Wer feiert was?

8. Mai Ein Tag der Befreiung, der Kapitulation, der Freude – was der Tag des Sieges über den deutschen Faschismus für Linke darstellte und darstellt
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Wer feiert was?
„Die Siegermächte“ von Klaus Stuttmann

Bild, Volkszeitung, 4. Mai 1990

Am 4. Mai 1990 erschien in der Vorgängerzeitung des FREITAG, der Volkszeitung, eine Karikatur von Klaus Stuttmann. Sie trägt die Unterschrift „Die Siegermächte“. Zu sehen ist ein dicker, übergroßer Bundeskanzler Helmut Kohl in Napoleon-Haltung, paternalistisch hat er die freie Hand auf die Schulter eines kümmerlichen Ost-CDUlers namens Lothar de Maizière gelegt. Im Hintergrund sind ein grinsender George Bush senior, die düppiert dreinschauenden Margaret Thatcher und François Mitterrand und ein trauriger Michail Gorbatschow zu sehen. Sie alle stehen im Windschatten des deutschen Kanzlers. Bei einer anderen Karikatur, sie ist wohl aus der antifaschistischen Zeitung Die Tat, schaut ein selbstverliebter Helmut Kohl in einen Spiegel, an dessen Rand Bilder der USA, Englands und der Sowjetunion gepinnt sind. Drunter steht: „Am 8. Mai bleiben die Siegertypen unter sich, basta!“. Und tatsächlich: Seit der Wiedervereinigung scheinen alle gesiegt zu haben – vor allem Deutschland und dieses vor allem über die Vergangenheit. Sieger sind seit 1990 nicht mehr die militärischen Gewinner von 1945, sondern die Winner im kapitalistischen Weltsystem. Heutzutage kann sich Russland allein wegen seines Bruttosozialprodukts und seiner Gebietsverluste weniger zu den Siegern nach dem Zweiten Weltkrieg zählen als die ehemaligen Achsenmächte Deutschland und Japan. Nicht erst unter Putin will man diesem Schmerz patriarchal-militaristisch in den ewigen Paraden am 9. Mai Paroli bieten. Zumal Russland eine angemessene Würdigung und Ehrung für die unbeschreiblichen menschlichen Kosten bei der Niederringung des deutschen Faschismus bis heute von deutscher Seite verwehrt bleiben.

Was sich Erinnerung und Vergangenheitspolitik nennt, weist vor allem in die Zukunft und ist von Staatsräson überwölbt. Es werden Lehren aufgestellt, die ihre Kraft nicht aus Einsicht, Eingedenken und Wahrheit schöpfen, sondern aus aktuellem Interesse. Für Deutschland lautet die Devise: „Nie wieder Verlierer”, nie wieder „der Untergang“, nie wieder Sonderwege, die sich nicht auszahlen.

Lange Zeit war der 8. Mai ein gutes Datum, um allen deutschen Revisionisten, allen rechten Geschichtsverdrehern und Geschichtsleugnern (ja, auch die Frauen darunter sind gemeint) in die Suppe zu spucken. Allein die öffentliche Bekundung, den 8. Mai als Befreiung zu empfinden, war in der Vor-Weizäcker- und Vor-Köhler-Zeit ein Akt der Subversion. Denn bis in die 80er Jahre wurde der 8. Mai zerknirscht und verschwiemelt kommentiert: Die Leitkommentatoren fühlten sich noch sehr deutsch an die Niederlage erinnert. Und heute? Alles anders. Die antifaschistische Geste der Freude über die Befreiung hat sich als fundamentaloppositionelle erschöpft, sie scheint Teil der Mainstream-Bekundung geworden zu sein.

