Heinrich Mann - einer der fehlt

Geburtstag Der 150. des großen Literaten provoziert die Frage, wie weit unsere Gesellschaft sich von seiner Humanitas entfernt hat
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Was ist an Heinrich Manns 150. Geburtstag zu sagen? Dass er fehlt? Sicherlich. Mit einem Blick von heute auf den militanten Pazifisten und menschenfreundlichen Sozialisten wird nicht nur ein anderes Zeitalter besichtigt, es tritt ein vollständig anderer, historisch in der Versenkung verschwundener Menschenschlag vor das geistige Auge.

Wo heutzutage militante Diskurskämpfer*innen als Gender-, Rasse- oder Klassenkämpfer*innen um Beachtung, Versorgung und Karrieremöglichkeiten rangeln und für sich selbst eine Diskriminierung, Unterprivilegierung und anderes ausweisen, um endlich zum Zuge kommen zu können; wo ihnen nicht minder aggressive Wahrheitsverkünder im Ton der ewigen Torwächter antworten, dass sie gerade nicht zum Zuge kämen, finden wir bei Heinrich Mann vor allem eines: Großzügigkeit. Im aktuellen Zeitalter der verallgemeinerten Kleinbürgerlichkeit, wo jeder distanzlos - und deshalb identitär und mit sich scheinbar identisch - „Ich“ ruft, um einen Anspruch auf Teilhabe zu markieren, nicht ohne dem anderen irgendetwas zu neiden, lehren die Texte von Heinrich Mann: freundliche Distanz zu sich und anderen, Ironie und Humanismus. Zurücktreten. Natürlich ist es das Privileg des Großbürgers, generös die anderen machen zu lassen und einen Pathos der Distanz zu pflegen. Doch diese scheinheilige Generosität, der alles egal ist, solange die eigene Rendite stimmt, war Heinrich Manns Sache nie. Er verabscheute nicht nur den Militarismus des Kaiserreichs, sondern dekonstruierte alle denkbaren bürgerlichen Konventionen, den Zwang der Karriere, die Mechanismen des Erfolgs, den Stumpfsinn der Ehegepflogenheiten. Wer wirklich etwas über die abscheulichen Mechanismen des „Klassismus“ erfahren will, wird in der Lektüre von Heinrich Mann fündig: Die Abwertung und Ablehnung von nicht als standesgemäß Erachteten. Mann war mit den großen Theorien seiner Zeit zumindest vertraut: Ohne Marxist zu sein, konnte er die Gesellschaft als Klassengesellschaft begreifen. Ohne Freudianer zu sein, wusste er, dass das „Ich“ nicht Herr im eigenen Haus ist. Aus diesen Erkenntnissen erwuchs nicht nur eine genaue Beobachtungsgabe, sondern eine sensible Schreibhaltung, die von Zynismus ebenso befreit ist wie von moralisierender Überheblichkeit. Nicht umsonst wurde er von den Nazis ausgebürgert, seine Bücher verbrannt, in der DDR, die immer „sittlicher Staat“ sein wollte, wählt man ihn in dem Aufbruchsjahr 1949 zum Präsidenten der Deutschen Akademie der Künste in Ost-Berlin. Heinrich Mann starb allerdings in den USA.

Eine schöne Erzählung:

"Das verlorene Buch

Kinder haben alles neu zu erlernen, besonders die Gefühle ihres Herzens. Die ersten Leiden kommen über sie wie aus anderen Welten, die erste Sehnsucht ist ein unfaßliches Märchen. Als Kind besaß ich einmal, vielleicht acht Tage lang, ein Buch mit Liedern, Bildern und Geschichten. Ich hatte es von meiner Großmutter bekommen, wollte es bei ihr auch lesen, sooft ich hinkäme, und ließ es daher in ihrem Hause, das weitläufig war. Dort konnte schon etwas verlorengehen. Überdies hielt meine Großmutter eine Sonntagsschule. Viele Kinder verkehrten in den Gartenzimmern ihres Erdgeschosses, sangen mit ihr und hörten sie die Bibel erklären. Es waren arme Kinder, wenigstens Bücher bekamen sie kaum geschenkt, außer von meiner Großmutter. Die meisten lieh sie ihnen aus einer eigens angelegten Bibliothek. Mein Buch kann hineingeraten sein. Dann schien es den jungen Entleihern gewiß noch reizvoller als "Rosa von Tannenberg" oder die Zeitschrift "Quellwasser". Genug, ich sah es nicht wieder. Ich hatte es ungewöhnlich geliebt, ja hatte es im Hause meiner Großmutter vielleicht aus Liebe zurückgelassen, damit ich es jedesmal wieder vorfände, wie neu geschenkt. Nachdem ich mein Buch verloren hatte, träumte ich von ihm, bereute furchtbar, es verschenkt zu haben, und weinte um seine Schönheit sogar im Schlaf. Nie aber sprach ich den Wunsch aus, es nochmals zu bekommen. Ich nannte es so wenig, als wäre es nie wirklich dagewesen. Im Lauf der Jahre erbat und bekam ich viele andere Bücher, nicht dieses - vergaß es dabei nie, dachte nie ohne Herzklopfen an seinen Zauber, diesen, als es verlorenging, noch nicht erschöpften Zauber, der mit der Zeit geheimnisvoll ward. Viel später, als ich meine Tochter mit Büchern zu versorgen hatte, erinnerte ich mich sofort des einen, das mir verlorengegangen war. Aus unbekannten Gelinden habe ich ihr grade dieses nie gekauft. Jetzt ist auch sie schon aus den Jahren in denen man es liest."

aus: Heinrich Mann, Novellen, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbeck bei Hamburg 1970

09:31 27.03.2021
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Geschrieben von

Gerhard Hanloser

Kritische Analysen, Miniaturen und Reflexionen über linke Bewegungen, Theorien und Praxis
Gerhard Hanloser

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