geraeuscharbeiter

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RE: Die gefährlichen Deutschen | 21.06.2012 | 19:18

Entschuldigen Sie bitte die Blockgestalt meines Kommentars. Mir war nicht bewusst, dass die Absätze geschluckt werden würden.

RE: Die gefährlichen Deutschen | 21.06.2012 | 19:17

Ich will einmal den Schluss Herrn Augsteins Artikel nach meinem Verstehen fortspinnen (und dabei beabsichtigterweise ggf. himmelschreiend übertreiben), insbesondere das den Artikel beschließende Zitat Sigmar Gabriels:Augstein (den ich hier für meine Zwecke als Repräsentanten einer Strömung der politischen Linken in der BRD setze) sagt, dass ein Feudalismus mit samtenen Handschuhen das für die Zukunft Europas anzustrebende Gesellschaftsmodell sei: ein Staat bzw. Staatenbund, der, solange er "nur" gerecht ist ("gerecht" verstanden als eine umfassende Stasis der gesellschaftlichen Verhältnisse), auf die Freiheit seiner Bürger - selbst als eine integrative Fiktion - verzichten kann; der eine umfassende (Ver- und Ab-)Sicherung der gesellschaftlichen Verhältnisse bewerkstelligt, welche die "Geschichte" als Quelle von Risiko und Krise verdrängt, und worin besagter Staat o. a. Staatenbund als einziger und wahrhaftiger Garant der Freiheit diese gleichsam aushebelt. Zwar ist eine gute Verfassung eine der Bedingungen eines guten Staates und einer guten Gesellschaft. Eine Verfassung bleibt aber unzulänglich und wird vor allem nicht Grundlage einer freien Gesellschaft, sofern sie die Zustimmung der ihr unterworfenen Bürger als unmittelbar gegeben voraussetzt, bspw. indem sie diese einer umfassenden (Lebens-)Regelung unterwirft. Dies wäre in meiner Sicht eine Reduktion des Menschenwürdigen auf einen festumrissenen ökonomischen Zustand (s. das Foucaultsche Konzept der Biopolitik), welches ein häufiges - und wohl auch grundlegendes Charakteristikum "starker Staaten" zu sein scheint.Ist dies nicht der Hegelsche Traum vom Staat als absolute Verwirklichung des Vernünftigen - bzw. ins Zeitgenössische gewendet: des Guten in der Geschichte? Oder eine (in meinen Augen zu vorschnell schließende) "Renaissance" des Rousseauismus? Da die drei prägenden Bereiche der Lebenswelt (Staat, Ökonomie, Gesellschaft) der westlichen Welt derzeit eine umfassende Legitimationskrise erfahren, würde mir eine so geartete Wiedergeburt zwar durchaus einleuchten - sie bliebe doch aber mindestens halb blind.Dabei bin ich durchaus nicht für die Abkehr von der Idee eines "europäischen Reiches", der "Vereinigten Staaten von Europa" usf.

RE: Sarrazin oder der schwarze Schwan | 22.05.2012 | 16:13

Der Erfolg des Buches "Deutschland schafft sich ab" rührt nicht allein von den darin offen ausgesprochenen Ressentiments, die angesichts demographischen Wandels und den an diesen gebundenen bundesdeutschen Untergangsszenarien gegenwärtig diskursive Konjunktur haben, her; sondern vor allem daher, dass Sarrazin diese Ressentiments - welche im Falle seines Buches m. E. grundsätzlich rassistischer bzw. kulturalistischer Natur sind - in Aneinanderreihungen von Zahlen ausdrückt. Dieser (Grund-)Aussage Ihres Artikels stimme ich somit auch völlig zu.

Dieses Anhäufen von Zahlen wird ja oftmals als DIE allgemein gültige Form von (wissenschaftlicher) Erkenntnis schlechthin behauptet, jedoch ohne dabei die methodischen Voraussetzungen ins Auge zu fassen. Wenn ich nicht irre, hat der späte Platon in den Zahlen die Begriff gewordene Wahrheit gesehen, wohl (meiner Ansicht nach - welche die Ansicht eines Laien ist), weil sie ihm als von jeglicher Natur abstrahiertes Erzeugnis reinen Geistes galt, also als immaterielle Erscheinung frei von jedweder durch Materialität bedingter Verzerrung. Spätestens die wissenschaftlichen und industriellen Revolutionen des 19. Jahrhunderts haben - durchaus epigonal - diese Vorstellung als einen vollwertigen Wissens- und Wahrheitsbegriff à la Malen nach Zahlen Gemeingut werden lassen: "Was sich in Zahlen ausdrücken lässt, ist wahr." (Schon bei Marx wird ja dieses rein quantitative Denken als offenkundiger Ausdruck der geistigen Verdinglichung gewertet.) Nicht, dass ich dem vollkommen widersprechen wollte, aber - Sie sprachen es in Ihrem Artikel immer wieder an - das Problem dieser Art der Schlussfolgerung ist meistens eine (bewusste oder unbewusste?) Ausblendung der methodischen Prämissen der Genese der statistischen Werte.

