Die Instrumentalisierung des Islams

Die Monster-Erschaffung Der Grundstein für den islamischen Terror wurde nachweisbar unter Mithilfe der USA gelegt; Taliban und Al Kaida hätte es ansonsten nicht gegeben - somit auch nicht 9/11.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Die Auswirkungen der politischen Instrumentalisierung des Islams auf Pakistan und Afghanistan

Immer wieder wird Pakistan im Zusammenhang mit der Entstehung und Unterstützung der Taliban genannt, doch gehören die Namen der Vereinigten Staaten von Amerika und Saudi-Arabiens ebenfalls dazu.

Laut offizieller Geschichtsschreibung unterstützte der amerikanische Geheimdienst CIA die Mudschaheddin in Afghanistan erst nach dem Einmarsch der Sowjetunion am 24. Dezember 1979. Der ehemalige Sicherheitsberater der Vereinigten Staaten Brzezinski bestätigte jedoch in einem Interview, das Präsident Carter schon am 3. Juli 1979 die ersten Hilfslieferungen an Aufständische in Afghanistan genehmigt hatte. Herr Brzezinski machte auch keinen Hehl daraus, dass man den Einmarsch der Sowjets nach Afghanistan forciert hatte. Wiedergutmachung für Vietnam war das Motto. Am Ende kostete der Einmarsch der sowjetischer Armee und die amerikanische Unterstützung der Aufständischen bis zu 1,5 Millionen Afghanen das Leben und brachte zwei neue Arten von Fundamentalisten hervor: Die Taliban und indirekt das, was heute Al Kaida genannt wird. Der Plan, dem die amerikanischen Verantwortlichen ab 1979 folgten, war nicht neu. Schon während des ersten Weltkrieges hatte ihn der deutsche Diplomat Oppenheimer in Arabien versucht und kurz darauf, mit mehr Erfolg, der britische Offizier T. E. Lawrence: Die politische Instrumentalisierung des Islams.

1979 bis 1989: Die CIA organisiert den afghanischen Widerstand

Pakistan, das noch bis 1978 eine demokratisch gewählte Regierung hatte, wurde mit dem Einmarsch der Sowjets nach Afghanistan zum wichtigsten Baustein im Plan der Amerikaner. Mit dem diktatorisch regierenden General Zia-ul-Haq hatte man den idealen Partner. Die Angst Pakistans vor den sowjetischen Truppen war noch am ehesten verständlich; man befürchtete, zwischen dem Erzfeind Indien im Osten und einem kommunistisch regierten Afghanistan im Westen eingequetscht zu werden. Doch was dann passierte, kann nicht im Interesse der Menschen Pakistans gewesen sein, deren überwiegender Teil einen moderaten und toleranten Islam praktizierte. Mit Hilfe amerikanischer und saudischer Dollars wurde Pakistan mit Madrasas (religiöse Schulen) überschwemmt, in denen vorwiegend eine radikale Form des Islams, der aus Saudi-Arabien stammende Wahhabismus, gelehrt und zum Dschihad aufgerufen wurde (bei uns unter der verkürzten Übersetzung „Heiliger Krieg“ bekannt). Doch nicht nur dort wurden Freiwillige für den Kampf in Afghanistan rekrutiert. Der amerikanische Geheimdienst CIA finanzierte Zeitungsanzeigen und Rundbriefe in der ganzen muslimischen Welt, um Freiwillige für den Dschihad zu finden. Ebenso wurden in den Vereinigten Staaten Bücher für afghanische Schulkinder gedruckt, die mit gewaltverherrlichenden Bildern und militanten islamistischen Sprüchen durchsetzt waren. Die Lehrbücher, die den Dschihad priesen und mit Zeichnungen von Gewehren, Geschossen, Soldaten und Sprengkörpern illustriert waren, haben lange den Lehrplan des afghanischen Schulsystems bestimmt. Noch nach 2001 verwendeten die Taliban in Amerika gedruckte Lehrbücher im Kampf gegen die ISAF-Truppen. Die Phrase, dass ein Kämpfer, der für den Islam den Märtyrertod stirbt, mit dem Paradies belohnt wird, wurde zwar von Abdallah Yusuf Azzam erdacht, einem Vertrauten Bin Ladens, doch wurde sie vom CIA aufgegriffen, um weitere Freiwillige zu gewinnen.

