Amos Oz und der historische Kompromiss

Israel nach dem Gaza-Abzug Die Besetzung der Westbank wird bleiben - und mit ihr der Konflikt

Als 1978 Sadat und Begin Frieden schlossen, wollten voreilige Kommentatoren darin schon damals den "ersten Schritt" zu einem umfassenden Frieden im Nahen Osten sehen. Die Analysen der europäischen Diplomaten vor Ort waren eher negativ. Sie gingen davon aus, dass Israel nun den Rücken frei habe, auf der Westbank, gegenüber Syrien und dem Libanon eine härtere Gangart einzuschlagen. Wie die weitere Entwicklung zeigte, sollten sie damit am Ende Recht behalten. Das Arrangement mit Jordanien stand dazu nur scheinbar im Widerspruch.

Heute erleben wir wieder eine ähnliche Euphorie der Medien und der Politik angesichts der angeblichen Wandlung Sharons vom Saulus zum Paulus. Schon nennt man ihn einen neuen de Gaulle, der sein "Algerien" freigeben werde. Der von ihm durchgesetzte Abzug aus Gaza wird als erster Schritt zur Lösung des Palästinakonflikts deklariert, als sei mit einer Räumung der Westbank ernstlich zu rechnen. Wieder ersetzt Wunschdenken die nüchterne Analyse, wieder liegt eine eklatante Fehleinschätzung vor, denn nichts könnte falscher sein als eine solche Erwartung.

Tatsächlich hat Sharon mit seinem klug kalkulierten Schachzug ein gigantisches public relation gadget gelandet, über dessen weltweiten Erfolg man nur staunen kann. Dabei konnte jeder wissen, dass Gaza, auf das es nicht einmal theologisch begründbare Ansprüche gibt, für Israel wie früher für Ägypten eine zunehmende Last darstellte, die endlich abzuwerfen kein Opfer war, sondern ein Gebot politischer Vernunft. Sharon hat den dazu nötigen Mut bewiesen, wenn auch aus anderen Gründen als jenen, die ihm Wohlmeinende unterstellen. Er selbst hat keinen Zweifel gelassen, worum es ihm stets ging und weiter unverändert geht: die jüdischen Siedlungen auf der Westbank zu erhalten, auszubauen und zu vermehren, das seit der Teilung 1948 bis heute auf 20 Prozent des historischen Territoriums geschrumpfte Restpalästina noch einmal um die Hälfte zu verkleinern; und schließlich: Zeit zu gewinnen und den Friedensprozess einzufrieren, bis die faits accomplis endgültig irreversibel geworden sind.

Insofern war der von seinen Organisatoren kontrollierte Protest gegen die Räumung, der sie keinen Augenblick ernstlich gefährdete, der Regierung, unbeschadet der individuellen Dramen unter den von der Politik jahrelang irregeführten Siedlern, eher hilfreich. Das gilt selbst von den Exzessen weniger begriffsstutziger Militanter, weil sie das Argument lieferten, eine Wiederholung der Militäraktion in den Dimensionen der Westbank könne Israel nicht zugemutet werden.

Unter diesen Umständen verblüfft es, wenn Amos Oz, der nicht nur ein bedeutender Schriftsteller, sondern auch ein unermüdlicher Advokat des Friedens mit den Palästinensern ist, die unausweichliche Auseinandersetzung zwischen Falken und Tauben als Kulturkampf zwischen dem religiös fundamentalistischen und dem säkularen Israel definiert.

Damit vermischt er zwei durchaus verschiedene Gegensatzpaare, die sich zwar peripher überlappen, aber keineswegs deckungsgleich sind. Sharon habe in Gaza "Die erste Schlacht" geschlagen und die Autorität des säkularen Staates gegen die Herrschaft der Theokratie durchgesetzt. Man könnte glauben, die Frage sei nur noch, ob er nun auch die zweite Kraftprobe bestehen und die Rückgabe des Westjordanlandes und Ostjerusalems gegen die religiöse Orthodoxie durchsetzen könne, als sei allein sie es, die eine Lösung blockiere. Aber keine Regierung Israels, gleich welcher politischer Couleur, und niemand im Ton angebenden militärisch-industriellen Komplex hat in den vergangenen 40 Jahren je theologische Argumente benötigt, um die Besatzungs- und Siedlungspolitik zu begründen.

Wo tatsächlich die zweite Schlacht geschlagen wird und gegen wen, darüber muss man nicht lange rätseln. Präsident Abbas erhebt zwar Anspruch auf die Rückgabe der gesamten Westbank und Ostjerusalems sowie die Räumung der dortigen Siedlungen. Sharons Antwort: der forcierte Weiterbau der Mauer auf palästinensischem Territorium, die Ankündigung einer neuen Siedlung im Herzen der Jerusalemer Altstadt und die seit Jahresbeginn annähernde Verdoppelung der Bautätigkeit in den okkupierten Gebieten, wo die "legalen" Siedlungen wie die "illegalen" Außenposten an Umfang ständig zunehmen.

Ich weiß nicht, wann endlich es nach Ansicht von Amos Oz "an der Zeit ist, das Westjordanland und Ostjerusalem zurück zu geben". Er fordert nicht etwa ein Ende des Besatzungsregimes und die Herstellung menschenwürdiger Verhältnisse, sondern sieht - darin Sharon nicht unähnlich - jetzt zunächst die Palästinenser am Zug. Er erwartet, dass sie die Zerstörung der Siedlungen in Gaza als "mutigen israelischen Schritt hin zu einem historischen Kompromiss" verstehen und nun verstärkt gegen die militanten Fanatiker in den eigenen Reihen vorgehen. Der nahe liegende Gedanke, dass es die andauernde Politik Israels sein könnte, die diesen Extremisten immer neue Anhänger zutreibt, statt ihnen den Boden zu entziehen, scheint ihm fremd. Was aber wird geschehen, wenn sich erweist, dass der gewaltlose Weg, den Abbas eingeschlagen hat, ohne Resultat bleibt? Wie lange kann es noch dauern, bis Sharon ihn in den Augen der palästinensischen Bevölkerung so gründlich demontiert hat, dass radikale Kräfte ihn ablösen? Dieser Prozess ist bereits im Gange. Das weitere Szenario ist vorhersehbar. Die Tragödie ist noch nicht zu Ende.

Gerhard Schoenberner ist Autor von Büchern, Ausstellungen und Filmen über die NS-Judenverfolgung und Gründungsdirektor der Gedenkstätte Haus der Wannsee-Konferenz in Berlin.


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