Chris Marker

Ausstellung Mal blicken sie fragend, mal vertrauensvoll in die Kamera. Ihr Ausdruck ist argwöhnisch oder von großzügiger Offenheit; würdevoll lassen sie sich ...

Mal blicken sie fragend, mal vertrauensvoll in die Kamera. Ihr Ausdruck ist argwöhnisch oder von großzügiger Offenheit; würdevoll lassen sie sich mitunter bei einer kleinen Einsamkeit ertappen. Aber können diese Menschen das Privileg ermessen, das ihnen widerfährt: Nicht allein von diesem Fotografen betrachtet zu werden, sondern ihn auch von Angesicht zu sehen?

Seit Jahrzehnten verbirgt Chris Marker beharrlich sein Gesicht vor der Öffentlichkeit; es existiert kaum ein Dutzend Bilder von ihm. So sind es zweifach intime Begegnungen, die er im Zyklus Staring back festgehalten hat. In seinem Film über die Fotojournalistin Denise Bellon sagt Marker: "Fotograf zu sein, heißt nicht nur hinzusehen, sondern auch dem Blick des Anderen standzuhalten." Auf allen Erdteilen hat er das Selbstbild anderer Kulturen so achtsam erkundet wie einst in Lettre de Siberie, Sans Soleil und anderen filmischen Briefen, die er über ein halbes Jahrhundert ans Publikum schickte. Die Welt trägt für ihn vor allem ein weibliches Antlitz: Die Umschläge der Reisebücher aus der Reihe Petite Planète, die er in den fünfziger und sechziger Jahren herausgegeben hat, zieren ausschließlich Frauenporträts. Sie scheinen ihm der Schlüssel zu den Kulturen, denen er sich sehnsüchtig nähert und voller Respekt vor ihrem Geheimnis.

Dieser Abschied vom Kino, so der Titel der Zürcher Schau, ist vielmehr die Chronik einer kontinuierlichen Neuerfindung. Unaufhörlich mischt der 1921 bei Paris geborene Marker die Karten neu, unterwirft sein Werk im flinken Zugriff auf die neuesten Technologien einem Prozess der Revision. Viele Fotos sind digital bearbeitete Standbilder aus seinen Filmen. Seine letzte Arbeit Leila attacks ist auf Youtube zu besichtigen, seine jüngste Inkarnation ist ein Avatar in Second Life, der es Marker erlaubt, die eigene Neugierde zuversichtlich den Händen seines Publikums anzuvertrauen.

Die Besucher werden von dem gezeichneten Kater Guillaume-en-Egypte begrüßt, der seit Jahren als Alter Ego und "Assistent" des scheuen Marker fungiert. Vorwitzig mischt der sich ein in Tagesaktualität; sein Schöpfer hat nie aufgehört, Zeitgenosse zu sein. Im Schutz der Anonymität war er zuverlässig dort, wo immer sich die historischen Umbrüche der Nachkriegszeit ereigneten. Fotos von Demonstrationen gegen den Algerien- und Vietnamkrieg, vom Pariser Mai 1968 und dem Protest gegen die Präsidentschaftskandidatur Le Pens im Jahr 2002, weisen ihn als melancholischen Demokraten aus, der stets den Souverän emphatisch begleitet, wenn dieser sich auf der Straße Gehör verschafft. So wie die Stimme ein unverzichtbares Element von Markers Essay-Filmen ist, kommt hier den Bildlegenden eminente Bedeutung zu. Er versteht sich auf die verblüffende, niemals leichtfertige Assoziation; unermüdlich reflektiert er das Verhältnis von privatem Alltag und Geschichte, von Erinnerung und dem medialen Zugriff auf die Realität.

Es ist keine geringe Leistung des Kurators Andres Janser, den Besucher auf dem eng begrenzten Raum der Museumsgalerie derart bündig in Markers Mythologie einzuweihen. In Ausschnitten der legendären CD-ROM Immemory stellt er die Ikonografie der Kunstgeschichte zur digitalen Disposition (Le déjeuner sur le web). In der Installation Silent Movie verfremdet er bekannte Motive durch Überblendung und Kombination. Auch dieses Experiment stellt er unter die Obhut einer Frau, immer wieder taucht das Gesicht seiner Muse Catherine Belkhodja auf den Monitoren auf, deren Züge an Alexandra Stewart erinnern, die den Kommentar zu Sans Soleil gesprochen hat. Zu den schönsten Exponaten gehören Markers Plakatentwürfe zu Filmen, die es hätte geben sollen: Ein Hiroshima, mon Amour mit Greta Garbo in der Hauptrolle etwa. Marker verabschiedet sich nicht aus der Kinogeschichte. Er denkt sie nur weiter.

Chris Marker. Abschied vom Kino. Museum für Gestaltung Zürich, noch bis zum 29. Juni

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