Osama Bin Laden, Sohn eines saudischen Bauunternehmers und Multi-Millionärs, war in dem Ganzen nur ein winziges Teilchen. In Verbindung mit dem saudischen Geheimdienst und der CIA sammelte er Spendengelder und rekrutierte Freiwillige aus der arabischen Welt. Diese Kämpfer nannte man die arabischen Afghanen. Die Liste, in die die Namen der Freiwilligen aufgenommen wurden, wurde Kaida genannt (was übersetzt Basis oder Liste bedeutet). Eine wichtigere Rolle ließen die Amerikaner dem pakistanischen Geheimdienst I.S.I zukommen, der zum Ende des Krieges 1989 zu einem 150.000 Mitarbeiter umfassenden Geschwür herangewachsen war. Die CIA ließ dem I.S.I Waffen und andere Hilfslieferungen zukommen, der sie dann an die Mudschaheddin in Afghanistan weiterleitete. Zudem wurden allein zwischen 1984 bis 1987 etwa 80.000 „Freiheitskämpfer“ in pakistanischen Trainingslagern ausgebildet. Die Gelder für den afghanischen Widerstand kamen zur Hälfte aus den Vereinigten Staaten und zur anderen aus Saudi-Arabien. Ein Nebeneffekt der politischen Instrumentalisierung des Islams war, dass die Mullahs (islamische Rechts- und Religionsgelehrte), gerade in den paschtunischen Gebieten in Pakistan, stark an Macht gewannen, obwohl sie vorher nur eine geringe Rolle im Dorfleben gespielt hatten, ja teilweise sogar Gegenstand von Witzen in der Bevölkerung waren. Auch nutzte der im Volk unbeliebte pakistanische General Zia ul-Haq die Unterstützung der Vereinigten Staaten dazu, Pakistan in einen fundamentalistisch religiösen Staat zu verwandeln und stützte sich dabei auf die Scharia (das islamische Recht, basierend auf dem Koran). 1988 kam Zia ul-Haq bei einem Flugzeugabsturz ums Leben; mit an Bord der amerikanische Botschafter Pakistans. Da eventuelle Beweismittel an der Absturzstelle vernichtet wurden, konnte die Absturzursache bis heute nicht geklärt werden.

Osama Bin Laden und die Geburt „Al Kaidas“

Am 15. Februar 1989 zog die Sowjetunion ihre letzten Soldaten aus Afghanistan ab, trotzdem unterstützten sie und ihr Nachfolgestaat, die Russische Föderation, noch bis 1992 das ihnen wohlgesinnte Regime Nadschibullah in Afghanistan mit Hilfslieferungen. Die Rolle Al Kaidas in Afghanistan, sollte es überhaupt eine Gruppe unter diesen Namen gegeben haben, war eher gering. Der Arzt Bin Ladens, Sa'ad al-Faqih, sagte später: „Al Kaida ist nur die Liste all der Leute, die irgendwann in das Gästehaus in Peschawar kamen (Bin Ladens Hauptsitz während des Afghanistan-Krieges). Insgesamt bestimmt 20-30.000 Leute.“

Nach dem Abzug der Sowjets trafen sich Osama Bin Laden und die Führer der arabischen Afghanen und berieten die weiteren Schritte. Der Ägypter Aiman az-Zawahiri wollte einen Sturz des ägyptischen Regimes herbeiführen, für Abdallah Azzam hatte der Kampf um Palästina Vorrang. Schließlich zogen sich fast alle aus Afghanistan zurück. Nur Azzam blieb und wurde 1989 Opfer eines Bombenanschlags. Sein Tod zeigt die ganze Komplexität des Themas, denn bis heute halten sich Theorien, die Osama Bin Laden, Aiman az-Zawahiri, afghanische Stammesgruppen, die CIA, den I.S.I oder den israelischen Geheimdienst Mossad für Azzams Tod verantwortlich machen.

In den folgenden Jahren kämpften die „arabischen Afghanen“ in einzelnen kleinen Gruppen u.a. im Sudan, in Somalia, Bosnien und Libyen. Das Einzige, was die verschiedenen Gruppen einte, war der Hass auf alles Unislamische. Hauptfeind waren mittlerweile die USA, aber auch die Schiiten und andere muslimische Glaubensgemeinschaften. Für die lose Gemeinschaft von Terrorgruppen, wie ich Al Kaida beschreiben würde, waren alle, die nicht nach ihrer extremen Auslegung des Islams lebten, Ungläubige und damit Feinde des Islams. Selbst dem saudischen Königshaus warf Osama Bin Laden später vor, die Ideen des Islams zu verraten.

Afghanistan ab 1989: Vom Westen den Interessen Pakistans überlassen. Die Entstehung der Taliban.

Nach dem Abzug der sowjetischen Truppen aus Afghanistan fingen die verschiedenen Mudschaheddin-Gruppen sofort an, sich gegenseitig zu bekämpfen. Doch die weitverbreitete Ansicht vom wilden Afghanen, der seit Jahrhunderten nichts anderes tue als zu kämpfen, bestätigte sich nicht. Im Jahre 1992 einigten sich alle politischen Parteien auf einen Friedensvertrag. Fast alle. Nur Gulbuddin Hekmatyār, der Anführer der Hizb-i Islāmī Miliz verweigerte sich einem Kompromiss. Seit Beginn des Krieges gegen die Sowjets waren er und seine Mudschaheddin-Gruppe vom pakistanischen I.S.I bevorzugt mit Hilfslieferungen und Waffen versorgt worden. Nach dem Abzug der Sowjets sah die pakistanische Armee die Chance, mit Hilfe von Hekmatyār Afghanistan nach ihren Vorstellungen zu formen. Doch ein Mann durchkreuzte ihre Pläne: Ahmad Schah Massoud. Auch er war überzeugter Muslim und galt als der derjenige, der den Sowjets die größten Nackenschläge verabreicht hatte. Doch wollte er keinen afghanischen Gottesstaat, sondern ein Land, in dem Männer wie Frauen mit ihren Stimmen demokratisch die Richtung bestimmen sollten. Massoud brachte den Truppen Hekmatyārs eine Niederlage nach der anderen bei. Im Jahre 1994 griff dann eine andere Partei erstmals in das Geschehen ein, die Taliban. Während Massoud die Truppen Hekmatyārs vor Kabul vernichtend schlug, eroberten die Taliban Kandahār. Wieder versuchte Massoud alle Parteien an einen Tisch zu bekommen, doch nun übernahmen die Taliban die Rolle Hekmatyārs und wurden zum verlängerten Arm Pakistans. Auch die Taliban wurden anfangs verheerend von Massoud geschlagen, doch die saudische und pakistanische Hilfe versiegte nicht; am 27. September 1996 marschierten die Taliban in Kabul ein und errichteten das Islamische Emirat Afghanistan. Einzig Pakistan, Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate erkannten das Taliban-Regime an. Massoud zog sich mit seinen Truppen aus taktischen Gründen in den Norden des Landes zurück. In den folgenden Jahren besiegten die Taliban alle anderen lokalen Mudschaheddin-Führer. Nur Masoud konnte sein Gebiet verteidigen. Wieder begann er damit, die verschiedenen kleinen und großen Mudschaheddin-Gruppen zusammenzuführen, diesmal unter dem Namen Nordallianz. Dabei wurde er von Indien mit schweren Waffen und Beratern unterstützt.

