Eindrücke von einem Gipfeltreffen

Eine Lesung Wie soll man 25 Jahre deutsche Einheit feiern ? Feiern ? In der Paulskirche ? Der mit den Achtundvierzigern ? Ist das nicht ein wenig dick aufgetragen ?
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Eine öffentliche Veranstaltung mit Katja Lange-Müller, Ingo Schulze und Uwe Tellkamp. Dienstag den 29. September, 19:00 Uhr.

Ein Wochentag, ein Arbeitstag, so früh….Eintritt frei. Warum so billig? Hat das was zu bedeuten?

Ein Gipfeltreffen.

Aber wer ist Katja Lange-Müller?

Eine dissidentische Nachfahrin von Inge Lange, der aus dem Zentralkomitee, und überlebende Hälfte einer Kreuzung mit dem Bruder von Heiner Müller, dem Dramatiker, sagt mir das Internet. Ich kann hundsgemein formulieren. Hoffentlich kann ich so gut nehmen wie ich hier austeile.

Die Paulskirche wurde zerstört und unvollständig wiederaufgebaut. Im Erdgeschoß ein Rundgang mit Bildern zur deutschen Geschichte, wie man sie zu westdeutschen Zeiten gesehen hat. Sehen musste. Sollte. Eine mir schon bekannte 1998 überarbeitete Reduktion. Der eigentliche runde Kirchenraum, kein Schiff also, wo unsere altvorderen Republikaner und Royalisten einst im Kreis saßen, leidenschaftlich debattierten und doch am Ende hilflos fallierten, war mir neu. Eine trotz aller lieblosen Teilrestaurierung imposante mäßige Wölbung mit Glasdach. Die hohen schmalen Fenster und künstliches Licht zerfließen ineinander und ergeben ein zugleich luzides und warmes Ambiente.

Auf dem Weg dahin die Darsteller.

Katja Lange-Müller mag mir inkognito begegnet sein. Ich kannte sie ja von keinem Foto. Später sehe ich eine ältere Frau. Etwa vollschlank, leicht gebeugt. Das mäßig schüttere Haar kastanienfarbig. Gewiss gefärbt.

Tellkamp und Schulze im Foyer.

Der Erste ein einsamer, nervös gespannter Tiger. In vergeblich beruhigender weiblicher Begleitung im virtuellen Käfig auf und ablaufend. Schwarzes Haar mit Seitenscheitel. Eine untersetzte Figur als Beglaubigung der beherzten Fähigkeiten des gelernten Chirurgen. Im dunklen Anzug. Das kannte man aus dem Internet.

Der Andere, anders als Fotos erwarten ließen, eine schmale Gestalt. Feingliedrig. Ein angegrauter Lockenkopf mit dem strahlenden Charme eines Jungen und gebräuntem tiefgefurchten Antlitz. Im lässigen Gespräch mit zwei Unbekannten.

Mit zwei Büchern in der Tasche, die nach Autographen verlangen erwäge ich die Kontaktierung der angehenden Duellanten inmitten der Vorbereitung auf selbiges Ereignis, bleibe aber vernünftig.

Das reichlich zur Hälfte gefüllte Auditorium ist wie erwartet geschätzte Fünfzig, eher Sechzig. Eine Ansammlung grauer Panther mit ein paar vereinzelten lesenden Enkeln als Beigabe. Meine Generation ist nicht wirklich vorhanden. Vollbeschäftigt bei der Arbeit. Ist es tatsächlich nur die Uhrzeit? Schaffend und nicht lebend. Oder lebend und nicht lesend? Sozusagen konnte ich mich heute glücklich freimachen. Lesend erlebend. Zuhörend. Wie viele Literaten und andere Geistesgrößen partizipieren wohl heute, ohne sie erkennen zu können?

Die Begrüßungsrede ist farblos und trotz der Kürze mit Versprechern durchsetzt. Eine unbeseelte Delegation aus dem Kulturdezernat und in der Wertschätzung von Literatur ergo wohl vollumfänglich dem Zeitgeist entsprechend. Oder hat es damit zu tun, dass man hier den Beitrag des Ostens zur Vereinigung literarisch würdigt? Oder eben doch nicht?

Wer nun gedacht hatte, die Sache sei zumindest akustisch fest in sächsischer Hand – immerhin sind Tellkamp und Schulze Dresdner und nur Lange-Müller aus Berlin - sah sich getäuscht. Alle lasen und konnten feinstes Hochdeutsch. Das Gesamtkunstwerk war ein Triptychon: zu Beginn und am Ende Humor, in der Mitte das Pathos.

