Vietnam, Respekt!

Länderportrait Knapp 40 Jahre Frieden und der Krieg mit den USA fordert immer noch seine Opfer. Auf seine Besucher strahlt das Land aber unvergleichbare Kraft und Zuversicht aus.
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Bereist man Vietnam heute, so sind die Kriege die, die Region fast 30 Jahre heimsuchten, allgegenwärtig. Überall Relikte die aus jener Zeit zeugen: abgeschossene und zerstückelte Flugzeuge, gekaperte Panzer und immer wieder Gedenkstätten. Auf der Nationalstrasse 1 reihen sich, besonders um den damals stark umkämpften 17. Breitengrad, Kriegsdenkmäler an die umliegenden Orte. Die meisten davon beherbergen Friedhöfe tausender unbekannter ziviler Opfer und Soldaten. Anders als viele propagandistische Monumente, werden diese aber gepflegt. Einige Leute zünden Räucherstäbchen an, bringen kleine Opfergaben: Süßigkeiten, Früchte und Limonade.

Selbst wenn man in den Zügen sitzt, die entlang der Küste des südchinesischen Meeres krauchen, kommt man um die Vergangenheit nicht herum. Man teilt sich die Kabinen und Abteile mit einigen älteren und drahtigen aber durchaus charismatischen Menschen, die diese unerbitterliche Zeit miterleben mussten. Doch anstatt auf deren Missgunst zu stoßen - schließlich haben die Vietnamesen lange Zeit schlechte Erfahrungen mit Fremden gemacht - begegnen einen in den meisten Fällen neugierige Blicke und freundliches Lächeln. Kinder und Enkel werden aufgefordert gefälligst "Hello" zu den Besuchern zu sagen.

38 Jahre sind eine lange Zeit für ein Land, um sich aus dem Nichts wieder aufzubauen, man denke nur an Europa in den achtziger Jahren. Zwar wird Vietnam von einer korrupten Elite geführt, doch muss man honorieren, dass sich das Land vor allem aus eigens mobilisierter Kraft aufgebaut hat. Hilfe gab es zwar zumeist von den ehemalig sozialistischen Bruderstaaten, aber nur bis auch hier die Planwirtschaft zugrunde gegangen ist. In den späten Achtzigern waren gesetzliche Lockerungen und die Öffnung Richtung Weltmarkt auch in Vietnam opportune Maßnahmen. Seitdem erfährt Vietnam ein steiles aber auch stabiles Wachstum der Wirtschaft - was anhand von Wachstumsparolen der Einheitspartei, eingehüllt in den schönsten Kommunistenkitsch, präsentiert wird. Überall hängen rote Banner mit Schriftzügen, Plakate mit muskulösen Metallarbeitern, Bauern und Bahnarbeiterinnen. Wie sehr diese Propaganda selbst zum Wachstum beigetragen hat und immer noch beiträgt, bleibt mir auf Dauer ein Rätsel. Das selbe gilt für die Frage, was hieran noch kommunistisch sein soll? Überall macht sich der Einfluss ausländischer, vor allem amerikanischer, Investoren bemerkbar. Aber der Schein vom wachsenden Wohlstand trügt. So kann bis jetzt nicht jedem Kind eine ausreichende Schulbildung garantiert werden - viele Familien können die Schuldkosten einfach nicht aufbringen. Der Staat garantiert nur eine Grundschulausbildung. Trotzdem aber weist Vietnam eine vergleichsweise hohe Alphabetisierungsrate von 93 % auf.

Vietnam ist trotz BIP Wahstumsraten zwischen 5 und 7% in den letzten 10, 20 Jahren, immer noch ein sehr armes Land. Das Durchschnittseinkommen pro Kopf und Monat beträgt circa 95 Euro. Zusätzlich kollidiert der Wachstum des Wohlstands mit zunehmender Ungleichheit - keine Seltenheit auch in Entwicklungs- und Schwellenländern. Das Gefälle in Bezug auf Mobilitätschancen zeichnet sich besonders zwischen Stadt und Land ab.