Der Entstehungsmythos der Taliban geht auf den Sommer 1994 zurück. Zwei Mädchen, die von einem Mudschaheddin-Kommandanten in Kandahār vergewaltigt worden waren, sollen von Mohammed Omar, dem späteren Anführer der Taliban, und anderen Männern befreit worden sein; der Kommandant anschließend an einem Panzerrohr aufgehängt. Diese Geschichte sollte wohl zeigen, dass die Taliban aus dem Volke geboren wurden, doch spätere Zahlen zeigen etwas anderes. Von den etwa 45.000 Taliban, die gegen die Nordallianz kämpften, kamen nur etwa 14.000 aus Afghanistan. Der Rest bestand aus Milizionären, die in Madrasas in Pakistan rekrutiert worden waren, Milizionären aus arabischen Ländern oder Zentralasien und vor allem aus regulären pakistanischen Soldaten.

Obwohl Pakistan von 1988 bis 1999 demokratisch gewählte Regierungen hatte, hatte diese keinen Einfluss auf das Geschehen in Afghanistan, da sie zu sehr mit dem Anhäufen von Reichtümern und dem Kampf gegen die jeweilige Opposition beschäftigt waren. Die „Demokraten“ Pakistans schafften es nicht einmal, die Scharia außer Kraft zu setzen. Die pakistanische Armee und der I.S.I bestimmten die Richtung. Die USA hatten ihre Ziele schon 1989 erreicht und achteten nur noch darauf, dass der Iran nicht an Einfluss in Afghanistan gewann. Zudem waren sie anderweitig beschäftigt. Ein ehemaliger „Zwerg“, den sie mit Waffenlieferungen groß gemacht hatten, damit er für sie gegen den Iran kämpfen konnte, war 1990 nach Kuwait einmarschiert. Es begann die Operation „Wüstensturm“.

Obwohl sich General Musharraf 1999 in Pakistan an die Macht putschte und die Armee und der I.S.I nun mit noch größerer Intensität die Taliban unterstützten, konnten diese die Nordallianz um Massoud nicht besiegen. Stattdessen wurde Ahmad Schah Massoud international immer mehr ein Symbol für die Rettung Afghanistans.

Am 9. September 2001 begann sich die Welt in diesem Teil der Erde nun völlig auf den Kopf zu stellen. Zwei Selbstmordattentäter, die sich als tunesische Journalisten ausgegeben hatten, zündeten während eines Interviews mit Ahmad Shah Massoud eine Bombe, die sie in ihrer Videokamera versteckt hatten. Der „Löwe von Panjshir“, wie Ahmad Shah Massoud wegen seines verwegenen Kampfes gegen die Sowjetunion genannt wurde, erlag kurz darauf seinen Verletzungen.

Zwei Tage später, am 11. September, fielen die Türme des World Trade Centers.

Die US-Regierung hatte den Hauptschuldigen schnell ausgemacht: Osama Bin Laden, der unter Mithilfe des CIA die „arabischen Afghanen“ ins Leben gerufen hatte, war plötzlich Staatsfeind Nummer Eins.

Bin Ladens Wandlung vom „Freiheitskämpfer“ zum Terroristen.

