Kontradirektionale Erinnerung?

Geschichte Dan Diners neueste Veröffentlichung "Ein anderer Krieg" ist ein erstaunlicher Beitrag zu Geschichtsphilosophie, Erinnerungspolitik und Militärgeschichte gleichermaßen
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Dan Diners Bücher sind meistens kleine politische Sprengsätze, auch wenn sie Monumentalwerke sind. Der Autor dieser Zeilen gesteht, dass er kaum in der Lage ist, die Schriften des Historikers und ehemaligen Professors an der Hebrew University in Jerusalem nicht politisch zu lesen. Warum auch nicht? Reading Diner politically! Schließlich hatte Diner klar positionierte Streitschriften anlässlich des Irakkrieges 1991 verfasst (“Der Kampf der Erinnerung”), sein Buch über den “Antiamerikanismus” fällt in diese Zeit und hob ausgesprochen idealistisch pro-amerikanisch ab, um in keinesfalls wirkungsloser Polemik gegen eine linke Kritik des US-Imperialismus und die Friedensbewegung zu münden. Der arabischen Welt attestierte er in “Versiegelte Zeit” eine inhärente Stagnationstendenz und in “Rituelle Distanz” zeichnete er die Staatsräson Deutschlands und Israels so weit nach, dass jeder Gedanke einer Rache der Verfolgten an den Verfolgern zurückzutreten habe und sich die interessegeleiteten Staatsmänner nun eben in ritueller Distanz die Hände zu reichen haben. Das aktuelle Buch über den “anderen Krieg”, den er von den kolonialen Rändern und besonders aus der Perspektive des Yishuv, der jüdischen Gemeinden, die zu Eretz Israel werden sollten, betrachtet, kommt nun in einer Zeit heftiger Debatten um Erinnerungspolitik und angemessene Würdigung der kolonialen Verbrechen heraus.

In der Nachbemerkung schreibt Diner, erste Anstöße für das Buch gingen bis in die 70er Jahre zurück. Dieser Hinweis ist interessant und verrät bereits etwas über den Zuschnitt des Buches. In den 70er Jahren stand Diner auf der Linken, und links hieß: Antifaschismus und Internationalismus; Nazikritik und Antikolonialismus.

Auch wenn man es nicht glauben mag - und kaum einem der sich mit Ehrerbietungen überschlagenden Rezensenten ist es aufgefallen: Ein Hauch dieses Geistes durchweht auch die neueste Schrift des langjährigen Direktors des Simon-Dubnow-Instituts für Jüdische Geschichte und Kultur in Leipzig. Diese ist dabei freilich keine Kampfschrift, eine solche läge Diner fern, sondern ist Geschichtsschreibung auf der Höhe der historischen Fachliteratur und fällt multiperspektivisch aus. Das Buch ist frei von idealistischen Setzungen und schenkt auch Diskursen und ihrer Interpretation wenig Raum. Diner schreibt materialistisch über Krieg - und das heißt über Logistik, taktische und strategische Bündnisse, militärische Raum-Zeit-Fragen, der Leser wird mitgenommen zu den äußersten Fronten des Zweiten Weltkriegs, bis zu der zweifachen Entscheidungsschlacht 1942: in El Alamein und in Stalingrad. Dazwischen immer wieder “Anlanden”, ein häufig verwendeter Begriff der Dinerschen Ereignisgeschichte, und doch ist dieses Buch kein Remake alter Militärgeschichte.

Welches ist nun der “andere Krieg”? Der andere Krieg ist der große, der Zweite Weltkrieg. Und der eine? Es ist der eigentliche aus der jüdisch-palästinensischen Sicht, es ist der Kampf der zionistischen Bewegung um Staatswerdung Israels gegen die britische Kolonialmacht und einen großen Teil der arabischen Bevölkerung, der mit Generalstreik, Pogromen und Verfolgungsorgien wie im Jahre 1936 deutlich machten, dass er eine weitere Zuwanderung von Juden ins “Gelobte Land” nicht akzeptieren würde. In den 30er und 40er Jahren stand in Form von England eine alte Kolonialmacht als Teil der Anti-Hitler-Koalition Deutschland mit seinem ausgreifenden beispiellosen Vernichtungskrieg gegenüber. Dabei sorgte nicht nur anti-plutokratische Propaganda des Deutschen Reichs, sondern die ganz realpolitische “Der Feind meines Feindes ist mein Freund”-Logik eine Verschränkung von antikolonialem Aufbegehren von durch Großbritannien kolonisierten Akteuren mit deutscher Expansonslogik.