Vieles ist darüber schon geschrieben wurden. Berufsrevolutionäre beschweren sich über den Missbrauch an den kommunistischen Idealen, wie er tagtäglich durch die bestechlichen Eliten stattfindet. Berufsmenschenrechtler mahnen zurecht die mangelnde Umsetzung elementarer Grundrechte an. Doch dieser Blick von Außen beschränkt sich ziemlich schnell auf formelle Tatsachen und Gegebenheiten, auf den Staat und das System, auf die nicht eingelösten Versprechen. Diese mahnenden Betrachtungen vernachlässigen den Blick nach Innen, beschreiben nur die Hülle eines Landes, in die die Menschen hinein gepfropft werden. Dabei ist die jüngere Erfolgsgeschichte dieses Landes wohl weniger durch Jahrespläne und kluge Politiken der Einheitselite forciert, sondern vielmehr durch die Bevölkerung, ihre unermessliche Kraft und Zuversicht, ihr Wille mitzuhalten und die Zukunft etwas unbeschwerlicher zu gestalten als die Gegenwart. Das verdient Respekt.

Bevor ich das erste mal nach Vietnam kam, habe ich mich mit Informationen zugeschüttet. Vor allem die Geschichte hat mich interessiert. Irgendwie fand ich es auch reizend in ein kommunistisches Land zu reisen. Doch hat es nicht lange gedauert, bis mein Blick von den morgendlichen Sportübungen, die durch Lautsprecher in alle Gassen schallen, von den vielen Fähnchen und Plakaten abgeschweift ist. Zu abstrakt und wahnwitzig um es zu verstehen. Vielmehr war ich begeistert von der Geschäftigkeit der vietnamesischen Bevölkerung, von deren Ausdauer und vor allem von der Kraft und Zuversicht die diese Menschen hier ausstrahlen. Das Lachen der Menschen ist mir als erstes aufgefallen. Es ist etwa so, als würden sich Wundwinkel und Ohrläppchen berühren und die Augen wie Pflastersteine im Regen strahlen. Auf den Straßen, zähe Frauen, die ihre Waren auf den Schultern, den Köpfen oder auf ihren Fahrrädern transportieren - unglaubliche Lasten, bei denen so einige zusammenbrechen würden. Kleine Geschäfte, in denen man alles kaufen kann, egal ob belegtes Brot, Fahrradschlauch oder Simkarte.

Einprägsam sind hingegen auch die Eindrücke, die man im Saigoner "War Remnants" Museum bekommt - vorsichtig übersetzt, dem "Kriegsüberbleibsel Museum". Neben den "historischen Wahrheiten", die man dort studieren kann, beherbergt das sorgsam ideologisch konzipierte Museum eine Dauerausstellung über die Giftgase, die die US-Streitkräfte sowie deren südvietnamesische Verbündete von 1961 bis 1975 als strategische Waffe im Süden des Landes einsetzten. Eines dieser Gase ist bekannt unter dem Namen "Agent Orange", benannt nach den Fässern in denen es aufbewahrt wurde. Es ist eine Dauerausstellung über ein Kriegsüberbleibsel, das dadurch in Erinnerung bleibt, weil es physich weiterlebt. Denn der Einsatz dieses Gases fordert noch immer seine Opfer.

Die Kriegsstrategie des damaligen Präsidenten L.B. Johnsons sah es damals sogar notfalls vor, Vietnam „zurück ins Steinzeitalter zu bomben“. Der Preis des Sieges des Kommunismus auf dem südostasiatischen Festland, wurde also hoch gehandelt und alles erdenklich mögliche musste dagegen getan werden. Dafür sah die US-Army nicht nur eines der bis dahin großangelegtesten Flächenbombardements der modernen Kriegsgeschichte vor - worunter auch die neutralen Nachbarländer Laos und Kambodscha massiv litten. Da die Versorgungsroute der kommunistischen Vietcong durch schwerzugängliches, stark bewaldetes Land verlief, waren die Streitkräfte der USA entschlossen diese Wege koste es was es wolle sichtbar zu machen. So kamen in 6542 Fällen Giftgase zum Einsatz, die nicht nur die Vegetation nachhaltig beeinträchtigte, sondern auch unzählige Menschen. Schätzungsweise 400.000 bis 1.000.000 Menschen (die Zahlen differieren), die dem Gift unmittelbar ausgesetzt waren, erlitten schwere Schäden, darunter ein besonders erhöhtes Krebsrisiko. So erwies sich die anfängliche Einschätzung, das Giftgas sei für den Menschen unbedenklich, als gravierdender aber auch leichtfertig herbeigeführter Fehler.

