ggs1964

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RE: Ein Idol, ganz in Weiß | 20.08.2012 | 22:45

Für Europäer und Deutsche ist das Phänomen Tea Party schwer nachzuvollziehen. Die Forderungen der Tea- Party-Anhänger ("No Big Government" - d. h. Privatisierung von Sozial- und Krankenversicherungssystemen, Abschaffung/Dramatische Kürzung von Sozialhilfe etc.) erscheinen auf den ersten Blick schlichtweg absurd. Sie sind es auch - um aber zu verstehen, warum so viele hier das Heil in Paul Ryan und der Tea Party suchen, empfiehlt es sich, die amerikanische Seele und die hiesigen Lebenswelten etwas genauer zu betrachten.

NO BIG GOVERNMENT. Das bei vielen (nicht nur bei Republikanern) tief verwurzelte Misstrauen gegenüber einem überbordenden Staat ist unter anderem darin begründet, dass Staatsdiener (ob auf Bundes-, Landes- oder Kommunalebene) in den USA äußerst privilegiert sind (z. B. Krankenversicherung, bezahlter Urlaub, Krankentage), aber nur wenig Dienstleistungsmentalität an den Tag legen. Ein Behördenbesuch in den USA erinnert eher an die Bundesrepublik der 70er als an eine moderne Gesellschaft. Endloses Warten, unfreundliche Behandlung, Schnoddrigkeit, Dienst nach Vorschrift und Unflexibilität sind an der Tagesorderung - kein Vergleich zu Bürgerbüros in Deutschland, wo sich fast alles mit einem Mitarbeiter regeln lässt und eine Terminvereinbarung möglich ist.

Was hat das alles mit der Tea Party zu tun? Die Mehrheit der "Unterschicht" verfügt nicht über die oben genannten "Privilegien" der Mitarbeiter im Öffentlichen Dienst und fühlt sich von ebendiesen Leuten, die sie mit ihren Steuern direkt bezahlen, schlecht behandelt. Verschwenung, Doppel- und Dreifacharbeit sind an der Tagesordnung - von der omnipräsenten Kungelei und Gschaftelhuberei ("Pay to Play") ganz zu schweigen. Diese schlechten Erfahrungen sind ein nicht unwichtiger Teil des Humus, auf dem Staatsfeindlichkeit gedeiht.

Die Republikaner nutzen diese Unzufriedenheit und Aggression, indem sie die (oft berechtigte) Kritik am der ineffizienten und bürgerfernen öffentlichen Verwaltung als Vehikel nutzen, die verbliebenen Reste des US-amerikanischen Sozialsystems mit abzuschaffen. Das Rezept ist erprobt, klassisch und wirkungsvoll (vor allem bei bildungsfernen Schichten): Man werfe alle Bereiche öffentlicher Aktivitäten in einen Topf und mische dieses Gemisch mit einer großen Überdosis Nationalstolz, Hurra-Patriotismus, Neid, "Früher war alles besser", christlich-konservativen Werte, Desinformation und radikalen Tönen - und schon ist der Wahlkampf-Cocktail fertig. Einer der Haupt-Slogans der Republikaner im laufenden Wahlkampf sagt alles: "Restoring American Greatness."

UNWISSEN IST MACHT. In den eher liberalen Regionen der USA (der Nordosten, Chicago, San Francisco und Los Angeles) verfängt diese Strategie nicht so gut. Aber in den ländlichen Gebieten zwischen den Küsten (und das ist der größte Teil der USA), leben viele Menschen, die sich komplett abgehängt fühlen und Ihre Bedenken von Washington nicht ernst genommen sehen. Sie hängen der amerikanischen Idee von Freiheit an (man mag sie mögen oder nicht), in der Freiheit auch die Freiheit zu scheitern (vulgo: zu verrecken) beinhaltet. Jeder für sich und Gott für uns alle. Die Idee des Gemeinwesens und der nachbarschaftlichen Hilfe existiert hierbei durchaus - aber nur auf lokaler Ebene: Die meisten Amerikanier spenden viel und helfen viel (deutlich mehr als die Deutschen) - wollen aber selber entscheiden, wem sie helfen. Dem Staat als ausgleichendem und verteilendem Überbau misstrauen sie - aufgrund der vielen negativen Erfahrungen - und Propaganda in Film, Funk und vor allem Fernsehen.

Die US-Gesellschaft ist tief gespalten. Auf der einen Seite die Eliten, die auf unbezahlbare Privatschulen und Universitäten gehen und als Unternehmer oder Manager reich und/oder erfolgreich sind. Sie verkörpern und verkaufen den Amerikanischen Traum, dass jeder es schaffen kann, wenn er sich nur genug anstrengt.

