„Memorial“-Verbot mit Hermlin betrachtet

Russland Was würde ein vergessener DDR-„Stalinist“ zum Urteilsspruch in Russland zu der vergangenheitspolitischen Initiative „Memorial“ sagen? Und was können wir heute daraus lernen?
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Hätte zum „Memorial“-Verbot in Russland sicher einiges zu sagen: Stephan Hermlin
Hätte zum „Memorial“-Verbot in Russland sicher einiges zu sagen: Stephan Hermlin

Foto: Imago/gezett

Memorial ist nun also von höchstrichterlicher Seite in Russland aufgelöst worden. Stalins Verbrechen sollen nicht im Sinne der Geschichts-NGO aufgearbeitet und erinnert werden. Das sagt viel über Russland aus. Nur was? Verfremden wir unseren Blick und betrachten den Vorgang mit den Augen Stephan Hermlins. Der Blickwinkel ist merkwürdig gewählt, schließlich war Hermlin, ehemaliges KPD-Mitglied und Kopf der Akademie der Künste der DDR, als „Stalinist“ bekannt. Drei Hymnen auf Stalin hat er verfasst. Eine hymnischer als die andere. Schließlich, so erklärte er sich Mitte der 80er Jahre gegenüber Günter Gaus, sei Stalin Symbol einer großen Sache: des Siegs über den Nazi-Faschismus. „Wie hätte ich es wagen können, sie zu widerrufen, wenn Millionen von Menschen mit dem Ruf: Brot, Stalin, Vaterland! auf den Lippen starben?“

Das Gespräch von 1984 ist interessant, es verrät viel über die Schwierigkeiten eines kommunistischen DDR-Kulturfunktionärs aus jüdischem Elternhaus, mit dessen großbürgerlichem Vater – von den Nazis ermordet – er politisch brach, was persönlich für Hermlin großen Schmerz bedeutete. Er fand seine Heimat in der kommunistischen Partei auf der einen und der deutschen Kultur auf der anderen Seite, seinen Auslassungen ist aber immer eine kritische Distanz zum deutschen „Volk“ wie auch Skepsis gegenüber der siegestrunkenen DDR-Vergangenheitspolitik anzumerken.

Marcel Reich-Ranicki spottete über die nachträgliche Legitimation, die Hermlin seinen Stalin-Elogen entgegenbringen würde: mit dem gleichen Recht würden Hitler-Anhänger ihr Idol als Verkörperung einer großen Sache betrachten können. Auf diese Polemik von Klaus Wagenbach, dem großen linken, westdeutschen Verleger, der am 17. Dezember verstarb, angesprochen, holte Hermlin aus:

„Er liefert damit nur einen weiteren Beweis für die Richtigkeit von Thomas Manns These, daß der Antikommunismus die Dummheit der Epoche ist. Wer kann denn im Ernst leugnen, daß die Lehren von Marx und Engels (‘die große Sache’) sich unter den Theorien des europäischen Humanismus befindet, ob man den Marxismus nun bejaht oder verneint. Andererseits steht der Name Hitler für gar nichts Großes, außer für sich selbst, die nackte Barbarei. Der deutschen Faschismus hat sich nicht unter dem Zwang von Umständen zum ‘Schlimmeren’ entwickelt: er stand von Anfang an da als das, was er ist. Die Vernichtung der Juden steht in ‘Mein Kampf’, die Vernichtung der Sowjetunion und ihre Verwandlung in eine eine deutsche Kolonie steht in ‘Mein Kampf’, die Menschheit teilt sich von allem Anfang an in Menschen verschiedenwertiger Rassen sowie in Untermenschen. Im übrigen sollte Reich-Ranicki kurz darüber nachdenken, welche Soldaten ihn in ein Getto gejagt und welche ihn aus dem Getto hervorgeholt haben.”

Russland braucht eine öffentliche Kritik

Und jetzt? Und was hat das mit dem de facto-Verbot von Memorial in Russland zu tun? Folgen wir mit Hermlin dem realsozialistischen Antifa-Narrativ, einem „Nie-wieder-Faschismus“-Bekenntnis, das sich darin einmauert und alle Maßnahmen der Gegenseite adelt und als historisch notwendig ausweist? Eine Haltung, die von Maurice Merleau-Ponty bis Dominico Losurdo reicht und seine so schlecht wie schlicht argumentierenden Erben und Anhänger zu autoritären Russland-Verstehern macht? Das wäre etwas simpel. Hermlins Denken und seine Bekenntnisse folgten einem Denken in Konstellationen. In den 80ern erklärte er gegenüber Gaus auch: „Ich glaube an die Notwendigkeit von öffentlicher Kritik“, als „spätbürgerlicher Schriftsteller“ (wie er selbstkritisch wie selbstironisch bekundete) bemerkte er, dass die DDR eine neue Zeit brauche, wo öffentliche Kritik sich an öffentlichen Dingen auch äußern kann (auch wenn er diese Kritik nicht als freie, ungebundene begreifen konnte, sondern zur instrumentell gebundenen, der es „um die Sache“ gehe, einschränkte).

Was braucht Russland heute? Eine öffentliche Kritik, nichts weniger. Die innere autoritäre Formierung in Russland, die gleichermaßen aus dem Verbot stalinismuskritischer Initiativen wie einer vom Präsidenten artikulierten Hetze gegen Transsexuelle als angeblich unrussisch besteht, wird dabei von der äußeren westlichen Aggression, der ewigen NATO-Osterweiterung und militärischen Manövern vor der Haustür Russlands, weiter angeheizt. 1981, zu Beginn der westdeutschen und ostdeutschen Friedensbewegung, erinnerte Stephan Hermlin an einen kurzen Einwurf Lenins, einen Brief an einen deutschen Pazifisten. Darin schrieb Lenin, dass der Militarismus sich nur halten könne, weil jeder auf die Abrüstung des anderen warte. Mit kühlem Verstand, der sich nicht mit den „Chimären einer blutigen Vergangenheit“ überlade, sollten alle Friedensfreunde ihre eigene Regierung zur Abrüstung verpflichten ohne anderen etwas vorzuschreiben. Eine konsequente Beschränkung der Macht der NATO durch kritische westliche Akteure könnte auch den östlichen Aktivisten – ja auch den Aktivist*innen/Aktivist:innen – mehr Luft verschaffen. Vielleicht wäre dies eine angemessene Hermelinsche Perspektive.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Gerhard Hanloser

Kritische Analysen, Miniaturen und Reflexionen über linke Bewegungen, Theorien und Praxis
Gerhard Hanloser

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