In diese sehr diffizile Ausgangslage, die entsteht, wenn man den historischen Blick auf den Krieg um die klassisch als “Dritte Welt” benannte kolonialen Gebiete erweitert, könnte in recht unterschiedlicher Weise Ordnung gebracht werden. Vor etlichen Jahren brachte ein Rheinisches JournalistInnebüro im Geiste des linken Internationalismus Ordnung und Sinn ins Geschehen, indem sie ein Buch herausbrachten mit dem Titel “Unsere Opfer zählen nicht”. Darin machten sie vornehmlich auf die kolonialen Opfer aufmerksam, die auch als Soldatinnen und Soldaten in den diversen Armeen im Nachhinein unsichtbar gemacht wurden zugunsten einer Rezeption des Zweiten Weltkriegs als europäischer Krieg. Einige andere Publizisten haben hingegen vor allem auf die Verschränkung von anti-britischen Begehrlichkeiten und pro-deutschen bis pro-Nazistischen Positionen in der arabischen Welt abgestellt. Hier wird von Autoren wie Matthias Künzel (“Nazis und der Nahe Osten. Wie der islamische Antisemitismus entstand”) und anderen eine recht eindimensionale Wahrnehmung der Konstellationen des Zweiten Weltkriegs präsentiert: Auf der einen Seite stehen die Deutschen mit ihren europäischen Verbündeten wie Italien, Rumänien oder den bosniakischen muslimischen SS-Einheiten und außereuropäischen Verbündeten wie dem Großmufti von Jerusalem und das Japanische Kaiserreich. Auf der anderen Seite kämpfen die Alliierten einen “good war” unter anderem für die um ihr Überleben kämpfende Judenheit, deren Bestrebungen dann in dem Staat Israel gemündet seien. Israel erscheint so als direkte Folge des Zweiten Weltkriegs, der Zionismus mit seiner Staatswerdungsidee als einzig angemessene Antwort auf die Erfahrung der deutschen Vernichtung.

Dass dieses Bild zu einfach ist, macht bereits Diners Überschrift deutlich: Der Krieg der großen Drei gegen die faschistischen Achsenmächte und der Kampf der zionistischen Bewegung um Israels Staatswerdung treten auseinander. Zum anderen macht Diner in seiner Geschichtserzählung, die keinesfalls beliebige Geschichtenerzählung ist, deutlich, dass das Überleben der Juden in Palästina lediglich einem Zufall geschuldet war, eben dem englischen Sieg von El Alamein über Rommel und die Deutschen. Er macht deutlich, dass zionistischer Aufstieg nach Eretz Israel und realpolitischer Fluchtort auseinandertraten. Und der Historiker hält ebenso fest, dass die Überzeichnung der Rolle des im irakischen Exil sitzenden Großmufti von Jerusalem der verzwickten Lage in Palästina unangemessen ist. In einem interessanten Kapitel zu den Bombardierungen Haifas durch Flugzeuge des faschistischen Italien wird deutlich, dass diese keineswegs zu einer Distanz der arabischen Bevölkerung zu den Juden führten, sondern sich beide Gruppen gemeinsam ge- und betroffen sahen und gruppenübergreifende Solidarität überwog. Ähnliches stellt Diner für die britische Armee fest, hier schildert er, dass sich nach ihrer Gefangenschaft in Griechenland und Nordafrika arabisch-palästinensische Militärangehörige der britischen Streitkräfte mit jüdisch-palästinensischen Kräften zusammentaten und sich der Agitation von faschistischen Kräften, sie mögen sich der Achse anschließen und gegen den Kolonialherren England kämpfen, verweigerten. Es sind diese Elemente der Geschichtserzählung, die die deutsche Rezensionsgemeinde von taz bis FAZ gerne verschweigt. Vielleicht weil sie lieber einen anti-arabischen Küntzel gelesen hätten, auf dem das Gütesiegel Dan Diner steht.