Bin Laden ging 1989, nach dem Rückzug der sowjetischen Soldaten, wieder nach Saudi-Arabien und beaufsichtigte Baustellen der Firma seines Vaters. Dass die ungläubigen Amerikaner Truppen in seinem Land stationierten, da Saddam Hussein mit einem Einmarsch in Saudi-Arabien drohte, empfand Bin Laden als schwere Beleidigung des Islam. Nachdem die Vereinigten Staaten die Truppen Saddams 1991 schnell vernichtend geschlagen hatten, aber trotzdem amerikanische Soldaten in Saudi-Arabien stationiert blieben, wurden die Amerikaner für Bin Laden zum Hauptfeindbild. Bin Laden war der Meinung, dass die Amerikaner nur unter Anwendung von Gewalt aufhören würden, sich in die Angelegenheiten der arabischen Staaten einzumischen und Israel zu unterstützen. 1991 ging Bin Laden in den Jemen, dabei kam ein Teil seiner arabischen Afghanen zum Einsatz, um die sozialistischen Führer Süd-Jemens zu attackieren. Nach einem kurzen Aufenthalt in Afghanistan, bei dem er enttäuscht feststellte, dass seine Person nicht erwünscht war, da die pakistanische Armee und Saudi-Arabien auf Gulbuddin Hekmatyār setzten, ließ sich Bin Laden mit seiner Familie im Sudan nieder. Ihm folgten ein paar Hundert arabische Afghanen. Der Hauptgrund dafür, dass Bin Laden in den nächsten Jahren Anlaufpunkt der verschiedensten Terrorgruppen wurde, waren wohl weniger Bin Ladens Führungsqualitäten, als seine Verbindungen zu den Geldgebern in den arabischen Ölstaaten. Ob in Bosnien, Algerien oder Somalia, nirgends fielen die von Bin Laden finanzierten Kämpfer zahlenmäßig ins Gewicht, dafür fielen sie durch ihre Brutalität auf. Obwohl die westlichen Geheimdienste im Nachhinein auch den ersten Anschlag auf das World Trade Center im Jahr 1993 Al Kaida zuschrieben, hatten sie auch Ende 1994 noch keine Ahnung von der Existenz einer Terrorverbindung mit diesem Namen. Ebenfalls im Nachhinein verbreiteten die amerikanischen Geheimdienste die Ansicht, Al Kaida sei bei der „Schlacht von Mogadischu“, bei der 18 amerikanische Soldaten getötet wurden, federführend gewesen. Der sudanesische Geheimdienst behauptete dagegen, dass gerade einmal eine Handvoll Kämpfer von Al Kaida in Mogadischu beteiligt gewesen sei.

Ende 1994 kam Bin Laden in Finanzschwierigkeiten, was dazu führte, dass viele seiner Anhänger den Sudan verließen. Einer von seinen Gefolgsleuten unterschlug nicht nur Geld aus Bin Ladens Vermögen, sondern verkaufte später angebliche Informationen über Al Kaida an die amerikanischen Geheimdienste. Die saudische Regierung versuchte Bin Laden über Mittelsmänner dazu zu bewegen, nach Saudi-Arabien zurückzukehren und seine Verbindungen mit den Terrorgruppen einzustellen. Im Jahr 1995 verübten Dschihadisten aus dem Umfeld Bin Ladens einen Anschlag auf den ägyptischen Präsidenten Mubarak, der fehlschlug. Dazu kamen weitere Anschläge, unter anderem auf die ägyptische Botschaft in Islamabad. Daraufhin wurde der internationale Druck auf die sudanesische Regierung so groß, dass zuerst die restlichen arabischen Afghanen den Sudan verlassen mussten und Ende 1996 auch Bin Laden selbst. Er ging wieder nach Afghanistan, wo er zwar mehrere militärische Ausbildungslager einrichtete, doch ansonsten war seine Rolle eher gering, denn das Sagen hatte Mohammed Omar, der Führer der Taliban. Zu diesem Zeitpunkt schienen die Vereinigten Staaten keine großen Probleme mit dem Regime in Afghanistan und seinen Gästen zu haben. Im Dezember 1997 reiste eine Delegation der Taliban in den Bundestaat Texas, um sich ein Angebot der Firma Unocal, über den Bau einer Öl-Pipeline durch Afghanistan, anzuhören. Nur aufgrund des öffentlichen Drucks zog sich Unocal später aus dieser Unternehmung zurück.

1998 unterzeichnete Bin Laden mit Aiman az-Zawahiri und weiteren Dschihadisten eine Fatwa (islamisches Rechtsgutachten) zur Gründung einer Internationalen Front für den Dschihad gegen Juden und Kreuzfahrer, mit denen man die westlichen Mächte und vor allen die Vereinigten Staaten verglich. Im gleichen Jahr wurde er erstmals von Interpol mit Haftbefehl gesucht. Obwohl es im Nachhinein hieß, dass Bin Laden schon vor 1998 etliche Terroranschläge geplant oder unterstützt habe, wurde ihm im Haftbefehl „nur“ vorgeworfen, in Libyen einen Mitarbeiter des Bundesamtes für Verfassungsschutz und dessen Ehefrau ermordet zu haben. Das Zustandekommen dieses Haftbefehls ist ein passendes Beispiel, wie man immer wieder auf den Namen Osama Bin Laden kommt. Der Fall Becker: Anfang März 1994 reiste das deutsche Ehepaar Becker in ihrem Urlaub von Genua über Tunesien nach Libyen, obwohl Herrn Becker als Mitarbeiter des Bundesamtes für Verfassungsschutz (BfV) mit dem Fachbereich Terrorismus Reisen in die libysche Diktatur Gaddafis untersagt waren. Wie libysche Ermittler später erklärten, sei das Ehepaar am 10. März Opfer eines Raubüberfalles geworden, bei dem sie beide getötet wurden. Kurz darauf teilten libysche Behörden den deutschen Kollegen mit, dass militante Islamisten, die Al Kaida nahe ständen, für den Tod der Beckers verantwortlich seien. Als angeblichen Drahtzieher präsentierten die Libyer Osama Bin Laden. Obwohl zwei deutsche Staatsbürger ermordet worden sind, haben die deutschen Behörden keinen Haftbefehl erlassen, sondern hüllen sich seit 19 Jahren in Schweigen. Als im Jahr 2011 in Libyen ein Aufstand gegen Gaddafi losbrach, machte der Diktator ebenfalls Al Kaida dafür verantwortlich. Diesmal schenkten ihm die westlichen Mächte jedoch kein Gehör.

