Fisch dirigiert Wagner

Konzertkritik Per Zufall hören wir, wie das Radio Sinfonieorchester Stuttgart am 25.04.2013 Früh- und Spätwerke von Richard Wagner spielt.
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…in der Stuttgarter Liederhalle…

Wir sind ganz zufällig hier, haben die Abokarten der Eltern in der Hand. Das Radio Sinfonieorchester Stuttgart soll spielen. Bis kurz vor acht wissen wir nicht genau was. Das Programmheft gibt’s für zwei Euro, da steht’s drin: Wagner. Was sonst in 2013, seinem 200. Geburtsjahr.

Wir lesen das Programmheft hoch und runter, finden sympathisch, dass er keinen Schulabschluss hatte, der Richard, er soll Kontakt zu Leuten gehabt haben, die sich für Demokratie und Emanzipation eingesetzt haben, er wurde steckbrieflich gesucht, weil er 1849 am Dresdner Aufstand teilgenommen hat, um den König Friedrich August II von Sachsen zu stürzen. Er hat in Wien teuer gewohnt und sich verzockt, den Kapitalismus kritisiert und 1950 ganz feige seine antisemitische Hetzschrift Das Judentum in der Musik unter dem Pseudonym K. Freigedank veröffentlicht. In der schreibt er, ein Mensch jüdischen Glaubens sei unfähig „sich uns künstlerisch kundzugeben“, er könne „nur nachsprechen“ oder „nachkünsteln“. Will man von einem, der so was schreibt, etwas hören? Nein.

Aber der Dirigent heißt heute Abend Asher Fisch, kommt aus Israel, und erzählte dem Focus mal: „Wagner ist einer der wichtigsten Komponisten der Geschichte – ob es einem gefällt oder nicht.“ (www.focus.de, 07.06.2012) und: „Wagner hat die klassische Musik mehr als jeder andere Komponist beeinflusst – er war ein Revolutionär.“ Also bleiben wir. Zum sinfonischen Wagnerabend mit unbekannten Frühwerken vor der Pause und den Gassenhauern nach der Pause.

Was wir vor der Pause hören unterhält und gefällt ein bisschen, denn da strampelt er noch, ist einer von uns, kein Held. Es gibt die Ouvertüre aus der großen komischen Oper Das Liebesverbot und Auszüge aus der Sinfonie C-Dur.

Die Ouvertüre ist nicht mehr als ein gepimpter Rossini, versucht italienisch volkstümlich, mit viel zu massiver Besetzung. Es ist ihm noch nicht viel eingefallen, dem Richard, mehr noch: Was er macht, ist nur schlechte Kopie. In seiner ersten und einzigen Sinfonie plätschert er wie ein heroisch glattgebügelter Beethoven vor sich hin. Zugegeben, im zweiten Satz schafft er ein schönes, lyrisches Cellothema; überlädt dann aber den Höhepunkt des Satzes: Ist es ein Ramschladen? Sind es zu viele Girlanden, Luftballons und Konfetti? Im Scherzo flaut die Energie ab. Es liegt an den Musikern, vielleicht auch am Dirigenten, auf alle Fälle ist das, was Wagner hier komponiert hat, mangelhaft. Im letzten Satz ein paar schöne Holzbläsersätze, das war’s. Nichts zu Ende gedacht.

Nach der Pause dann das, was man von ihm kennt. Und das, was das Orchester kann und kennt. Ein präziser Einzug der Götter nach Walhall. Übermächtig, natürlich auch kitschig. Wie sonst? Das Waldweben aus Siegfried eindrucksvoll romantisch – fast ohne Pathos, weil die Klarinette so gut war, es so spielte, wie sie es spielte, bis Siegfried über den Rhein rockte, in den von einem Trauermarsch begleiteten Tod, Terence Hill, irgendeiner ritt da über die Leinwand. Toll gewesen an dieser Stelle wäre: alles tot, Konzert aus.

Aber so ein Ende traut einem ja keiner zu. Lieber noch den Hit nachlegen, die Sache mit der Walküre sicher abrunden. Und was soll man sagen? So schön war sie sicher selten. Ist sie Ohrwurm oder doch Ungeheuer?

Nachzuhören am Montag 29.04.2013 20:03 Uhr, in SWR2 Kultur

10:39 27.04.2013
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