Der Tod der großen Ideen von 1917

Kronstadt 1921 Die Niederschlagung des Aufstands der Kronstädter Matrosen markiert den Thermidor der Russischen Revolution.
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„Düsterer 18. März!“, notierte der mit den Bolschewiki sympathisierende Anarchist Victor Serge (oder war er ein mit den Anarchisten sympathisierender Bolschewik?) in seinen „Erinnerungen eines Revolutionärs“. Er fuhr fort: „Die Morgenzeitungen waren mit flammenden Schlagzeilen erschienen, die den proletarischen Jahrestag der Pariser Kommune feierten. Und die Geschütze, die vor Kronstadt donnerten, ließen die Fenster dumpf erbeben.“

Am 18. März 1921 war der Aufstand der Kronstädter Matrosen von der Roten Armee und Freiwilligenverbänden blutig niedergeschlagen und besiegt worden. Ausgerechnet am fünfzigsten Jahrestag des Beginns der Pariser Kommune! Von dem Befehlshaber der Roten Armee, Leo Trotzki, ist der Spruch überliefert, man werde die Aufständischen wie Rebhühner abschießen. Lenin soll geäußert haben: „Das ist der Thermidor. Aber wir werden uns nicht guillotinieren lassen. Wir machen selbst Thermidor!“ Wie die französischen Jakobiner im Jahre 1794 sahen sich die Bolschewiki einer schweren politischen Krise ausgesetzt. Die französische Geschichte war immer diskursiver Bezugspunkt der Revolutionäre in Russland. Auch der erste Justizminister der Revolutionsphase, der linke Sozialrevolutionär Issak Steinberger, begründete seine Ablehnung des staatlichen und in Geheimzirkeln organisierten Terrors mit den Erfahrungen aus der Französischen Revolution. Die Drohung eines Thermidor, also der Möglichkeit, als Partei kollektiv den Weg Robespierres auf die Guillotine gehen zu müssen, war wohl in den Führungsetagen der Bolschewistischen Partei allgegenwärtig. Schließlich, so eine psychohistorische Vermutung, bohrte auch das schlechte Gewissen, denn die Bolschewiki regierten seit 1918 diktatorisch, waren gerade dabei die ehemaligen Verbündeten wie die Machno-Bewegung in der Ukraine zu verfolgen und zu zerschlagen. Die Bolschewiki hatten das Land mit Kriegslogik und Terror überzogen, vor allem um im ihnen aufgezwungenen Bürgerkrieg siegreich bestehen zu können und um die Ernährung der Städte und die Versorgung der Armee gewährleisten zu können.

Die Situation war also verzwickt genug.

Wer es allerdings wissen will, und nicht den Mythos der glorreichen Oktoberrevolution gegen den Gegen-Mythos des Kronstädter Aufstandes verteidigen muss, kann wissen, was die Niederschlagung des Aufbegehrens in der Festung auf der Ostseeinsel Kotlin vor Sankt Petersburg bedeutet. Die Niederschlagung bedeutete das Ende der Idee der Rätemacht, das Ausbleiben einer bolschewistischen Kehre in der Bauernfrage, deren Beantwortung sich lediglich von brutaler Requirierungspolitik und Kriegskommunimus auf die markttolerante NÖP verlagerte. Kronstadt 1921 als Geschichtszeichen und Realität hieß Verfolgung und zuweilen Liquidierung aller nicht-bolschewistischen sozialistischen Strömungen und Parteien, es hieß Fraktionszwang bei den Bolschewiki und endgültiges Sterben der Pressefreiheit, die allerdings bereits ab 1918 nicht herrschte, wie ein Blick auf den Umgang mit der anarchistischen Presse verrät. Der trotz allem und gegen jedes bessere Wissen mit den Bolschewiki verbundene libertäre Sozialist Victor Serge spricht im Kontext von 1921 davon, dass die „großen Ideen von 1917“ tot seien und ein „Totalitarismus“ entstanden sei. Die bolschewistische Partei überlebte die Krise – allerdings, da hatte Lenin recht, als universeller Thermidorianer, als totalitär herrschender, könnte mit Serge ergänzt werden. Damit war der Aktion der Bolschewiki auch die Konterrevolution eingeschrieben. Und so wie die Thermidorianer sich über ihre Gegnerschaft gegen die links von ihnen positionierten Jakobiner und die rechts von ihnen stehenden Royalisten positionierten, nahm Lenin und die bolschewistische Partei in Bezug auf die Kronstädter eine rechte Position ein. Lenin gab es zu, schließlich bekundete er, dass die Kronstädter vielleicht sogar ein wenig linker positioniert seien als die Bolschewistische Partei.

Trotzki selbst, der Architekt des Kriegskommunismus und der Niederschlagung der Kommune von Kronstadt, wollte den „Sowjetthermidor“ erst im Jahre 1936 ausgemacht wissen, als er längst schon nichts mehr in der Sowjetunion zu sagen hatte. Er definierte die Verfolgung der alten Bolschewiki um Bucharin und Sinowjew als „Sieg der Bürokratie über die Massen.“ Daran war freilich nichts richtig. Denn Bucharin und Sinowjew waren bei weitem nicht mehr Statthalter „der Massen“. Die Schauprozesse Mitte der 30er Jahre waren der Sieg einer Fraktion der Parteibürokratie über eine andere. Kronstadt stellte vielmehr den thermidorianischen Sieg der zur Diktatur sich transformierenden Partei dar über eine sehr lebendige Haltung unter Arbeiterinnen, Matrosen und Bauern-Soldatinnen, die der alten revolutionären Idee der „Macht der Massen“ durch Räte und Sowjets noch die Treue hielten. Dies zeigt sich auch darin, dass sie jeglicher Bestrafungslogik entsagten und von Sippenhaft Abstand nahmen: die Anhänger und Vertreterinnen des bolschewistischen Kommunismus mit ihren Familien wurden nicht angetastet, schließlich hatten viele von ihnen auch die Seite zu den Aufständischen gewechselt. Als geschichtsbewusste Aktivistinnen und Aktivisten weigerten sich die Aufständischen von Kronstadt, wie wildgewordene Robespierrianer zu agieren.

Im März 1921 zeigte sich, dass Lenin weit mehr als Thermidorianer war, er war als Liquidator der Kommune von Kronstadt vielmehr der russische Adolphe Thiers.

09:47 12.03.2021
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Geschrieben von

Gerhard Hanloser

Kritische Analysen, Miniaturen und Reflexionen über linke Bewegungen, Theorien und Praxis
Gerhard Hanloser

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