Schweinehälften, Pakete und Grenzen aus Glas

Arbeit Der Sozialwissenschaftler Peter Birke hat ein Standardwerk zur Erforschung der neuen prekären Arbeitswelt vorgelegt. Es nimmt Fleischindustrie und Versandhandel in den Blick
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Während der Corona-Pandemie boomte der Versandhandel
Während der Corona-Pandemie boomte der Versandhandel

Foto: Justin Sullivan/Getty Images

Wenn die COVID-19-Pandemie etwas Aufklärerisches geleistet hat, dann Folgendes: Sie hat wie ein Brennglas gewirkt, um die verborgenen Stätten der Produktion, wie Marx mal formulierte, sichtbar zu machen. Wohnheime von Fleischarbeitern waren Orte der großen Ansteckung, in Berlin schien im Lockdown jede/r dritte Radfahrer*in ein Essenskurier zu sein, der Onlineversandhandel von Amazon verbuchte Milliardenhöhe als Netto-Gewinn. Und auch der schreckliche Krieg Russlands gegen die Ukraine macht den Zusammenhang von Flucht, Rechtlosigkeit und Arbeitsausbeutung deutlich, wenn im polnischen Grenzort Przemyśl Deutschlands größter Schlachtbetrieb Tönnies Handzettel verteilen lässt, mit denen Ukrainer*innen, die vor dem Krieg geflüchtet sind, als Produktionshelfer*innen angeworben werden sollen.

Peter Birke vom Institut für Soziologie der Universität Göttingen hat sich in einer Monographie, die wissenschaftlich Standards setzt, mit zwei besonders wichtigen Branchen auseinandergesetzt - mit dem Online-Versandhandel und der Fleischindustrie. Dabei beschreibt er in diesem hauptsächlich an ein akademisches Publikum gerichtetes Buch die Überlappung von Ausbeutungsstrukturen und der Zusammensetzung der Arbeitskraft über rassistische Staffelung. Diesen Prozess nennt der Autor mit David Roediger „Rassifizierung“, die im Betrieb anzutreffen ist – in Form betrieblicher Hierarchien, aber auch als Produkt von Kämpfen und Verhaltensweisen von Arbeitenden im Arbeitsalltag. Der Titel des Buches („Grenzen aus Glas“) macht deutlich, dass Rassismen wie Sexismen keinesfalls immer die harte und offene Form annehmen, die aus der Geschichte bekannt sind. Sondern sie finden sich auch in vordergründig „antirassistisch“ und „multikulturalistisch“ eingestellten Firmen mit entsprechenden Betriebskulturen. Diese Hierarchisierungen stellen sich hinter dem Rücken und den Verlautbarungen der Beteiligten her. Birke ist sich der Schwierigkeit des Vergleichs der beiden Branchen sehr bewusst. Lassen Sie sich überhaupt vergleichen? Sicherlich, beide Branchen wachsen seit längerem rasant. Nicht erst mit der Pandemie. Für beide Branchen gab es hochtrabende Taylorismus-Phantasien, wonach man die dort ausgeführten Arbeitsvorgänge weitgehend mechanisieren könne, was nach Birke nichts als Utopie geblieben ist. Lebendige Arbeit wird dort mehr denn je vernutzt. Tatsächlich sind beide Branchen unterschiedliche Wirtschaftszweige mit je verschiedenen Arbeitsformen. Die Schlachtung und Zerlegung von Tieren ist industrielle Arbeit. Arbeit in Distributionszentren wie in jenen von Amazon gilt als Dienstleistungsarbeit. Der Online-Versandhandel ist ein „hybrider Ort“, so Birke, zwischen Handel und Logistikwirtschaft. Für einen Marxisten handelt es sich in beiden Fällen um „doppelt freie Arbeit“, Lohnarbeit. Dem geht Birke theoriegesättigt nach, überschreitet den Horizont eines trockenen Marxismus, um auf den Begriff der „Multiplen Prekarität“ zu kommen, weil die Arbeiter*innen nicht nur auf Arbeit, sondern auch in Hinblick auf Aufenthaltsstatus, Wohnsituation, Bildungshintergrund mehrfacher struktureller Unsicherheit ausgeliefert sind. Migration ist somit notwendig, um diese Prekarität aufrecht zu erhalten. Dabei sei die Diversifizierung von Migration im Online-Versandhandel bereits vollzogen, in der Fleischindustrie deute sie sich erst an. Besonderes Gewicht hat die „rassifizierte Arbeit“, also die Zuweisung von bestimmten Arbeiten an bestimmte Menschen, womit die Konstruktion von „Whiteness“ und jenem, was nicht dazugehört, einhergeht. In diesem Prozess wird unterschiedlichen Gruppen eine unterschiedliche Arbeitsfähigkeit und Wertigkeit zugesprochen. Birke, der auch als Redakteur für die Zeitschrift Sozial.Geschichte Online fungiert, beschreibt, wie in der Herstellung migrantischer Arbeit (und diese Herstellung ist in der Regel eine Abwertung) Erweiterungen von Herrschaft und Kontrolle eine Rolle spielen, wie zum Beispiel das Grenzregime und das Aufenthaltsrecht bis hin zur rassistischen Segmentierung des Wohnungsmarkts. So ist der Rassismus eingebettet in weitere Formen der Prekarität, auch außerhalb der Fabrik.

