Anteil in den Parteien wie in der Bevölkerung. Bei den Grünen ist die mittlere Generation sogar überrepräsentiert, ihr Anteil in der Partei ist fast eineinhalb mal so groß wie in der Bevölkerung. Die Grünen zeichnen sich zudem durch das geringste Durchschnittsalter der Mitglieder aus, es liegt bei 50 Jahren (CDU und SPD jeweils 60, Linke 59, FDP 54).

Dass Jüngere, die Generation bis 30, in den Parteien unterrepräsentiert sind, lässt sich anhand des von O. Niedermeyer konzipierten "Proportionalitätsfaktor" zeigen. Er setzt die Generationenanteile in den Parteien und in der Bevölkerung ins Verhältnis zueinander, Werte unter 1 bedeuten dabei eine Unter-, über 1 eine Überrepräsentanz. Für die Generation U31 ergeben sich bei FDP, Grünen und Linken Werte von 0,5 bzw. 0,6, SPD und CDU weisen einen Proportionalitätsfaktor von jeweils 0,3 auf. In den "Volkspartei" genannten Organisationen ist die jüngere Generation also nicht einmal zu einem Drittel repräsentiert.

Ganz anders das Bild bei den über Sechzigjährigen: Sie sind bei SPD, CDU und Linken fast doppelt so stark vertreten wie in der Bevölkerung. Während bei der FDP nur eine leichte Überrepresentanz zu verzeichnen ist (Wert 1,3), bilden die Grünen die Ausnahme; Ü-60er sind bei ihnen nur zu zwei Dritteln repräsentiert.

Nimmt man zur Altersstatistik noch die Geschlechteranteile, so ergibt sich ein bereits aus der Kaiserzeit bekanntes Cliché: Politik ist das Geschäft alter Männer.

Honoratioren oder Parteimalocher?

Um das Bild aus den Anfängen der deutschen Parteiengeschichte wieder aufzunehmen: Wie verhält es sich heute? Bestehen die bürgerlichen Parteien CDU, FDP und Grüne hauptsächlich aus wirtschaftlich Unabhängigen oder Selbstständigen? Sind dagegen SPD und Linke von Arbeitern geprägt?

Aussagekräftige Interpretationen ergeben sich wiederum durch den Vergleich mit der Erwerbsbevölkerung. So beträgt der Anteil Selbstständiger an allen Erwerbstätigen ca. zehn Prozent, wobei der Begriff sowohl den selbstausbeutenden Solo-Selbstständigen einschließt wie auch die Familienunternehmer des Bertelsmann-Konzerns oder der Bayerischen MotorenWerke.

Der Anteil Selbstständiger oder Freiberufler ist in den Parteien höchst unterschiedlich, bei der FDP beträgt er ca. vierzig Prozent, bei der CDU ungefähr ein Drittel, bei den Grünen noch fast ein Viertel. Deutlich niedriger liegt er bei den Linken mit ca. fünfzehn Prozent und bei der SPD mit etwas über zehn Prozent. - Insoweit ist diese Berufsgruppe in den bürgerlichen Parteien tatsächlich stark überrepräsentiert, allenfalls bei den Linken und der SPD kann annähernd von Repräsentativität gesprochen werden.
Berücksichtigt man dazu noch die Lobbymacht organisierter Großkonzerne, so wird strukturell erklärbar, weshalb es in Deutschland nicht nur eine kapitalduldende, sondern konzernfreundliche Politik gibt: ein organisiertes Interessenangebot trifft auf willige Nachfrager in den Parteien.

Steht dem eine angemessen repräsentierte Arbeiterschaft gegenüber? Nach der klassischen Sektoreneinteilung arbeiten ca. dreißig Prozent der abhängig Beschäftigten in der Produktion und ca. siebzig Prozent als Dienstleister (in der Landwirtschaft sind nurmehr ein Prozent abhängig beschäftigt).

Wendet man diese Klassifikation auf Parteimitglieder an, so zeigt sich eine deutliche Überrepräsentanz der Dienstleister: Bei FDP und Grünen beträgt der Anteil jeweils 95 Prozent, bei der CDU gut neunzig Prozent, bei SPD und Linken um die achtzig Prozent.

Unterscheidet man bei den Dienstleistern noch einmal zwischen Angestellten im öffentlichen Dienst bzw. Beamten und Angestellten in der Privatwirtschaft, so ist das Verhältnis bei CDU, FDP und Linken nahezu ausgewogen, bei der SPD ist der öffentliche Dienst fast eineinhalb mal so stark vertreten wie die Privatwirtschaft und bei den Grünen sogar fast doppelt so stark.

Der Malocher ist in den Parteien also ein eher unbekanntes Wesen, Parteiversammlungen der SPD bzw. der Grünen lassen daher eher an Teamsitzungen gehobener Verwaltungsangestellter oder Oberstudienräte denken.

Wo bleibt das Soziale?

Sozialpolitik ist - wo sie nicht gutmenschlich verbrämte Geschäftserschließung ist - ethisch oder zumindest religiös fundiert. Wie halten es Parteimitglieder also mit der Religion? Nicht überrascht der relativ hohe Anteil von Katholiken in der CDU: über fünfzig Prozent gegenüber einem Bevölkerungsanteil von ca. dreißig Prozent. Auch nicht verwunderlich der mit fast achtzig Prozent hohe Anteil von Konfessionslosen bei den Linken. Bei der SPD überwiegen mit fast fünfzig Prozent die Protestanten, die einen Bevölkerungsanteil von ca. einem Drittel ausmachen. Bei den Grünen bilden die Konfessionslosen mit ca. vierzig Prozent die größte Gruppe, die zweitstärkste mit knapp gerechnet einem Drittel stellen die Protestanten.

Aus dieser Perspektive wird die unsägliche Losung des "Förderns und Forderns" erklärlich: Überzeugt von der unendlichen Aufnahmefähigkeit von Märkten und davon, dass Hilfe zur Selbsthilfe glückliche Marktteilnehmer produziert, fördert der - selbstverständlich nicht betroffene - Oberstudienrat, solange er nichts abgeben muss, und der gehobene Verwaltungsangestellte fordert von Anderen als wohlwollender Diktator.

00:22 04.03.2018
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Geschrieben von

ger

Staatsbürger und Demokratieförderer
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