Die Toten leben noch

Blockbuster Kehrt mit dem neuen Bond-Film „Keine Zeit zu sterben“ auch das große Kinopublikum zurück?

Wer im Vor-Corona-Winter 2019/2020 ins Kino ging, musste sich darauf gefasst machen, erst einmal die Trailer zu folgenden voraussichtlichen Blockbustern zu sehen: Disneys Realfilm-Remake von Mulan, die DC-Superheldinnenfilme Wonder Woman 1984 und Birds of Prey. Und natürlich Keine Zeit zu sterben, das 25. Bond-Abenteuer.

Als einziger Film aus diesem Angebot startete Birds of Prey noch vor Beginn der Pandemie regulär im Kino. Disney schockierte die Branche damit, dass es Mulan direkt auf der hauseigenen Streamingplattform Disney+ (mit Aufpreis) anbot. Warner Brothers entschieden sich vergangenen Dezember, das Wonder-Woman-Sequel ebenso wie ihr gesamtes Portfolio für das Jahr 2021 hybrid zu starten, also sowohl in Filmtheatern wie auf ihrer unlängst lancierten Plattform HBO Max. Das war keine Lösung, die Kinobesitzer aktuell begeistern konnte. Ob die Strategie zukunftsweisend ist, muss sich erst noch erweisen. Derweil blichen in den Vitrinen der geschlossenen Filmtheater die Plakate für Keine Zeit zu sterben langsam aus. Ersetzt wurden sie nicht, denn ihren Dienst hatten sie noch nicht getan.

Zwischenzeitlich hatten die Bond-Produzenten Barbara Broccoli und Michael G. Wilson das spektakuläre, aber nur auf den ersten Blick lukrative Angebot von 600 Millionen Dollar für die Verwertung durch Netflix abgelehnt. Die Treuhänder des Mythos verstehen sich (vorerst) auch als die Siegelbewahrer des Kinoerlebnisses. Wenn Daniel Craig ab dieser Woche nun seinen letzten Einsatz als 007 absolviert, steht viel auf dem Spiel. Um die Rettung des Kinos haben sich zwar zuvor schon Titel wie Fast and Furious 9 verdient gemacht. Aber der neue Bond ist das endgültige Zugpferd, mit gleich zweifacher Mission: einerseits die „Normalität“ zu bekräftigen, die sich in den Kinos wieder einstellen soll, und zugleich ein herausragendes Ereignis zu sein.

James Bond stellt eben nicht nur ein beliebiges Franchise dar, sondern das Urmeter des seriellen filmischen Erzählens. Seine Abenteuer versprechen eine touristische Welthaltigkeit, sie tragen sich stets auf gleich mehreren Kontinenten zu und befriedigen damit eine Schaulust, die während der Pandemie notwendig hintangestellt werden musste.

Im nächsten Jahr feiert die Serie ihr 60-jähriges Kinojubiläum und setzt damit Maßstäbe, die die Konkurrenten auf dem Terrain des Franchise aller Voraussicht nach nie erfüllen werden. Das hat nicht zuletzt demoskopische Gründe: Das erwartete Publikum umfasst nicht nur das junge Segment, sondern auch treue, gar nicht unbedingt nostalgische Best Ager. Und während den Rivalen eine gewisse Flüchtigkeit der Aufmerksamkeit innewohnt (wer kann im Nachhinein zwischen Fast and Furious 5 oder 6 unterscheiden?), gehorcht Bond nicht allein dem Gesetz der Serie. Die einzelnen Filme mögen keine Solitäre sein, aber ihr Start stellt jeweils ein epochales Ereignis dar.

Das Empire in Ruinen

Irgendwie ging es in den letzten sechs Jahrzehnten immer um Wohl und Wehe, sei es das einer Kinosaison oder das der Zukunft des Franchise selbst. Bond ging mit der Zeit, stand freilich stets auch außerhalb von ihr; seine Zeitgenossenschaft war mittelbar. Sie veraltet nicht. Das gilt erst recht, seit Daniel Craig die Figur mit neuem Leben erfüllt hat. Sein Bond wahrt die Tradition und hebt sie unwiderruflich aus den Angeln. Die toxische Männlichkeit hat er weitgehend aus ihm getilgt und durch eine romantische Achtsamkeit ersetzt. Altlasten wie das unverbrüchliche Festhalten am Empire, lagen am Ende von Spectre in Ruinen.

Aber die zentrale, wenngleich unterschwellige Metapher, die sich seit Casino Royale durch die Craig-Filme zieht, ist die Wiedergeburt. 007 ist ein gewiefter Todtäuscher. „The dead are alive“ kündigt ein Titel zu Beginn von Spectre an: Die Vergangenheit ruht nicht, aber die Zukunft wird eine ganz andere sein. Insofern ist der Titel der Fortsetzung ein stolzes, vieldeutiges Sinnbild. Bedeutet Keine Zeit zu sterben nur einen Aufschub? Oder gibt er das glorreiche Versprechen aus, Bond sei auch diesmal einfach zu beschäftigt, um an den Tod zu denken?

Info

Keine Zeit zu sterben startet am 30. September

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