Vorsicht, länglich!

Retrospektive Das Arsenal widmet Altmeister Jacques Rivette eine Werkschau
Ausgabe 41/2013
Vorsicht, länglich!

Bild: Arsenal Berlin

Von dem jungen Kritiker Jacques Rivette wird der Grundsatz überliefert, ein Film solle stets auch eine Dokumentation seiner eigenen Entstehung sein. Als er selbst Regisseur wurde, hat er sich beherzt daran gehalten. Seinen Filmen ist anzumerken, dass das Drehbuch für sie meist nur ein vibrierender Grundriss ist, den er gemeinsam mit den Schauspielern und dem Team ausgestaltet. Seine Methode der gezügelt ausschweifenden Improvisation schimmert in Form und Inhalt seiner Filme durch.

Selten gehorchen sie deshalb dem Diktat konventioneller Kinolängen. Vielmehr entfalten Rivettes Filme sich in einem Erzählgestus der asketischen und munteren Ausführlichkeit. So erweist sich beispielsweise Die schöne Querulantin in ihrer vierstündigen Version als erheblich kurzweiliger als die zweistündige. Dass die ursprüngliche Fassung von Out 1 fast 13 Stunden dauert, dürfte in Zeiten des binge watching niemanden mehr abschrecken.

Zwielichtige Männerfiguren

Schon in dem Debüt Paris gehört uns fand Rivette 1960 zu den Themen, die sich durch sein gesamtes Werk ziehen sollten. Regelmäßig erkundet er seither Paris als magischen, klandestinen Ort, als ein Terrain erzählerischer Verwirrspiele, die den Blick auf die Realität brechen und deren Regeln der Zuschauer erst allmählich auf die Schliche kommt. Mithin ist das Theater ein Brennpunkt seines Kinos, eine Sphäre, in der Identitäten erforscht werden und wo die Wirklichkeit vielleicht nur eine Generalprobe ist. Wenn Rivette die Geschlechter- und sozialen Verhältnisse erkundet, mischt sich stets der Hauch des Verschwörerischen in die Geschichten. In Filmen wie Die Viererbande und Vorsicht! Zerbrechlich! schickt er zwielichtige Männerfiguren gleichsam als Agenten der eigenen Neugierde in die geheimnisvolle Welt der Frauen.

Jacques Rivette arbeitet mit leichtfüßiger Strenge an seinem Werk. Seine späteren Filme stehen unter dem doppelten Vorzeichen von Beständigkeit (allein dreimal hat er Novellen von Honoré de Balzac verfilmt) und Entdeckerlust (er hat Geister- und Kostümfilme, eine Musikkomödie und sogar einen Spionagefilm gedreht); dieser Altmeister der Nouvelle Vague versteht es, sich eine paradoxe Jugendlichkeit zu erhalten, die souverän dem Zeitgeist und den Moden spottet.

Retrospektive Jacques Rivette Arsenal, Berlin, bis 31. Oktober. Out 1 ist gerade in voller Länge auf DVD erschienen (Absolut)

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