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Bring mich zum Sterben in die Schweiz

Kino François Ozon hat mit „Alles ist gut gegangen“ einen Film über Sterbehilfe gedreht. Es ist sein persönlichster bislang
André (André Dussollier) bittet seine Tochter Emmanuèle (Sophie Marceau), ihn in die Schweiz zu begleiten, wo Sterbehilfe erlaubt ist
André (André Dussollier) bittet seine Tochter Emmanuèle (Sophie Marceau), ihn in die Schweiz zu begleiten, wo Sterbehilfe erlaubt ist

Foto: Carole Bethuel/Mandarin Production/Wild Bunch

Er ist ein mieser Vater“, sagt Emmanuèle, „aber später wäre ich gern sein Freund geworden.“ Dafür war André nie erreichbar. Dem anspruchsvollen Patriarchen konnte sie es partout nicht recht machen. Ihr trotziger Kinderwunsch, ihn zu töten, könnte sich nun erfüllen. Aber jetzt bringt sie es nicht mal übers Herz, das Sandwich in den Abfall zu werfen, in das er auf seinem Krankenbett biss.

André (André Dussollier) hat einen Schlaganfall erlitten und kann es nicht ertragen, seine Lebenskräfte schwinden zu sehen. Er verlangt, dass Emmanuèle (Sophie Marceau) ihm Sterbehilfe leistet. In Frankreich ist das gegen das Gesetz, in der Schweiz wäre es möglich. Das ist ein unbarmherziger Wunsch und ein unerträgliches Mandat für die Tochter. Eine Liebeserklärung ist es auch.

Die Bernheims sind eine Familie, in der die Wut eine große Rolle spielt, spielen darf. Es herrscht ein genau austariertes System der Kränkungen und Forderungen. Bald stellt sich heraus, dass André zeit seines Lebens jüngere Männer bevorzugte, aber das hält ihn nicht davon ab, seiner Ehefrau Claude (Charlotte Rampling) vorzuwerfen, sie habe ein Herz aus Beton. Die Familie hat sich in der eigenen Zerrüttung pragmatisch eingerichtet. Zwischen Emmanuèle und ihrer Schwester Pascale (Geraldine Pailhas) ist nur ein leiser Hauch von Rivalität zu spüren; sie haben sich ihre Kindheitsrituale der Verbundenheit bewahrt. Finanzielle Sorgen kannten sie nie. Die Bernheims gehören dem gehobenen jüdischen Bildungsbürgertum an, André war ein erfolgreicher, zweifellos durchsetzungsfähiger Industrieller und weitblickender Kunstsammler. Emmanuèle ist eine gefeierte Schriftstellerin, Pascale organisiert klassische Konzerte und engagiert sich für die Restitution von Instrumenten, die während der deutschen Besatzung geraubt wurden. Nun muss ein neuer Pakt mit dem Leben geschlossen werden.

Es ist erstaunlich, mit welch bürgerlicher Gelassenheit François Ozon dieses Milieu vorstellt. Er setzt es wohltemperiert in Szene. Früher hätte es seine Angriffslust mobilisiert, aber in Alles ist gut gegangen eignet ihm eine Selbstverständlichkeit, die als Sockel dient für die Nähe, die er zu seinen Charakteren sucht. Sein Blick wirkt einhegt; der einstige Agent provocateur scheint zu einem eminent bourgeoisen Filmemacher gereift zu sein. Ozons Karriere ist ein Bildungsroman, der sich nicht ohne Reibungsverluste erzählen lässt. Die Verwandlung jedoch ist seit jeher ein zentrales Motiv und mächtiger Erzählimpuls seines Schaffens.

Am Anfang war für ihn alles noch ein Spiel, das er unbekümmert, wenngleich nicht absichtslos betrieb. Das Erzählen erschien ihm wie ein Streich, den er seinen Figuren ungestraft spielen durfte. Er verspottete sie, spießte sie vergnügt auf. Seine größten kommerziellen Erfolge feierte er mit Komödien wie 8 Frauen und Das Schmuckstück, die sich smart über die Trivialität der Bühnenvorlagen erhoben, aber zugleich von ihrer gut geölten Boulevardmechanik profitierten. Ein Doppelspiel. Man konnte ihn für einen Zyniker halten, der immer dann in den Ironiemodus zurückschaltete, wenn seine sperrigeren, sensiblen Dramen an den Kinokassen enttäuschten. Diese handelten oft vom Sterben, von Abschied und Verlust. Zuverlässig fand er dafür den angemessenen Ton.

François Ozon immer mit interessantem Kniff

Dennoch schien Ozon stets mit leichtem Gepäck zu reisen. Er drehte mindestens einen Film pro Jahr, oft mit großen Stars oder zumindest namhaften DarstellerInnen, die er passgenau für die Rollen besetzte und dabei stets im Hinterkopf behielt, was sie für das Publikum repräsentierten. Er verstand, wie die Mechanismen der Aufmerksamkeit funktionieren, und machte aus sich eine eigene Marke. Wer in einen Ozon-Film ging, meinte zu wissen, was ihn erwartet. Selten täuschte man sich. Nie waren seine Filme banal, vielmehr stets smart, oft sogar klug. Immer warteten sie mit einem interessanten Kniff auf, der Zweifel schürte. Es war ein zugängliches Werk, an dem er sein Publikum teilhaben ließ. Obwohl er es regelmäßig damit überraschte, dass er die Register wechselte, begriff es meist ziemlich schnell, weshalb er sich gerade diesen Stoff ausgesucht hatte. Er war ein selbstsicherer Eklektiker, der ein diebisches Vergnügen daran fand, die bürgerlichen Masken herunterzureißen.