Die Frage wäre natürlich: wie dieses Bewusstsein verändern? Zumal die von Sarrazin als "Ergebnislieferanten" benützten Humanwissenschaften (oder Geistes-, oder Kultur-, oder Sozialwissenschaften usf.) in der Öffentlichkeit gerne als eigentlich unnütze Staffage gesehen und dargestellt werden, solange sie keine Ressentiments bedienen - wo doch dieses unverhohlene Bedienen von Ressentiments ein offenbares Kriterium von Unwissenschaftlichkeit ist.

RE: Der Bobby-Car-Effekt | 02.04.2012 | 14:38

Irritabilität ist zweifellos Teil des Grundstocks einer demokratischen Gemeinschaft: Empörung als Ausdruck eines Veränderungswillens ist Voraussetzung politischen Wandels.

Aber: ein Skandal kann auch lediglich in Geschrei und Gebrüll ausarten, befeuert durch die Massenmedien, die das in der Bevölkerung weitverbreitete Bedürfnis nach "gesellschaftlicher Reinigung" (ab und an wird ein Sündenbock gekürt, der unter lautem Gejubel der Menge vor die Tore der Stadt geführt und dort erschlagen wird, um die die Gemeinschaft bedrohenden "bösen Kräfte" zu bannen) zu befriedigen suchen.

Ein Skandal hat dann wenig mit Aufklärung und vielmehr mit Verklärung zu tun: wenn man nur am Geschrei teilhat, hat man seinen Teil zum Wohle der Gesellschaft beigetragen. Schnell wird der Skandal dann zur politischen Ware, die dem Konsumenten in Zeiten der (gefühlten oder tatsächlichen) Bedeutungslosigkeit und Unzulänglichkeit des eigenen Handelns ein Wohlgefühl verschafft.

Ein Skandal ist aber in seinen Auswirkungen nie nur einseitig - eine solche Einseitigkeit ist allein schon aufgrund der Vervielfältigung der Kommunikationsmedien in der Gegenwart unmöglich. Natürlich, reine "Meinungsmache" zielt nur auf rigoroses Aneinandervorbeirreden ab und ist an Dialog nicht wirklich interessiert.

Die Natur der im Artikel genannten Skandale der letzten beiden Jahre zeigt meines Erachtens allerdings auch, dass in Sachen Zivilgesellschaft in der BRD einiges im Argen liegt. Als im Bezug auf ihre eigentliche Problematiken "produktive Skandale" lassen sie sich nicht wirklich bezeichnen.

RE: Der Staatsgewalt die Luft ablassen | 08.02.2012 | 12:09

Simon Pschorr schrieb: "Mit Gewalt kann man kein System verändern, nur mit Revolution..."

Aber warum sollte der Begriff der Revolution die Anwendung von Gewalt ausschließen? Diese Behauptung ist zwar im Prinzip nachvollziehbar, insofern die hier beschriebenen "Gewaltakte" vollkommen partikulär und damit insgesamt kontraproduktiv wirken. Dieser Partikularismus gehört jedoch auch zum "Abstecken des Schlachtfeldes": solche Handlungen bewahren die Bewegungen vor ihrer inneren und äußeren Erschlaffung. Die symbolische Funktion von Gewalt sollte nicht unberücksichtigt bleiben.

Occupy gerät in dem geschilderten Fall anscheinend zu sich selbst in Widerspruch: einerseits die Forderung nach unbedingter Aufdeckung der Handlungen des Gegners (vulgo: Transparenz) nach außen, andererseits die Forderung nach unbedingter Verdeckung einzelner Handlungen der eigenen Bewegung nach innen. Das ist begreiflich - wenn auch dieser Artikel zeigt, dass die Bewegung mit sich selbst darüber uneins ist. So ein Widerspruch bleibt selbstverständlich keiner "irgendwie revolutionären" Bewegung erspart - und dann rollen eben Köpfe.

Es zeigt auch zumal, dass (entgegen vieler Behauptungen) in der Tat eine Freund-Feind-Linie gezogen wurde und ein Schwungverlust der Bewegung in naher Zukunft nicht zu erwarten ist, wenn auch womöglich Spaltungen und Splitterungen folgen werden.