Stellvertreter

linksbündig Das neue Opernkonzept des Berliner Kultursenators versucht den Erhalt der drei Häuser mit dem Einhalten der Sparvorgaben zu verbinden

Berlins Kultursentor Thomas Flierl (PDS) hat ein neues Opernkonzept »Oper in Berlin« vorgelegt. Die Siegesmeldung aus der Senatskanzlei lautet: »Kernpunkt des Konzeptes, für die seit Donnerstag auch die Zustimmung der Berliner Koalitionsspitzen (SPD und PDS) vorliegt, sind:
1. der Erhalt der drei Berliner Opernhäuser als künstlerisch und wirtschaftlich selbstständige Betriebe,
2. die Schaffung von Planungssicherheit für die drei Opern sowie das Ballett durch den Abschluss von fünfjährigen Zuschussverträgen,
3. die dauerhafte Absenkung des Zuschusses für die Berliner Opern um 9,6 Millionen Euro ab 2004,
4. die dauerhafte Entlastung des Berliner Kulturhaushaltes um weitere 21, 5 Millionen Euro durch die Übernahme von Einrichtungen bzw. von Finanzierungsanteilen Berliner Kultureinrichtungen durch den Bund.«

Damit geht eine quälende Debatte zu Ende. Das Ei des Kolumbus wurde gefunden. Es nennt sich Stiftung »Oper in Berlin« und ist ein »flaches Dach«, das vier GmbHs, nämlich die drei Opernhäuser und einen aus ihnen ausgegliederten »Bühnenservice« überspannt. In diesem Pavillon sitzen nun die drei Intendanten mit ihren Geschäftsführern und Personalvertretern, moderiert von einem Stiftungsdirektor mit einer Ehrfurcht heischenden Gage, und beraten gemeinsam über Spielplan, Premierenfolge und Marketing und andere künstlerische Fragen. Erst gehen sie zum Stiftungsrat, dann gehen sie zum Stiftungsvorstand; erst gehen sie zum Aufsichtsrat, dann gehen sie zu weiteren Räten und Gremien, deren es noch viele gibt, und es ist ein ständiges Kommen und Gehen. Wenn man sich über das sich zu Einigende einigt und das Unvereinbare ausklammert, dann waltet Ruhe, und den Krach gibt es nur in der Presse. Eine General-Intendanz soll es nicht geben, wie früher einmal vorgeschlagen, der zusätzliche Generaldirektor der Stiftung soll nur ein »Managing Director« bleiben. Aber ob er es bleibt, das steht in den Sternen. Eine ordentliche Gage wird er schon beziehen. Dafür werden 220,5 Stellen im künstlerischen und technischen Personal gestrichen. Das liegt auf der Linie der heutigen Don-Quichotterien, mit denen allenthalben Arbeitslosigkeit durch Stellenabbau und Einrichtung neuer Chef-Etagen bekämpft wird.

So folgt auf die jeweils allerletzte Sparmaßnahme immer noch eine hinterletzte. Seit 1990 wurden an den drei Berliner Opern bereits 840 Stellen gestrichen. Statistisch ist bereits fast ein ganzes Opern-Ensemble verschwunden. Wahrscheinlich war es dasjenige, das einst den Weltruhm der West/Ost-Berliner Häuser ausmachte. Die Folge dieser »Reform« war, dass jetzt keines der drei Berliner Häuser in der internationalen Opernszene mehr tonangebend ist. Mit der Kunst gingen die Besucher, 700.000 pro Jahr sind geblieben. Eine Million sollte es sein, meint Thomas Flierl, und das neue gemeinsame Marketing soll es richten, nach der kürzlich geäußerten Ansicht des Finanzsenators Sarrazin vor allem durch die Erhöhung der Kartenpreise. Naja, 220,5 neue Besucher hätte er ja schon, wenn ihnen ihre Ich-AG am Abend frei gibt.

Der Kultursenator neigt wie seine Vorgänger zur Meinung, dass die Intendanten in den Opernhäusern das Sagen hätten. Das ist aber nicht der Fall. Bisher hat sich an Daniel Barenboim oder Christian Thielemann vorbei noch nie etwas bewegt, und es gibt wenig Anzeichen, dass sich das ändern könnte. Die Dirigenten und Operndirektoren sitzen - soweit sie nicht auch die Intendanz innehaben - nicht mit am Tisch. Es ist nur der Tisch der Stellvertreter, wo abgestimmte Papiere weiter abgestimmt werden und man sich auf dem kleinsten Nenner einigt; der ist kaum der der Kunst. Leider kann ich mich im Moment nicht entsinnen, nach welcher Aufsichtsratssitzung in Weimar Herzog Carl August 1784 verkündete: »Wir haben uns heute darauf verständigt, dass Herr Wieland die Abderiten schreibt, Professor Schiller den Wallenstein und Seine Exzellenz Herr von Goethe den Faust I. Über Faust II wird später entschieden.«

Das Fazit: Die Verwaltung ist geordnet, Opern sind in Berlin nicht mehr zu teuer. Nur noch zu schlecht.

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