Diskrete Distanz

IM KINO Benoît Jaquots »Sade« zeichnet das fast sanftmütiges Porträt eines Mythos
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Wie nähert man sich einem Mythos? Wie verleiht man ihm auf der Leinwand Gestalt? Wie müssten die ersten Szenen aussehen, aus denen er in Fleisch und Blut entsteht? Sade beginnt im Gefängnis Saint Lazare, auf dem Höhepunkt der Revolutionswirren. Sades (Daniel Auteuil) Zellengenosse liegt im Sterben, kalter Schweiß steht ihm auf der Stirn, sein Antlitz ist bleich. Ein paar Häftlinge haben sich um ihn geschart. Betroffenheit ist in ihren Gesichtern zu lesen, auch die Angst davor, bald selbst dessen Schicksal zu teilen. Sade tritt hinzu, aufmerksam betrachtet er den Todeskampf. Aber beten will er nicht für ihn; solchen Aberglauben teilt er nicht. Dennoch empfindet er Bedauern. »Er hat ein schönes Gesicht«, sagt er bewundernd über den Junge