Hohelied der Niedertracht

Film In „Nightmare Alley“ gerät ein Wahrsager an eine raffinierte Psychiaterin

Ihm steht die Welt offen, ohne dass er auch nur ein Wort verlieren muss. Es dauert nur wenige Filmminuten, da hat er bereits sein altes Leben hinter sich gelassen, einen Job als Tagelöhner gefunden und gleich darauf eine feste Anstellung. Gewiss, der Jahrmarkt ist ein Pandämonium der Schäbigkeit. Aber auch darin könnten unbegrenzte Möglichkeiten schlummern.

Im Kreis der Verlorenen, die keine Illusionen über die menschliche Natur mehr hegen, aber über einen robusten Ehrenkodex verfügen, findet Stanton Carlisle (Bradley Cooper) eine Heimat; eine vorläufige wohlgemerkt, denn die Geschichte spielt in Amerika. Dem Land steckt die Depressionszeit noch in den Knochen. Aber rasch stößt Stanton das neue Leben nicht mehr nur zu. Tatendurstig will er sein Glück machen. Als er nach einer geschlagenen Viertelstunde seinen ersten Dialogsatz spricht, dient der zunächst der erotischen Anbahnung und mündet sodann in eine Karriere als Medium. Stanton verwandelt sich in einen Schwamm, der gelehrig sämtliche Tricks des Cold Reading aufsaugt, der Wahrsagertechnik, Wissen vorzutäuschen, wo keines ist. Er entwickelt ein sicheres Gespür, wie viel Sehnsucht und Trauer die Menschen verbergen, denen er ihre schwer verdienten Cents und bald auch Dollars abknöpft.

Guillermo del Toro dreht einfallsreiche, zugeneigte Filme über das Monströse. Nun hat er den Roman Der Scharlatan (1946) von William Lindsey Gresham als ein Hohelied der Niedertracht adaptiert. Nightmare Alley ist im Kern ein Genrefilm, wirkt aber ehrgeiziger und gewichtiger. Die opulente Ausstattung (im zweiten Teil erobert Stanton die mondänen Nachtclubs von Chicago), die bis in die Nebenrollen hochkarätige Besetzung und der nach The Shape of Water sehr respektable Status des Regisseurs machen ihn zu einem veritablen Oscar-Köder. Insgeheim ist es ein Film über das Filmgeschäft, das als Jahrmarktsvergnügen begann und dann heranreifte zu einem exquisiten Spiel mit Attraktionen, die dechiffriert werden wollen. Zudem gibt sich der Film als liebevolle Hommage zu erkennen an einen Altbestand des Hollywoodkinos, den Film noir.

Souverän und durchaus altmodisch rekonstruieren del Toro und sein Kameramann Dan Laustsen die undurchdringlichen Schattenspiele dieser pessimistischen Thrillermelodramen aus der Nachkriegszeit, die heimgesucht wurden von Scheitern, Verzweiflung und Arglist.

Das Element des Übersinnlichen, das im Roman und der Erstverfilmung von 1947 mit Tyrone Power noch existierte, hat del Toro getilgt. Dort litt Stanton noch unter seiner Gabe und suchte Hilfe bei der Psychiaterin Lilith Ritter. In der Neuverfilmung ist ihre erste Begegnung ein Duell um Bloßstellung und Demütigung, das Stanton scheinbar für sich entscheidet. Aber in ihr wird er seine Meisterin finden, sie ist entschlossener, raffinierter und schlicht intelligenter. Cate Blanchett, deren Antlitz wie geschaffen wirkt für das abgründige Helldunkel des Film noir, spielt sie als klassische Femme fatale, gibt ihr aber eine ungekannte Vieldeutigkeit. Eine Grundfeste dieses Erzählterrains war stets, dass die Kontrahenten als Spiegelbilder fungierten. Bemerkenswert ist, wie in Nightmare Alley die Psychiatrie zur Kehrseite des Jahrmarktsschwindels wird.

Während Gresham seinen Roman schrieb, kam Hitchcocks Spellbound heraus, der gleichsam den Auftakt der Romanze zwischen Hollywood und dem Freudianismus bildet. Hitchcock inszeniert die Analyse als Suchprozess, als eine therapeutische Verfolgungsjagd. Del Toro bedient sich ihrer Symbolsprache, entzaubert sie aber zugleich: als ein uramerikanisches „con game“, das darauf vertraut, dass die Menschen nicht nur gesehen, sondern gelesen werden wollen.

Info

Nightmare Alley Guillermo del Toro USA 2021, 150 Minuten

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