Es eröffnet Katja Lange-Müller. Es ist eine sehr autobiografisch geprägte Erzählung. Sie beginnt bei einem Wiedersehen zweier Ostdeutscher, nun ja, im Exil im westdeutschen Bochum. Er ist vor dem Mauerbau rüber, sie in den Achtzigern. Die Ankunft des Älteren im alten Ruhrgebiet als Außenseiter wird erinnert. Da das Treffen zufällig am Tag der Maueröffnung stattfindet, verfolgen sie diese reglos im Fernsehen, während sie nach durchzechter Nacht telefonieren, also durchaus distanziert. Die kurze Geschichte endet mit einer Rückblende in die Kindheit der Autorin, als ihre einst idealistischen Eltern im privilegierten Urlaub in Bulgarien den Mauerbau feierten. Mauerbau und Mauerfall in einer Kurzgeschichte überzeugend unter einem Dach – das ist hohe Kunst in einfacher und verständlicher Sprache. Dazu ein bodenständiger Humor, Sprachwitz mit Slang aus dem Ruhrpott, Berlin und Sachsen, sie hat die lautesten Lacher des Abends auf ihrer Seite. Ihre Lesung ist locker, ein paar kleine Versprecher. Sie kann sich die Gelassenheit leisten, hat sie doch Macht, Ruhm und Privilegien schon als Kind von innen gesehen, einen Wohlstand den die beiden Anderen sich erst erschreiben mussten.

Es folgt Tellkamp. Er bringt einen Auszug aus seinem geplanten neuen Roman mit dem Arbeitstitel „Lava“. Seine Sprache ist messerscharf und präzise, das Universum seiner Wörter gewaltig. Man ahnt: der ist von Haus aus Dichter und Poet, nicht Romancier. Es entsteht ein betörend dichtes Bild der Proteste und Aktionen im Dreieck Dresden-Leipzig-Berlin im Herbst 89. Ein Hochgesang auf Kirche und Pfarrer. Nicht unangenehmes Pathos dringt durch. Viel Hoffnung aus Dresden gegenüber dem Westen, Illusionen aus dem Tal der Ahnungslosen. Viel Verachtung und Hohn für die Vertreter des autoritären bürokratischen Systems. Das kennt man aus dem „Turm“. Dann aber abweichende Töne: er stellt sich vor, wie sich der Blick aus dem Haus mit der runden Ecke auf das Heer der Demonstranten so anfühlt, gesteht den Gegenspielern eine ebenbürtige Motivation, eigene Ideale oder Ängste zu, sie sind nicht mehr das personifizierte Böse und Tumbe. Indes nur um diese Chance für den dramaturgischen Fortgang der Handlung mit einem solitären Peitschenhieb zu zerschlagen. Indem er einen süffisanten Satz hinzufügt, dass man dasselbe, also das Vorhandensein eigener Motive, Ängste und Ideale, auch über die SS hätte sagen können. Das darf man sagen, aber die Stimmigkeit in einem Roman ist ein eigen Ding. Und wie soll die Handlung nun weitergehen, wenn die dramatischen Gegenspieler en passant mit einem Satz totgemacht worden sind? Wird es gar ein Thesenroman? Wie zu erwarten ist der Beifall der zögerlichste. Das vermutlich überwiegend alt-linke treu in der Sache ergraute Publikum kann damit natürlich schon gar nichts anfangen.

Schließlich kommt Schulze. Er liest aus „Neue Leben“, dem Briefroman, der seinerzeit genau wegen der Wahl dieser „altmodischen“ Form kritisiert wurde. Und wie er liest. Seine Sprache ist voller Humor. Kein Satz in dem nicht ein feiner hintersinniger Umweg genommen wird. Kein Abschnitt, wo nicht noch Raum genug ist für eine lakonische oder spöttische Anspielung. Das ist sächsischer Humor vom Feinsten. Seine Wortwahl ist auf sanfte Art erhellend. Seine Aussage immer diskret und offen, stets fragend und zweifelnd, nie abschließend. Vielleicht schwebend. Angereichert mit viel ostdeutschem Alltag, nicht einmal Willi Schwabes Rumpelkammer und die begleitende Tschaikowski-Erkennungsmusik wurde ausgelassen. Überhaupt ließen die Reaktionen der Zuhörer überproportional ostdeutsche Wurzeln annehmen. Viel herzlicher Beifall.