Unter anderem beabsichtigte man mit dem Einsatz auch, die Nahrungsversorgung der Rebellen zu unterbrechen und eine künstlich herbeigeführte Landflucht in die Städte zu erzeugen (auf dem Land hatten die kommunistischen Guerilla-Kämpfer besonderen Rückhalt). Insgesamt besprühte die US-Army mindestens 17,8 % des damaligen Südvietnam. Das entspricht mit etwa 31.000 km2 in etwa der Fläche von Belgien, vietnamesische Schätzungen sprechen von 25%. Dabei enthielten zwei drittel der Giftgemische die zum Einsatz kamen, eine rauhe Menge an Dioxin, einem Stoff der als das gefährlichste bekannte Gift weltweit eingeschätzt wird. Allein kleinste Mengen im Milligrambereich reichen aus, um Menschen völlig geräusch- und geruchlos zu töten. Hergestellt wurde das Gemisch im Auftrag der US-Regierung, unter anderem auch von der Bayer AG in Deutschland.

Doch zusätzlich zu den direkten Schäden, die durch diesen banalen und unmenschlichen Einsatz verursacht wurden, kommen die dauerhaften Folgeschäden, wie erhöhte Fehlgeburtenraten und Neugeborene mit schweren Behinderungen, deplatzierten Körperteilen und funktionsunfähigen Organen. So leiden nicht nur jene Menschen, die direkt mit dem Mittel in Kontakt gekommen sind. Weil gewisse Landstriche sowie Nahrungsmittel lange Zeit kontaminiert blieben und das Gift Dioxin Veränderungen des Erbmaterials herbeiführt, leiden immer noch tausende von Menschen in Vietnam unter dem Einsatz von Agent Orange. Hierfür bietet die besagte Dauerausstellung im War Remnants Museum mit einer Vielzahl von präservierten Phöten missgebildeter Fehlgeburten direktes Anschauungsmaterial. Jene die für diese andauernden Überbleibsel zu leicht besaitet sind, bleiben die Portraits, die der Japanische Fotograph Goro Nakamura vor über 10 Jahren von Menschen machte, die aufgrund des Dioxineinsatzes mit schweren Behinderungen, fehlenden oder verkümmerten Körperteilen geboren wurden. Ohne diese Bilder jemals gesehen zu haben, ist was man hier sieht nur schwer vorzustellen.

Anhand der Bilder werden die Besucher unmittelbar gezwungen sich mit den Folgen dieses strategischen Kriegsverbrechens auseinanderzusetzen. Die Stimmung könnte fast nicht gedrückter sein, einige Menschen sind den Tränen erlegen. Was nicht überrascht. Schließlich zeigen die Bilder Menschen, die ein fremdverschuldetes Schicksal Tag für Tag ertragen müssen.

Eines dieser Portraits berührt mich aber besonders. Es ist der damals 23 jährige Anh Le Vang Hung aus der nördlichen Provinz Thanh Hoa. Er kommt zwar scheinbar gesund auf die Welt, doch bemerken seine Eltern ab dem 8. Monat, dass er niemals aufrecht gehen wird. Aufgrund einer angeborenen Fehlbildung der Beine bildet sich abwärts der Leiste keine Muskelstruktur aus, die aber für den aufrechten Gang notwendig ist. Anh lernt mit Hilfe seiner Hände laufen und wird, um gehen zu können, nie auf sie verzichten können.

Anh Le kann seiner Familie, Reisbauern aus einfachen und ärmlichen Verhältnissen, nicht ausreichend helfen, kann nicht für deren Alter vorsorgen. Dabei ist Anhs Schicksal nicht das gravierenste, er ist schließlich gesund, lebensfähig und geistig unbeeinträchtigt. Er hat starke Oberarme und überhaupt einen muskulösen Körperbau, zumindest aufwärts der Leiste. An den Händen trägt er Plastikschlappen und bewegt sich auf allen Vieren fort - eine Körperhaltung die schnell als unwürdig betrachtet wird. Doch allein auf dem Portraitfoto strahlt Anh Le so viel Würde und Anmut aus.

Ich fühle mich von diesem Portrait sehr bewegt, will Anh Le treffen, nicht weil ich Mitleid mit ihm habe, sondern weil er jene Mentalität, jene Kraft und Zuversicht ausstrahlt, die ich bei vielen Vietnamesen wiederfinde. Auch will ich wissen, wie sein Leben verläuft. Ich notiere mir also den Namen, die Provinz, das Dorf und die Kommune in der er lebt. Zufällig liegt sie auf der Reiseroute von Saigon Richtung Ha Noi, immer entlang der Nationalstraße 1.

Eine Frage drängt sich mir aber unmittelbar auf, wenn ich die besagte Mentalität betrachte: handelt es sich überhaupt um eine Art Mentalität, also bedingt durch kulturelle Werte? Oder ist es einfach nur eine Tugend die aus der Not geboren ist? Viele Vietnamesen sagen nämlich, dass sie weder während des Krieges, noch danach, eine andere Wahl hatten, als nach vorn zu schauen und zu schuften.