Am 7. Juni 1999 veranlasste die US-Regierung, Bin Laden auf die FBI-Liste der meistgesuchten Flüchtigen zu setzen, man glaubte plötzlich zu wissen, dass Bin Laden hinter den Anschlägen auf die amerikanische Botschaften in Daressalam und Nairobi steckte, bei denen 224 Menschen starben.

Nach einem weiteren Anschlag im Oktober 2000, diesmal auf ein amerikanisches Kriegsschiff, stellte der UN-Sicherheitsrat dem Taliban-Regime ein Ultimatum, Bin Laden auszuliefern. Die Taliban, die bei einer ersten Anfrage zur Auslieferung Bin Ladens bereit gewesen wären, wenn man ihre Herrschaft in Afghanistan anerkannt hätte, lehnten diesmal ab und verwiesen auf das Gastrecht.

Dann kam der 11. September 2001, und wieder soll Bin Laden der Drahtzieher gewesen sein. Obwohl jede Terrororganisation sofort bereit gewesen wäre, sich mit dem „Erfolg“ zu brüsten, stritt Bin Laden anfangs vehement jede Beteiligung ab. Es gibt keinen Zweifel darüber, dass Bin Laden die Vereinigten Staaten als Feindbild ansah und auch dazu aufrief, sie und ihre Verbündeten mit Gewalt zu bekämpfen. Auch keinen Zweifel darüber, dass er Finanzmittel zu Terrorgruppen weitergeleitet hat. Doch nach allem was man über Bin Laden weiß, war er weder ein großer Kämpfer noch ein guter Stratege und auch kein Finanzgenie. Warum dennoch die Wahl auf Osama Bin Laden als Sinnbild des Bösen fiel, ist nachvollziehbar. Keiner der großen „Spieler“ brauchte ihn mehr. Weder die pakistanische Armee noch der pakistanische Geheimdienst I.S.I hatten Interesse an einem weltweiten Dschihad, sie interessierte einzig die Kontrolle über Afghanistan. Für sie war immer noch Indien der Hauptfeind und Afghanistan strategisch wichtig als Rückzugsgebiet in einem möglichen Krieg mit Indien. Die saudische Regierung finanziert zwar überall in der Welt die Verbreitung ihres extremen Wahhabismus, konnte es sich aber nicht leisten, so explizit mit Terrorgruppen in Verbindung gebracht zu werden. Zudem wurde die saudische Diktatur ebenfalls von den Dschihadisten bedroht, da diese den engen Kontakt Saudi-Arabiens zu den Vereinigten Staaten als Verrat am Islam ansahen. Der Nachbar Iran, der bis ins Jahr 2000 die Nordallianz um Massoud unterstützt hatte, war erst recht kein Sympathisant Bin Ladens, für den die schiitischen Iraner ebenfalls Ungläubige waren und mindestens so verhasst wie die Amerikaner. Dass auch der Iran später aus taktischen Gründen ab und zu die sunnitischen Taliban unterstützte, zeigt, dass es selbst für die Iraner einen Unterschied zwischen den afghanischen Taliban und Al Kaida gab. Für die Vereinigten Staaten hatte Bin Laden schon mit dem Abzug der Sowjets seinen eigentlichen Zweck erfüllt.

Die USA konnten bis heute keine ausreichenden Beweise vorlegen, dass Osama Bin Laden die Anschläge auf das World Trade Center geplant hat. So wie sie auch keine Massenvernichtungswaffen im Irak gefunden haben, obwohl diese als Grund für den zweiten Irak-Krieg im Jahr 2003 genannt worden waren.

Was die erste Videoansprache Bin Ladens angeht, die die Amerikaner der Weltöffentlichkeit am 13.12.2001 als Schuldeingeständnis Bin Ladens präsentierten, möchte ich einen Experten zitieren, der nicht versucht hat, unverständliche Sätze aus Bin Ladens Videobotschaft für oder gegen ihn auszulegen: Prof. Gernot Rotter, Islamwissenschaftler und Arabist, Asien-Afrika-Institut, Uni Hamburg: "Unabhängig davon, ob Bin Laden selbst, organisatorisch, aktiv in die Anschläge verwickelt war oder nicht: Dieses Band ist von einer so schlechten Qualität, dass es streckenweise überhaupt nicht zu verstehen ist. Und das, was zu verstehen ist, oft aus dem Zusammenhang gerissen ist, dass man daraus kein Beweismittel konstruieren kann. Die amerikanischen Übersetzer, die die Bänder abgehört haben und transkribiert haben, haben offensichtlich an vielen Stellen Dinge hinein geschrieben, die sie hören wollten, die aber so - auch nach mehrmaligem Anhören - nicht zu hören sind."