Auf der anderen Seite das gigantische Heer von wenig gebildeten Amerikanern, von denen viele in der (irrigen?) Annahme leben, dass auch sie es noch schaffen können, Millionär oder Milliardär zu werden. Ruhm und Reichtum sind das Wichtigste in der amerikanischen Gesellschaft, weil sie ein Zeichen von Gottgefälligkeit sind (der endlos lange Schatten des Protestantismus). Dieser quasi religiöse Glaube an die Macht des Willens wird durch den "Amercian Exceptionalism" ergänzt, was soviel bedeutet, dass das, was im Rest der Welt gilt, hier nicht gelten muss, weil Amerika "God's Own Country" ist - das auserwählte Land.

Wie Zuckerguss verkleistert dieses selbstreferentielle Sytem (Jeder kann es schaffen, wenn er nur will, weil wir in Gottes Land leben) die immer größer werdenden Unterschiede zwischen Oben und Unten in den USA. Diese Botschaft wird nicht nur in FOX (Rupert Murdoch's Meinungsmaschine Nummer 1 in den USA) sondern vor allem in fast allen Hollywood Block Bustern transportiert. Die Helden, die die non stop die Welt retten, haben meistens keinen Harvard-Abschluss, sondern eher ein Bodybuilding-Diplom. Jeder kann es schaffen - und dafür braucht man keine Bildung: Nur Kraft und Willen (siehe Donald Trump). Unwissen ist macht.

DER MARKT KANN ALLES BESSER. Die noch nie verfizierten Thesen von der "Invisible Hand" des Marktes oder des "Trickle Down" (Reaganomics) wird gebetsmühlenartig von den Hauptprofiteuren einer Privatisierung vieler öffentlicher Bereiche auf allen Kommunikationskanälen und durch die Reden der republikanischen Abgeordneten und Senatoren wiederholt: z. B. Versicherungen, Banken, private Bildungsträger etc. Der Tenor ist immer derselbe: Du weißt doch selber am besten, was Du brauchst. Nicht die da in Washington (oder in der Landeshauptstadt). Nimm Dein Schicksal selber in die Hand. Kauf Dir Deine Krankenversicherung - und wenn Du keine willst, ist das Deine Entscheidung. Der zweite Teil wird dabei weggelassen: Und wenn Du an Krebs erkrankst, musst Du halt Dein Haus verkaufen - und wenn Du keines hast, musst Du halt ins Gras beißen. Gott wird's schon richten.

Die gigantischen Industriekonglomerate (wie z. B. das der Koch Brothers oder Sheldon Adelson), die hinter der republikanischen Wahlkampfmaschinerie stehen, werde in den konservativen Medien nicht erwähnt. Vielmehr wird der Eindruck erweckt, es handele sich bei der Tea Party um eine Bürgerbewegung gegen die da oben. Dass es ich letztlich um den Austausch von Big Government durch Big Business handelt, steht nicht zur Diskussion. Und selbst wenn dieses Thema aufs Parkett kommt, ist das Mantra, dass diese großen Unternehmen ja nur dadurch groß geworden sind, weil sie erfolgreich sind mit dem, was sie tun. Die simple Logik heißt: der CEO einer Krankenversicherung weiß besser, wie man Gesundheitspolitik organisiert als ein Politiker. Und das punktet bei der republikanischen Basis. Der Markt ist effizienter als die öffentliche Verwaltung. Dass eine profitable Krankenversicherung etwas anderes ist als eine gerechte oder günstige, steht nicht auf der Agenda.

STOLZ VOR DIE WAND. Die meisten Anhänger der Tea Party sind keine schlechten Menschen. Sie träumen von Freiheit, Stolz und Würde (und manchmal auch von Reichtum) und verweigern sich der Wirklichkeit des globalisierten digitalen Kapitalismus des 21. Jahrhunderts. Sie wollen keine komplizierten Antworten (was eherliche Antworten wären), sondern Antworten die sie gerne hören. Die Anfänge der Tea Party waren (wenn man der kolportierten Geschichte glaubt) tatsächlich revolutionär und anti-establishment. Getragen von Konservatisums, Patriotismus und Glauben (und untermauert durch handfestes Unbildung) hat sich diese Bewegung vor den Karren von Big Business spannen lassen und glaubt (bzw. hat sich entschlossen zu glauben), dass sie mit Romney und Ryan die Vereinigten Staaten von Amerika im Zustand der Unschuld auf den Prinzipien der Gründerväter zurückbekommen. Ein tragischer Irrtum, denn diesen Zustand hat es nie gegeben. So geht es stolz mit geschwellter Brust und wehenden Fahnen in die letzte Schlacht gegen Obama, den kommunistischen, muslimischen Nazi mit gefälschter Geburtsurkunden, der Amerika die Würde genommen hat. Sollten Romney und Ryan tatsächlich im November die Wahl gewinnen, wird es ein böses Erwachen geben - vor allem von den Anhängern der Tea Party. Be careful what you wish for.