1.650 km nördlich von Saigon mache ich mich gemeinsam mit meiner Übersetzerin Thuong, einer jungen Journalistin die im Nachbardorf von Anh Le geboren ist, aber in Saigon arbeitet, auf den Weg. Ein ungewöhnlicher Zufall hat uns in einem Gespräch im Zug zusammengebracht, was mir die Recherche ungemein erleichertert, denn in dieser ländlichen Region eine Übersetzerin zu finden ist reine Glückssache - die Einheimischen verstehen nicht mal meine Vietnamesischversuche. Die Sprache ist einsilbig und rein tonal. So glaubt jeder den ich nach dem Bahnhof "ga" frage, dass ich auf der Suche nach Hünchen bin, was ebenfalls "ga" heißt – nur anders ausgesprochen.

In Don Thinh, der Gemeinde in der Anh wahrscheinlich lebt, weiß man uns binnen Minuten weiterzuhelfen, die Leute kennen sich untereinander und so ist das Haus in dem er wohnt schnell gefunden. Wir erscheinen völlig unangekündigt zur Nachmittagszeit, die Eltern des mittlerweile 33 jährigen sind nach der Mittagspause zurück auf den Reisfeldern. Er bittet uns ins Haus, das aus zwei bescheidenen grün gestrichenen Räumen besteht, darin drei Betten, zwei Sitzbänke, ein Tisch und einem im Vergleich zum restlichen Interieur überdimensional großen Fernseher. Sieben Leute wohnen hier. An den Wänden hängen groß eingerahmte Bilder, wahrscheinlich sein Vater, seine Onkel allesamt in Militäruniform, sowie Kinderfotos und ein Hochzeitsbild. Als ich sehe, dass der Bräutigam auf dem einen Bild Anh Le ist, bin ich ziemlich überrascht. Im Nachhinein überkommt mich aber ein Gefühl von Freude, das ich versuche zu verbergen. Später erfahre ich auch noch, dass auf einem der Kinderbilder der Sohn von Anh Le zu sehen ist. Er erfreut sich bester Gesundheit.

Während seine Neffen wieder weiter dösen, bereitet Anh Le den bitteren giftgrünen Jasmintee vor und schenkt mir immer wieder ein - die kleinen Behälter sind schnell ausgetrunken. Die unerwartete Begegnung findet ohne jede Schwere und Komplikation statt. Vor mir war nur Nakamura hier, der Fotograph der ihn vor über 10 Jahren in die Öffentlichkeit brachte. Das letzte mal war dieser vor einem Jahr zu Besuch. Ansonsten ist die Weltöffentlichkeit nicht weiter interessiert an ihm und seiner Familie – geschweige denn an dem Kriegsverbrechen.

Mit einer unsagbar sanften Stimme und einer fast unkenntlichen Aufregung antwortet er auf meine Fragen, stimmt zu, seine Geschichte veröffentlichen zu dürfen. Alles OK, ich darf ihm alle Fragen stellen, nur keine Scheu. Vorsichtig taste ich mich an sein Leben heran, will wissen wie es genau soweit gekommen ist, dass er mit dieser Beeinträchtigung auf die Welt gekommen ist, wie seine Kindheit verlaufen ist, über die Gefühle, den Schmerz, nicht so stark sein zu können wie die anderen.

Gewissheit hatte seine Familie erst ab seinem 13. Lebensjahr. Seit dem weiß man, dass es sich bei seiner Behinderung um einen angeboren Defekt handelt, der durch Dioxin verursacht wurde. Die damalige Aufmerksamkeit für das Familienschicksal hatte die Eltern zu Nachforschungen veranlasst. Außerdem gibt es in dem Dorf etliche andere Kinder mit Behinderung. Sein Vater war in den Sechziger Jahren Soldat und wurde in dem schwer umkämpften Gebiet zwischen Huế und Da Nang eingesetzt. So war er auch nachweislich dem Gift ausgesetzt.

Tragisch ist für Anh Le vor allem, dass ihn die Familie wegen mangelnder Mittel nicht zur Schule schicken konnte. Das Lesen, Schreiben und Rechnen hat ihm sein älterer Bruder beigebracht. Zwei weitere Geschwister hat er noch - alle sind ohne Behinderung zur Welt gekommen. Er sagt, es hat eine Weile gedauert mit der Wut umgehen zu können, die er beim Gedanken verspürte, dass er nicht wie die anderen ist. Was er gegenüber der handvoll von Männern verspürt, die seine Behinderung zu verantworten haben ist klar. Deren Gesichter hat er bis jetzt noch nie zu sehen bekommen. Wie hätte er sie denn auch anklagen können? Natürlich verachte man die USA dafür, was sie dem Land und den Menschen hier angetan haben - dafür, dass jenen die Ausbreitung des Kommunismus schlimmer erschien als Millionen von Menschen zu behandeln wie Schädlinge. Doch trotzdem führe Hass ja zu nichts, so Anh Le.