Warum? Im globalen Maßstab und gemessen am Kriterium der sozialen Befreiung hatte die auf 45 fixierte antifaschistische Geste ohnehin eine beschränkte Reichweite. Gemessen an den Kämpfen und Sehnsüchten der Partisaninnen und Partisanen in Italien und Griechenland oder der Kolonisierten in Algerien, war die Art der Befreiung, wie sie die alliierten Siegermächte durchführten und festsetzten, zuweilen ein Rückschritt. 1945 stand die Aufteilung der Welt in einen kapitalistischen und einen vom Genossen Stalin dominierten Block an. Jeder kennt noch aus dem Schulunterricht die Häckchen, die Stalin im Oktober 1944 hinter die von Churchill vorgeschlagen Aufteilung der Interessens- und Einflusszonen machte. Weniger bekannt ist dagegen die Politik der kommunistischen Parteien, die sich vollends dem globalen Deal verschrieben haben, wonach eine Revolution im Westen und eine fundamentale Änderung der Eigentumsordnung dort auszubleiben habe. Die KP Frankreich trat in die von de Gaulle gebildete Regierung ein und KP-Führer Maurice Thorez forderte die Bergarbeiter zu Willfährigkeit und Verzicht auf Streiks und Absentismus auf. Die Stalin-treue italienische Kommunistische Partei stimmte 1944 der faschistischen Badoglio-Regierung zu, wonach es keine Veranlassung gebe, über eine Abschaffung der Monarchie zu diskutieren, selbst die italienische sozialistische Partei siedelte sich mit ihren Forderungen nach ökonomischen Reformen links von der KP an. Vor allem wirkte aber letztere darauf hin, dass sich die relativ starken Partisanenverbände entwaffnen und die Arbeiterinnen und Arbeiter sich ganz dem Wiederaufbau und nicht dem Umbau der herrschenden Ordnung widmen sollten. Und das, obwohl Zehntausende von Arbeitern im April 1945 in Mailand und in Turin revoltierten, streikten und Arbeiterräte bildeten. Am blutigsten vollzog sich der Aufteilung der Welt nach 1945 in Griechenland, das auch als westliche Einflußzone definiert wurde. Die KP Griechenlands hielt sich nicht sklavisch an die aus Moskau kommenden Devisen, sie kämpfe gegen ihre Entwaffnung, die britische Truppen durchsetzen wollten. Selbst Churchill wunderte sich über das Stillhalten Stalins, kein einziges vorwurfsvolles Wort hätte man über die Kämpfe in Athen in der Prawda oder der Isvestjia vernommen. Stalin, der „konservativste Außenpolitiker der Geschichte“ (Eric Hobsbawm), hielt sich eben sklavisch an das Arrangement mit dem westlichen Teil der Anti-Hitler-Koalition; wie bereits 1936 im Spanischen Bürgerkrieg wurde für eine ersehnte Akzeptanz durch die bürgerlichen Staaten und daraus zu gewinnende Sicherheit die Liquidation eines eigenständigen Sozialismus und einer möglichen Revolution in Kauf genommen. Der Stalin-Biograph und trotzkistische Publizist Isaac Deutscher hielt in der Tribune von 1945 fest, dass Teheran und Jalta ein Klassenkompromiss auf internationaler Ebene waren.

Dieser Klassenkompromiss schaffte es, Deutschland bis 1990 zu marginalisieren. Immerhin. Als linker Antifaschist im Postfaschismus freute man sich darüber. Nicht zu Letzt deshalb, weil die stolz-deutschen Rechten immer Sturm gegen diese Nachkriegsordnung rannten, die auf der Potsdamer Konferenz festgelegt wurde. Wer in den 70er Jahren die Befreiung von „Nazismus und Militarismus“ feierte, wie beispielsweise mein Vater, sah sich zuweilen Anfeindungen oder Unverständnis ausgesetzt. Ab 1990 veränderte sich das ganze Tableau, diskursiv vorbereitet von Weizsäckers berühmter 8.-Mai-Rede von 1985. Die stolz-deutsche Rechte bekam mit dem 2 plus 4-Vertrag das, was sie schon immer anstrebte: die Souveränität Deutschlands. Mit Kohl konnte sich das fahnenschwenkende Deutschland nachträglich zu den Siegern des Zweiten Weltkriegs zählen. Entschädigung der Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter? Reparationen für Griechenland? Angemessene Erinnerung des Vernichtungskriegs, dem neben Juden und Roma, auch Slawinnen und Slawen millionenfach zum Opfer fielen? Geschenkt. Siegertypen haben sich weder zu entschuldigen noch zu bezahlen. Sie feiern einfach mit den anderen aus dem Weltestablishment.

Und was jetzt?

Eine aufgeklärte, kritische Linke sollte hierzulande natürlich auch den 8. Mai feiern. Nach wie vor. Als Sieg über den Faschismus. Als Befreiung der von den Deutschen Geschundenen. Als Aufforderung, Militarismus zu ächten, Rassismus, Antisemitismus und imperialistische Angriffskriege ebenso. Linke „Menschen mit Nazihintergrund“ familiärer Art (Moshtari Hilal/Sinthujan Varatharajah) sollten sich aber bewusst sein, dass ihre Siegesfeier dann eine „cultural and political appropriation“ darstellt: eine Aneignung. Aber keine verwerfliche, im Gegenteil.

13:03 07.05.2021
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Geschrieben von

Gerhard Hanloser

Kritische Analysen, Miniaturen und Reflexionen über linke Bewegungen, Theorien und Praxis
Gerhard Hanloser

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