Ob Osama Bin Laden, nach dem Einmarsch amerikanischer Truppen in Afghanistan, im Höhlenlabyrinth Tora Bora starb, oder ob ihn eine amerikanisches Spezialeinheit erst im Mai 2011 im pakistanischen Abbottabad tötete, ist für den weiteren Verlauf in dieser Region der Erde unwichtig. Genauso, ob die Amerikaner statt Bin Laden einen anderen hätten auswählen können, um ihn der heimischen Öffentlichkeit als Hauptverantwortlichen des Terrors zu präsentieren.

Afghanistan und Pakistan nach dem 11. September 2001

Am 7. Oktober 2001 begannen die Vereinigten Staaten von Amerika mit der Operation „Enduring Freedom“, wie der Einmarsch nach Afghanistan genannt wurde. Man ließ die Nordallianz am Boden für sich kämpfen und unterstützte sie mit massiven Luftangriffen. Der anfänglich starke Widerstand der Taliban brach schnell zusammen, trotzdem gelang vielen die Flucht, vor allem nach Pakistan. Gerade in den paschtunischen Grenzgebieten zu Afghanistan wurden die Taliban mit offenen Armen empfangen, hatte doch viele pakistanische Paschtunen Seite an Seite mit ihnen gegen die Sowjettruppen gekämpft. Auch in den südlicher gelegenen Grenzgebieten Pakistans, in Waziristan und Belutschistan, fanden die Taliban aus den gleichen Gründen Unterschlupf.

Für den pakistanischen Präsidenten und Armeechef Musharraf wurde die Lage nun schwierig. Mit den Worten: „Seid darauf vorbereitet, bombardiert zu werden. Seid darauf vorbereitet, dass es in die Steinzeit zurückgeht“, setzte der damalige US-Außenstaatssekretär Richard Armitage die Regierung Musharraf unter Druck, den Kampf der Amerikaner zu unterstützen. Das hieß für Pakistan, seine Trumpfkarte in Afghanistan fallen zu lassen, die Taliban. Musharraf entschied sich offiziell für die Amerikaner, was prompt innenpolitische Folgen hatte. Ein Teil der Bevölkerung fühlte sich vor den Kopf gestoßen, dass ihre Regierung stellvertretend für die Amerikaner gegen ihre muslimischen Brüder vorgehen sollte. Jahrelang wurde den Pakistanern in der heimischen Presse und in den Moscheen vorgegaukelt, die Taliban seien Freiheitskämpfer, und urplötzlich erzählte man ihnen das Gegenteil. In den paschtunischen Gebieten Pakistans begann sich nun eine neue Bewegung zu gründen: die pakistanischen Taliban, deren verschiedene Gruppierungen sich später zur Tehrik-i-Taliban Pakistan (TTP) zusammenschlossen. Doch für sie war nicht Amerika der Hauptfeind, sondern die eigene Regierung und Armee. Mohammed Omar hatte sich mit seinen afghanischen Taliban in die Gegend um die Hauptstadt Belutschistans abgesetzt; eine andere wichtige Taliban-Gruppe, das Haqqani Netzwerk, nach Waziristan. Es ist nachvollziehbar, warum viele Mitarbeiter innerhalb des I.S.I und der pakistanischen Armee nur zögerlich gegen die afghanischen Taliban vorgingen. Es gab nicht nur jahrelange persönliche Kontakte zwischen den Aufständischen und den pakistanischen Militärs, sondern man hatte auch noch einen Gedanken im Hinterkopf: Es war vielen klar, dass die Vereinigten Staaten nicht ewig in Afghanistan bleiben würden, und für den Fall des Abzuges wollte man die Kontakte zu den Aufständischen nicht völlig abreißen lassen. So kam es, dass sich die afghanischen Taliban auf pakistanischem Boden reorganisieren konnten, so dass ab dem Jahr 2003 die Angriffe auf die in Afghanistan stationierten ISAF-Truppen und die afghanischen Regierungstruppen schlagartig zunahmen. Doch genauso mitverantwortlich für die sich verschlechternde Sicherheitslage waren die internationalen Truppen und die lokalen Stammesführer in Afghanistan. So wurden etliche War-, Drug- und Crimelords mit ihren bewaffneten Milizen immer wieder von der ISAF für kurzfristige, regionale Stabilisierungsbemühungen eingespannt. Dadurch entstand auf Dauer der Eindruck, dass eher der Mann belohnt wird, der die Waffe in die Hand nimmt und nicht der, wie es propagiert wurde, der sie beiseite legt. Seit dem Einmarsch der Alliierten kommen bis zu 90 Prozent des Opiums für den Weltmarkt aus Afghanistan. Auch im Korruptions-Index für 2012 von Transparency International steht Afghanistan wieder an drittletzter Stelle, während Präsident Hamid Karzai jedes Jahr aufs Neue erzählt, sein oberstes Ziel sei die Korruptionsbekämpfung. Was die Geldgeber der Extremisten angeht: In einem durch Wikileaks veröffentlichten geheimen Dokument vom Dezember 2009, unterzeichnet von US-Außenministerin Hillary Clinton, heißt es, dass die wichtigsten Geldgeber von Taliban, Al Kaida und anderen Terrorgruppen aus Saudi Arabien kommen. Da ist es dann schon einfacher, jedes Mal Pakistan für die Probleme in Afghanistan verantwortlich zu machen. Völlige Tatenlosigkeit kann man Pakistan sicherlich nicht vorwerfen. Schon 2004 marschierte die pakistanische Armee mit 80.000 Soldaten in Waziristan ein, um die Taliban und Dschihadisten zu bekämpfen, und hatte dabei Hunderte von Toten zu beklagen. Das Ergebnis war jedoch ernüchternd. Da sich auch die in Waziristan lebenden paschtunischen Stämme angegriffen fühlten, kämpften sie zum Teil an der Seite der Taliban. Nach einem Friedensvertrag im Jahr 2006 stellte sich heraus, dass die Stämme geschwächt und die Taliban gestärkt aus dem Einmarsch der Armee hervorgegangen waren. Das nutzen die Taliban anschließend aus, um sich unliebsamer Stammesführer zu entledigen.