Beim Signieren frage ich Tellkamp, ob es aus „Lava“ schon vorab gedruckte Auszüge gibt, was er verneint. Und ja, ich bitte ihn – den uneingestandenen Nationalkonservativen, der im „Eisvogel“ schon mal distanzlos schwadroniert hat, die „Dämonen sind wieder erwacht“, ja welche denn, sehen wir die gerade in Dresden und Umgebung - weiterzuschreiben, weil ich das lesen wolle, was ja auch stimmt. Natürlich fühlt sich da jeder Autor geehrt, aber der dankbarste Blick kommt von seiner Begleitung, Frau, Partnerin, Lektorin, wer auch immer. Klar kann ich ihm nicht sagen, wo ich ihn aktuell vermute, etwa da, wo Thomas Mann in seinen „Betrachtungen eines Unpolitischen“ war. Wie lange ist „Lava“ eigentlich im Entstehen? Nun ja, der Nichtkreative hat leicht fragen. Gern hätte ich mit ihm über die Wende diskutiert und seine späte Verherrlichung der konservativen Opposition und Geringschätzung der jeweils linken Gegenspieler inklusive dem verbalen SS-Vergleich, was den Fortgang der Handlung eigentlich erübrigt und ein reales dramaturgisches Problem sein dürfte. Das Alles ist nichts als meine originäre Anmaßung. So ist es.

Schulze gegenüber erwähne ich, dass ich „Unsere schönen neuen Kleider“ als eines der mir wichtigsten Büchlein wertschätze und ja, dass sein Fabrizio del Dongo-Vergleich, der aus Stendhals „Karthause von Parma“, in jenem aus vergleichbarem Anlass wie die jetzige Lesung in einem anderen Blatt erschienen Beitrag von ihm …“Sie erinnern sich vielleicht, Ihre Analogie mit dem Blick del Dongos auf das Schlachtfeld von Waterloo und seine Frage, ob das denn nun eine richtige Schlacht gewesen sei“, er also die Frage nach der Tatsächlichkeit der Wende als Revolution stellt und einen Blick nicht nur auf blühende Landschaften sondern auch devastierte Regionen, gleich welcher Art, assoziiert…dass ich das großartig fände und es sogleich an meine Freunde weitergeleitet hätte, worauf ich ganz viel Zustimmung erhielt…worauf Schulze nur so strahlt und grinst.

Als ich dann noch erwähne, dass ich seit zwei Jahren nach diesem „Neue Leben“ in Frankfurter Buchläden zwischen Stadtzentrum und Bahnhofsbuchhandlung vergeblich Ausschau halte, und nein, ich wolle nicht bei Amazon bestellen, sondern beim Buchhändler kaufen, dann, ja dann wird es doch noch ganz sächsisch als Schulze mir erklärt: „nu glahr, das gibbts noch, direkt beim Buuchhändlr bestelln….“. Was ich denn auch so machen werde.

Und was bleibt nun von all dem Gehörten?

Eine Reliquie…

Bitte was ?

Aber ja doch…und das geht so:

Ich, gehetztes Bürotier, später als geplant den digitalen Schreibtisch hinter sich lassend und in grundloser Panik den Beginn in der Paulskirche zu verpassen, stellte unterwegs fest, dass ich kein Schreibgerät mit mir führte. Oh weh, keine Autogramme also. Trotzdem ich mir einredete, dass moderne Schriftsteller doch so etwas bei sich hätten, rannte ich schweißtriefend ins nächste Kaufhaus um mich angemessen aufzurüsten.

Als ich dann als Zweiter vor dem sitzend in der ersten Reihe signierenden Tellkamp stand hatte der doch tatsächlich keinerlei Stift bei sich. Meine darauffolgende Hilfsleistung verdient gewiss das Prädikat diensteifrig und beflissen. Schulze indes war besser gerüstet und im Besitz eines schwarzen fetten Faserschreibers, weshalb ich ihm mein Angebot schlecht aufdrängen konnte.

Na gut – eine Fünfzig Prozent Reliquie.

Oder dreiunddreißig Prozent, denn natürlich bin ich gegenüber einem Drittel des lesenden Schreiber-Triumvirats wahnsinnig ungerecht. Böse Zungen würden sagen frauenfeindlich, weil ich Katja Lange-Müller nicht zu Wort kommen lasse, was sie mitnichten verdient, aber meiner Lektüre- und Interessenlage geschuldet ist.

18:10 03.10.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Gerixxx

unterwegs in F u. L, Fan von Flaubert Bolano Williams &Co., nachhaltig-ganzheitlicher sozial-ökologischer Kreislaufwirtschaft, Geschichte, bookish :)
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