Dabei verortete er seine Filme meist in einer gleichsam unbestimmten Gegenwart, weitgehend unberührt von aktuellen politischen und sozialen Problemen. Die Glaubwürdigkeit seiner filmischen Fabeln ließ sich nicht an einer Alltagsrealität messen. Sie entstanden aus seinem souveränen Umgang mit filmischen Konventionen. Er stellte mit Geschichten an, was immer sich auf der Leinwand mit ihnen anstellen ließ. Sie wirkten wie Anlässe einer Virtuosität, die sich selbst zu genügen schien. Ozons Geschmeidigkeit schürte den Verdacht, der doppelte Boden, den er seinen Komödien einzog, stelle auch seine dramatischen Filme unter einen Vorbehalt: Wie ernst meinte er sie tatsächlich?

Dabei scherte Ozons Kino aus den Tendenzen aus, die in den letzten Jahrzehnten tonangebend waren im französischen Autorenfilm. Es war weder einem psychologischen Realismus verpflichtet, noch drehte er versöhnliche Sozialkomödien. Seine Filme waren auch nicht autobiografisch geprägt wie die von Philippe Garrel oder Jacques Doillon. Ozon drehte private, intime Filme, die aber nicht zwangsläufig Aufschluss über seine Person gaben: Sie sprachen in der dritten, nicht der ersten Person Singular.

In dieser Hinsicht war ihm Pedro Almodóvar, mit dem ihn ein Karriereverlauf von lebensbejahend queeren Anfängen zu einer bürgerlichen Reife verband, einen Schritt voraus. Beide entdeckten das Melodram als gültige Erzählform, die sich zeitgenössisch ausformulieren lässt. Aber während sein spanischer Kollege mit jedem Film gründlicher in sein Spiegelbild blickte, überließ Ozon dies seinen Figuren. Er verließ sich weiterhin auf das Sicherheitsnetz der Fiktion. Es war schwer vorstellbar, dass ihn einmal eine Zeitungsmeldung zu einem Projekt inspirieren oder dass er eine Biografie verfilmen würde.

Ersteres änderte sich schlagartig, als er in Gelobt sei Gott (2018) einen Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche aufgriff, aus Sicht der Opfer erzählte und die Täter beim Namen nannte. Mit Alles ist gut gegangen vollzieht er nun den zweiten Schritt. Der Film beruht auf dem gleichnamigen Buch der Romanautorin Emmanuèle Bernheim, das vom Sterbewunsch ihres Vaters handelt. Ozon adaptiert es aus unmittelbarer Betroffenheit, die 2017 verstorbene Bernheim ist die Co-Autorin seiner „ernsten“ Filme, etwa von Unter dem Sand.

Beherzt mit falschem Ton

Wiederum wagt Ozon sich an ein kontroverses Thema heran. Seit der Jahrtausendwende wurden zahlreiche Dramen über Sterbehilfe gedreht, etwa Million Dollar Baby, Das Meer in mir, Liebe und gerade In Liebe lassen. Sie alle stellen sich nicht nur einem ethischen Dilemma, sondern auch einem kinetischen. Wie soll das Kino, dessen Grundimpuls die Bewegung ist, mit Figuren umgehen, die zur Reglosigkeit verdammt sind? Es geht von einem Begriff der Vitalität aus, der auf die Frage, wie sich die Lebenswürdigkeit des Daseins ermessen ließe, eine vermeintlich unausweichliche Antwort gibt. Ozon schert entschlossen aus dieser Tendenz aus. Bei ihm ist das Sterben keine Erlösung und die Hilfe kein Akt familiärer oder freundschaftlicher Gnade. Andrés Todeswunsch ist ein eherner Entschluss, der von seinen Töchtern respektiert werden soll. Die Ambivalenz, die er nichtsdestotrotz besitzt, ist eine Frage der Perspektive ebenso wie des Tonfalls. Man könnte ihn fast eine voreilige Laune nennen, wenn man sieht, wie vergnügt André seine Rekonvaleszenz geschehen lässt. Seine Lebenskräfte kehren zurück, sein Sarkasmus ohnehin. Dussollier verleiht ihm einen schelmischen Zug, der so erhaben wie verstörend ist. Im Angesicht des Todes hat sein Blick aufs Leben eine ungekannte Freiheit gewonnen: Er erkennt, wie reich und erfüllt es war, kostet seine Privilegien noch nach Kräften aus, hat aber keine Freude mehr daran. Er ist bereit.

Ozon inszeniert dies als eine „comédie dramatique“, voller Situationskomik und schwarzem Humor. Beherzt wählt er den „falschen“ Erzählton. Es geht turbulent zu. Das existenzielle Problem bricht er ständig auf den Alltag herunter, der auf Kontinuität beharrt: Er vertraut auf das, was kommt. Bei allem Schmerz, in den er sich einfühlt, bleibt er ein Regisseur der Ermutigung, der nie aufhören mag, Figuren zu lieben, die mit den sozialen Konventionen brechen.

Info

Alles ist gut gegangen François Ozon Frankreich 2021, 117 Minuten

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