Der Afghanistan Krieg tobt nun auch im Herzen von Pakistan

Ein Wendepunkt im Kampf der pakistanischen Armee gegen die Taliban war das Jahr 2009. Die Vorgeschichte ist der Einzug von etwa 1000 pakistanischen Taliban Mitte 2007 in das Swat-Tal. Etwa 200 Kilometer südwestlich von Gilgit gelegen, gehörte es nicht zu den Stammesgebieten Pakistans, sondern war ein mit Bergen und Wäldern überzogenes, bei Touristen beliebtes Gebiet. Komplette Polizeieinheiten, aber auch paramilitärische Einheiten ergaben sich kampflos den pakistanischen Taliban. Viele begründeten hinterher ihre Entscheidung damit, dass sie nicht gegen ihre Brüder kämpfen wollten. Auch nachdem Ende Oktober die ersten Armeeeinheiten eingegriffen hatten, bekamen die Taliban weitere Städte und Gegenden unter ihre Kontrolle und führten dort die Scharia ein. Erst Ende November 2007, nachdem weitere 5000 Soldaten die 15.000 Polizisten und Paramilitärs unterstützten, gewann das pakistanische Militär die Oberhand und brachte den Taliban schwere Verluste bei. Dann mischte sich die Politik ein, und die pakistanischen Taliban begannen ihr übliches taktisches Katz-und-Maus-Spiel. Immer wieder brachen die Taliban die mit der lokalen Regierung getroffenen Vereinbarungen und fingen wieder an, weitere Gebiete zu besetzen. Der mittlerweile demokratisch gewählte Präsident A.A. Zardari setzte dann dem Ganzen die Krönung auf. Um sich mit einem Friedensvertrag zu profilieren, gestand er den Taliban zu, in der Region Makaland, in der das Swat-Tal liegt, unter Regierungsaufsicht die Scharia einzuführen. Nicht einmal 3000 Extremisten, zu denen sich auch einige Mitglieder von Al Kaida gesellt hatten, hatten ein paar Millionen Menschen nun ihren Willen aufgedrängt. Doch zwei Monate später beugte sich Zardari dem nationalen und internationalen Druck und verwässerte das geschlossene Abkommen mit den pakistanischen Taliban so weit, dass die Taliban wieder zu den Waffen griffen. Doch diesmal ging die Armee von Anfang an entschlossen zur Sache. Die Eliminierung der kompletten Führungsriege der pakistanischen Taliban war das Ziel. Nach zwei Monaten hatten bis zu 40.000 pakistanische Militärs die Taliban aus beinahe allen Orten vertrieben und etwa 2000 von ihnen getötet. Dabei wurde die Armee nun auch von örtlichen Bürgermilizen unterstützt. Ende Juli 2009 kehrten die ersten der etwa zwei Millionen Flüchtlinge zurück.

Etwas später sprach ich mit etlichen Bewohnern des Swat-Tals, und die Aussage eines etwa 50-jährigen Geschäftsmannes spiegelte die allgemeine Stimmung ganz gut wieder: „Vielleicht hatte es auch sein Gutes, dass wir die Taliban in unserem Tal hatten. Bevor sie kamen, sympathisierten viele Bewohner bei uns mit den Taliban. Auch ich wünschte mir einige Male, im Ärger auf unsere unfähige Regierung, die Taliban herbei, damit endlich wieder Ordnung in Pakistan herrscht. Aber nachdem wir sie erlebt haben…“, dann schüttelte er den Kopf, als wollte er die Gedanken an diese Zeit schnell loswerden, und fügte hinzu: „Das war ein Alptraum, ein Alptraum. Ich hoffe, wir alle haben unsere Lektion gelernt.“

