We tune because we care

Konzertkritik Monkey Cup Dress im Café Galao in Stuttgart.
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Es ist schon sechs, sieben Jahre her, da waren wir in Schleswig und haben uns zwei Männer aus Kiel angehört, der eine an der Gitarre, der andere auch. Zu ihren Gitarren haben die Männer gesungen: das Beste der 70iger, 80iger und 90iger. Wie im Radio. Nur ungestimmt. Kann ja mal passieren. Die Räume, in denen man in Schleswig spielt sind zugig, manche feucht, so nah am Wasser, da verstimmt so’ne Gitarre schon mal. Denkt man. Bis der eine anfängt an den Wirbeln seiner Gitarre rumzumachen, und der andere halb in das Ohr seines Kollegen, halb ins Publikum raunt: „Das merkt doch hier eh keiner.“

Monkey Cup Dress kommen aus Kopenhagen und sind an Schleswig vorbei bis in den Stuttgarter Süden gefahren, um im Galao zu spielen: zwei Frauen - typisch dänisch stand in der Programmankündigung -, eine Ukulele, ein Cello, eine Akustikgitarre, eine E-Gitarre und eine Mischung aus Effektgerät, Synthesizer und Sampler. „We call it ham“, sagen sie, und es sieht tatsächlich aus wie ein Schinken, der ihre Stimmen da auf Knopfdruck mit Beats und Harmonien begleitet.

In Alt und Sopran vertonen sie Robert Walser und Augen, die glänzen wie karamellisierter Zucker. Portishead fällt einem ein. Portishead akustisch, nicht ganz so depressiv: der dunkle Klang des Cellos, der den Raum ergreift, aber niemals in die Tiefe stürzt, immer wieder aufgefangen wird, von ihren klaren, hellen Stimmen. Sidse Holte und Line Felding nennen es indie cabaret chamber pop, was sie da machen und erinnern mit zwei Akkorden in Vierteln an Guns of Brixton., nur auf Schlag. Und rau sind sie nicht. Ihre Stimmen sind sanft, nicht kontrapunktisch, aber eigenständig, in großem Abstand zueinander - weit entfernt von den mit ihren Wandergitarren in Terzen parallel singenden Männern aus Kiel.

Die Stimmen perfekt intoniert, crescendi und decrescendi, auf den Höhepunkt zuspielend, Textmetaphern von Cello, Gitarre und Ukulele koloriert und pointiert: Die Ukulele macht die Flocken in der Vertonung von Robert Walsers Schnee mit Akkordbrechungen greifbar, die E-Gitarre und das Cello tragen die Melancholie in den Raum. Der Refrain endet klassisch auf der Dominante, wird aber nicht aufgelöst und erzeugt eine unerwartete Spannung.

Zwischen den Stücken plaudern sie, erzählen dem Publikum, wie sie mit dreißig Kopenhagener Kollegen in Roskilde aufgetreten sind, wie ein Filmemacher im Netz nach typisch dänischer Musik gesucht hat, und sie der erste Treffer waren. Jetzt kommt er raus, sein Film mit ihrer Musik. Sie erzählen von Barack Obamas Wahlkampf und der verklärten Sehnsucht nach einem Messias, eine Sehnsucht, die sie zu einem Lied über Politik und Liebe inspiriert hat. Dabei gewinnen sie Zeit: Zeit zum Stimmen ihrer Gitarren. „We tune because we care“, erklären sie.

An diesem Samstagabend ist es in Stuttgart ziemlich zugig. Doch anders als in Schleswig stimmt die Musik: Sie ist nicht gefällig, es ist keine Nebenbeimusik, mehr vertonte Literatur. Indie cabaret chamber pop eben: Die zwei Männer aus Kiel könnten sich am 01. Juni im Prinz Willy einiges von Monkey Cup Dress abgucken; davor spielen Sidse Holte und Line Felding noch im Badehaus in Berlin (29.05.), im Volksbad Buckau in Magdeburg (30.05.) und im Schnürschuh Theater in Bremen (31.05.).

13:43 27.05.2013
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