Natürlich beschreibt Diner die pro-nazistische Haltung etlicher postkolonialer Akteure, er verweist auf die pro-deutsche Baath-Partei des Irak, beschreibt das Farhud genannte Pogrom an den Bagdader Juden 1941. An Ghandis anti-englischer Agitation und seiner zuweilen dunklen Position den Achsen-Mächten gegenüber sollte auch ein überzeugter Graswurzel-Pazifist Anstoß nehmen. Während die 4. Indische Division, die auf Seiten der Briten kämpfte, bei ihrer Rückkehr vom europäischen Kriegsschauplatz recht gleichgültig von der indischen Bevölkerung aufgenommen wurde, wurde wohl die auf Seiten der Japaner kämpfenden und unterlegenen Indian National Army mit frenetischem Jubel nach ihrer Rückkehr im Heimatland aufgenommen. Allerdings stellt Diner auch die Bedeutung des prosozialistischen, antifaschistischen und durchaus militanten indischen Widerstandskämpfers Jawaharlal Nehru heraus, der immerhin von 1947 bis 1964 erster Ministerpräsident Indiens war.

Diners Buch zeigt so, dass eine multidirektionale Erinnerung, die Holocaust-Gedenken und Erinnerung an Kolonialverbrechen nicht-hierarchisch und konkurrenzlos miteinander versöhnen will, wie es der Literaturwissenschaftler Michael Rothberg in einem vieldiskutierten Buch vorgeschlagen hat, mit Gegenläufigem und antagonistischen Widersprüchen zu kämpfen haben wird. Aber es finden sich eben auch Spuren einer anderen Geschichte des Zweiten Weltkriegs, die Hoffnung macht. Auf zionistischer Seite ist dies sicherlich die schonungslose Wahrheit über den Zionismus und die gelungene Staatsgründung Israels, die ein Vertreter der linken Poale Zion aussprach, als er auf dem sechsten Kongress der Histatrud im Januar 1945 ausrief, dass es doch reiner Zufall gewesen sei, “dass wir in Palästina überlebt haben”. Nichts vertragen Geschichtsmythen besser als dieses Eingeständnis der Wirkmächtigkeit von historischer Kontingenz.

Natürlich kann hinter einiges in Diners Ausführungen ein Fragezeichen gesetzt werden. Wenn er beispielsweise die schwierige Koloniallage Englands im Jahre 1942 herausstellt, um zu einer recht verständnisvollen Einschätzung der englischen Appeasementpolitik zu kommen, kann dies auch nur gelingen, wenn die im Kern antikommunistische Prägnierung der britischen Politik kleingezeichnet wird. Auf der anderen Seite scheint Diner der Anti-Hitler-Koalition auch wenig Substanz und Haltbarkeit zu attestieren, sie wirkt rein zufällig, doch gerade die Entwicklung vom Land-and-Lease-Abkommen, das klarerweise von strategischen Überlegungen getragen war, aber ein vertrauensvolles Bündnis stiftete, bis zu den in Potsdam festgelegten und in den Nürnberger Prozessen exekutierten Lehren aus dem Faschismus finden sich sicherlich nicht nur Elemente einer global verpflichtenden fortschrittlichen Ordnung, sondern stellte historisch eine einmalige politische Konstellation dar, die jedoch bald vom Kalten Krieg überblendet und abgelöst wurde. Mit diesem wurde eine neue Übersichtlichkeit produziert, in deren Verlauf sich Israel auf Seiten des Westens einsortierte und nicht wenige Dritt-Welt-Länder dem Osten zuneigten. Doch diese Geschichte ist eine andere. Diners anekdotisch erscheinenden Darlegungen bieten eine Öffnung und untersagen sich vorschnelle Zuordnungen. Damit ist diese Schrift gerade heute ungemein anregend und nötig.

Rezensiertes Buch:

Dan Diner, Ein anderer Krieg. Das jüdische Palästina und der Zweite Weltkrieg 1935-1942, DVA München 2021

18:50 01.04.2021
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Gerhard Hanloser

Kritische Analysen, Miniaturen und Reflexionen über linke Bewegungen, Theorien und Praxis
Gerhard Hanloser

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