Entschädigung haben die späten Opfer des Giftangriffes von den USA nie gesehen, von einer "angemessenen" Anerkennung kaum zu sprechen. Wem gegenüber solle man auch die Ansprüche stellen? Den Herstellern des Gases? Den vielleicht schon verstorbenen Herren Generälen, Ministern, oder den Präsidenten? Lediglich US Soldaten wurden entschädigt, da auch sie Spätfolgen wegen dem Kontakt mit dem Gas verzeichneten. Die vielen vietnamesischen Opfer bleiben aber unbeachtet. Immerhin unternimmt die US-Regierung nun einige Versuche, Gebiete die immer noch kontaminiert sind, zu bereinigen.

Vom Vietnamesischen Staat hatten Anh und seine Familie ebenfalls wenig zu erwarten. Nur die Geimeinde spendet 10kg Reis pro Monat. Um das Einkommen der Familie ein wenig aufzubessern, verkauft er gelegentlich das Gemüse, das die Familie anbaut. Hierfür hat er sogar ein spezial angefertigtes Motorrad mit drei Rädern. Wenn es nichts zu verkaufen gibt, bleibt er aber zu Hause und tut im Haushalt was er kann, kocht, wäscht und hält Haus und Hof in Schuss.

Trotz aller Einschränkungen und Rückschläge blickt Anh Le aber doch in die Zukunft. Und so wünscht er sich vor allem Gesundheit für seine Familie und für seinen Sohn. Ob seine Frau und er noch ein Kind haben wollen, kann er nicht sagen. Zu sehr fürchtet er sich davor, dass es ebenfalls, wie auch er, mit einer angeboren Behinderung auf die Welt kommen könnte. Abgesehen von dieser Angst sei er ein glücklicher Mensch, sagt er. Er hofft, dass es den Menschen in seinem Land in Zukunft besser gehen, das Leben etwas unbeschwerlicher sein wird. "Da bin ich mir sicher, denn die Vietnamesen strahlen so eine unverkennbare Zuversicht und Kraft aus" antworte ich ohne zu zögern. Als meine Kollegin den Satz übersetzt hat, schaut er mich zufrieden und mit strahlenden Augen an.

Abschließend spreche ich noch die Frage an, die ich mir seit dem Beginn meiner Begeisterung für das Land und die Leute stelle: Ist diese Kraft und Zuversicht vielleicht nur aus der Not heraus entstanden? Ist er also nur so stark und arbeitsam, weil die Familie ihn braucht, oder macht er es aus eigenen Stücken? In aller Kürze antwortet er, Niemand habe ihn gebeten oder gefragt zu arbeiten, er könne aber nicht anders.

Nach etwa einer Stunde bedanke ich mich bei ihm für die Gastfreundschaft und die Aufgeschlossenheit. Ich werde zur Hoftür begleitet. Für mich ist diese Begegnung ein besonderes Beispiel von Eigenständigkeit und Mut. Selten begegne ich Menschen, die ihrem Schicksal so souverän und frohen Gemütes trotzen. Anh Le ist für mich damit ein Beispiel für das jüngere Vietnam, für die Generationen, die in einer schweren Zeit ein Land aus dem Nichts aufgebaut hat. Führt man sich die Erschütterungen, die dieses Land erlitten hat vor Augen, so lässt einen die Kraft und Zuversicht die diese Generation aufbringt nur noch erstaunen.

Am Ende meiner Reise durch Vietnam wird mir klar; das Land wartet nicht nur auf die Aufarbeitung der hier stattgefundenen Kriegsverbrechen. Die Leistungen die die Vietnamesen in der jüngeren Zeit erbracht haben, um sich wieder aufzurichten - oder jedenfalls so gut es geht, im Falle von Anh Le - verdienen nicht nur Respekt sondern auch Anerkennung.

Liebsten Dank an Thương die mir als Dolmetscherin zur Seite stand
10:07 28.02.2013
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Gérald Cordonnier

Identität? Schwindsüchtiger Gedanke! Was nicht ist das kann noch werden, und der Himmel auf Erden!
Gérald Cordonnier

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