RE: Ihr Söhne von Ottern | 08.06.2009 | 13:02

Gestatten Sie mir, als evangelischer Pfarrer einige Ergänzungen zum Artikel zu machen. Grundsätzlich denke ich, dass die These des Artikels, Jesus als förderlich für den Dialog zu sehen, ergänzungsbedürftig ist. Meiner Ansicht nach ist es richtig, dass Jesus ein Friedensstifter gewesen ist, dessen Potentiale noch nicht ausgeschöpft worden sind. Aber das liegt auch daran, dass der wirkliche, historische Jesus auch ein Chaoselement in sich trägt. Er hat das Zeug dazu, die islamische Gesetzesfrömmigkeit ebenso durcheinander zu bringen wie die christliche Kirchlichkeit.

Zur Verdeutlichung möchte ich folgende Grundtypen unterscheiden: Es gibt den Jesus N (den von Nazareth), das ist der wirkliche Jesus. Ärgerlicherweise hat er such im Laufe der Zeit eben auch noch in andere Typen verwandelt - den Jesus C (den des volkstümlichen Christentums) und den Jesus K (den des Korans).

Das weitere möchte ich mit etwas Mengenlehre deutlich machen. Um es einmal so zu sagen: es gibt eine Schnittmenge von Jesus N zu Jesus C - aber die beiden sind bei weitem nicht identisch (der Jesus des Neuen Testamentes ist auch nicht identisch mit Jesus N, sondern liegt zwischen ihm und Jesus C). Die inhaltliche Schnittmenge von Jesus N zu Jesus K ist sehr viel kleiner; das ist ja gerade die Schwierigkeit im Gespräch mit Muslimen, dass bei ihnen gelegentlich der Name Jesus fällt, ohne dass das erkennbar etwas mit dem Mann aus Nazareth zu tun hat. Auch Jesus C und Jesus K haben eine Schnittmenge (zum Beispiel was Jungfrauengeburt und Geschichten aus den Kindheitsevangelien angeht). Auf dieser Schnittmenge greift der Sufismus zurück - aber sie überschneidet sich fatalerweise nicht weit mit Jesus N!

Es wäre nun ein fataler Denkfehler, zu glauben, dass man auf den Gemeinsamkeiten von Jesus C und Jesus K "eine Brücke bauen" kann. Wichtig ist doch, dass eine Brücke auch trägt. Und sie muss auch kritische Geister tragen können. Dass Christentum und Islam einen gemeinsamen Heiligennamen besitzen, mit dem recht unterschiedliche Geschichten verbunden werden, ist zu wenig.

Ansonsten ist Vorsicht geboten angesichts solcher in Unkenntnis der schwierigen Quellenlage hingeworfenen Behauptungen wie: "Die von Jesus’ Bruder Jakob geleitete Urgemeinde in Jerusalem glaubte noch nicht, dass Jesus Gott verkörpere." Wenn es eine formelle Leitung der Jerusalemer Urgemeinde gegeben haben soll, dann oblag die zunächst einmal Petrus. Festzustellen, was er und die anderen geglaubt haben, ist angesichts fehlender Quellen methodisch schwierig. Jedenfalls irgend etwas, was im deutlichen Kontrast, aber nicht im totalen Gegensatz zum Judentum stand und in dem die gerade von islamischer Seite bestrittenen Erfahrungen von Kreuzigung und Auferstehung von Jesus N eine große Rolle gespielt haben.