Der Vergleich erhellt auch die Unterschiede, so gibt es in der Fleischindustrie keine Einstellungsrituale, Psychomotivation, Feedback- und Meetingkultur sind abwesend. Die große Klammer ist jedoch, dass in diesen beiden sehr unterschiedlichen Branchen und Arbeitsbereichen Migration für den aktuellen kapitalistischen Arbeits- und Ausbeutungsprozess „systemrelevant“ ist. Der Autor macht in seinem Abschlussresümee keinen Hehl daraus, dass er diese Branchen, und insbesondere die Fleischindustrie, keineswegs für lebensnotwendig oder in ihrem gesellschaftlichen Gebrauchswert für relevant hält.

Der nur auf den ersten Blick langatmige empirische Teil der Arbeit besteht aus Interviews mit Arbeiter*innen aus diesen Bereichen, die über die Arbeitsbedingungen selbst, aber auch die Logik und Folgen der „Rassifizierung“ Auskunft geben. Eigensinn und Eigenlogik von Verweigerung, Ausweichen, ja manchem kleinen Mikrokampf wird ebenfalls Raum geschenkt. Hier wird deutlich, dass Birke und seine Göttinger Arbeitsgruppe durch die methodischen Prämissen und Debatten des italienischen Operaismus hindurchgegangen sind, einer aus Italien stammenden Form des Neomarxismus, der mittels der Befragung von Arbeiter*innen einen Blick von unten auf die Welt der Ausbeutung gewinnen wollte, und damit von der datenfixierten Industriesoziologie wie von einem an der Arbeiterwelt desinteressierten ideologischen Marxismus abgerückt ist. Gleichwohl muss konzediert werden, dass die Gesprächspartner über (links-)gewerkschaftliche Institutionen und eher linke Selbsthilfegruppen akquiriert werden konnten. In den Gesprächen werden die kleinen Gesten der Solidarität und der Auflehnung deutlich wie ein demonstrativ weggeschmissener Arbeitskittel, aber auch Versuche, mittels aufwertender Rassifizierung, sich eine bessere Position als eine andere rassifizierte Arbeitergruppe ergattern zu wollen. Kämpfen, Wehren, Sich Behaupten kann in „ver-rückten“ Formen passieren. Ein „enormes Bewusstsein“ (Karl Marx) kommt den hier präsentierten Proletariern nicht zu, aber sie liefern manch kluge Selbstreflexion. Wenn eine „Frau Schmidt“ über die Arbeitsvorgänge im Versandhandel erklärt, das sei „Arbeit für dumme Affen“, fühlt man sich an die Selbsterkenntnisse der fordistischen Massenarbeiter erinnert, die sich ebenfalls, wie der italienische Arbeiterautor Tommaso Di Ciaula, als „Fabrikaffen“ bezeichneten. Eine gute Botschaft enthält das Buch auf jeden Fall: Die Formen der „totalen Kontrolle“, die beispielsweise Amazon selbst zu perfekt-utopischen Kontrollabläufen erhebt und manch gewerkschaftlichem Aktivisten als dystopischer Totalitarismus erscheint, sind so total nicht, es finden sich immer wieder kleine Möglichkeiten der Subversion, des Abtauchens, ja in manchen Fällen gar der Organisierung von Streiks in einem absolut gewerkschaftsfeindlichen Umfeld.

Peter Birke
Grenzen aus Glas
Arbeit, Rassismus und Kämpfe der Migration in Deutschland, Mandelbaum Verlag Wien 2022
27.00 €
398 Seiten

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Gerhard Hanloser

Kritische Analysen, Miniaturen und Reflexionen über linke Bewegungen, Theorien und Praxis
Gerhard Hanloser

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