Im Juni 2009 kündigte die Armee eine Groß-Offensive in Waziristan an. Zwei Monate später starb der Anführer der TTP (pakistanische Taliban), Baitullah Mehsud, bei einem amerikanischen Drohnenangriff in Waziristan. Die Reaktion der pakistanischen Taliban, die mit bis zu 30.000 Mitgliedern schon zur größten Terrororganisation Pakistans herangewachsen war, waren zum Teil verheerende Selbstmordattentate und andere Anschläge in ganz Pakistan, bei denen hunderte Menschen starben. Doch die Armee ließ sich nun nicht mehr auf ein Stillhalteabkommen ein und marschierte mit 30.000 Soldaten in Süd-Waziristan ein. Im März wurde die Offensive auf Nord-Waziristan ausgeweitet. Zeitgleich gingen die Sicherheitskräfte in anderen Gegenden Pakistans gegen die afghanischen Taliban vor. Das Ergebnis waren etliche Festnahmen ranghoher Taliban, darunter die Nummer zwei der afghanischen Taliban, Abdul Ghani Baradar. Bis Mitte des Jahres 2011 hatte die pakistanische Armee bis zu 150.000 Soldaten an ihrer Westgrenze zu Afghanistan stationiert. Doch die 2430 Kilometer lange Grenze, in zum Teil schwer zugänglichem Gebiet, mit hunderten von Pässen, ist nicht vollständig zu kontrollieren. Der Vorwurf der westlichen Welt, dass Pakistan nicht genügend Anstrengungen im Kampf gegen die Extremisten unternähme, ist grotesk. In diesem Krieg starben bis heute in Pakistan schon mehr Soldaten, Polizisten und Zivilisten als in Afghanistan. Auf General Musharraf, der Pakistan bis 2008 regierte, verübten die Extremisten drei Anschläge, die er überlebte. Weniger Glück hatte Benazir Bhutto, die mit großer Wahrscheinlichkeit neue Präsidentin Pakistans geworden wäre. Am 27. Dezember 2007 wurde sie in Rawalpindi Opfer eines Attentats. In ihrem Fall sind die pakistanischen Taliban jedoch nur einer von zwei Dutzend möglichen Tatverdächtigen. Dazu kommt noch der wirtschaftliche Schaden, denn schon bis zu 50 Prozent der ausländischen Investoren haben sich aus Pakistan zurückgezogen. Auch leben in Pakistan immer noch 1,5 Millionen Menschen in Lagern für afghanische Flüchtlinge.

Das soll nicht heißen, dass die pakistanische Armee darauf verzichtete, sich Optionen für die Zeit nach dem Abzug der Nato-Truppen aus Afghanistan offen zu halten: Nicht betroffen von der Militäroffensive war zum Beispiel ein alter Bekannter, Gulbuddin Hekmatyar und seine Hizb-e Islami Miliz. Seit 2001 war Hekmatyar eine strategische Allianz mit den afghanischen Taliban eingegangen und wurde für eine Reihe von Angriffen auf die Nato-Truppen verantwortlich gemacht. Doch richtete er seine Angriffe nicht gegen den pakistanischen Staat. Dazu kam es im Februar 2010 sogar zu schweren Kämpfen zwischen Hekmatyars Milizen und den afghanischen Taliban in Kunduz (Afghanistan). Einen Monat darauf streckte der afghanische Präsident Karzai seine Fühler aus und traf sich mit Vertretern Hekmatyars. Auch wenn man sich wünschen würde, dass Fortschritt in Afghanistan bedeutet, dass die Infrastruktur weiter in Stand gesetzt wird, das Bildungssystem und ein vertrauenswürdiges Staatswesen aufgebaut werden - die Realität ist, dass man durch Ränkespiele versucht, ein großes Übel durch ein kleineres zu ersetzen. Die Wünsche der hunderttausenden von Mädchen und jungen Frauen, die in den letzten zehn Jahren endlich wieder eine Schule oder Universität besuchen konnten, spielen dabei ebenfalls keine Rolle. Schon jetzt werden still und heimlich die ersten Schulen geschlossen, und als Zugeständnis an die Extremisten hat die Regierung Karzai schon mal bestätigt, dass ein Mann selbstverständlich das Recht habe, seine Ehefrau zu schlagen. Doch auch die USA, angetreten gegen das Taliban-Regime und für die Menschenrechte, versuchen vor ihrem geplanten Abzug aus Afghanistan im Jahr 2014, ebenfalls in Verhandlungen mit verschiedenen Taliban-Gruppen zu treten. Ob das pakistanische Militär, die Regierung Karzai, die US-Regierung oder ihr Militär, jeder versucht einzig seine eigenen Interessen zu verfolgen. Die Bedürfnisse der afghanischen Bevölkerung spielen dabei keine Rolle.

Eine weitere schwere Auswirkung der politischen Instrumentalisierung des Islams in diesem Teil der Erde ist, dass die beiden größten Religionsgemeinschaften Pakistans, die Sunniten und Schiiten, gegeneinander ausgespielt werden. Ob im Sindh oder in Gilgit-Baltistan, bis Mitte der achtziger Jahre lebten beide Gruppen ohne große Probleme miteinander, dann flammten die Gewalttätigkeiten urplötzlich auf. Wer die letzten Seiten gelesen hat, kann sich denken, dass dies kein Zufall ist, und das Jahr 2012 hat gezeigt, dass die Extremisten in Pakistan ihrem Ziel ein weiteres Stück nähergekommen sind. Durch etliche grausame Massaker, vorwiegend an Schiiten, wächst das gegenseitige Misstrauen der beiden Religionsgruppen von Tag zu Tag.

Seit dem Jahr 2004 führt das amerikanische Militär unter der Federführung des CIA auch noch Drohnenangriffe auf pakistanischem Gebiet aus. Erst im Jahr 2012 gab Präsident Obama den Einsatz der Drohnen zu. Dabei werden ferngesteuerte, unbemannte Drohnen vorwiegend in den Stammesgebieten eingesetzt, um Terrorverdächtige gezielt zu töten. Je nach Statistik kamen dabei seit dem Jahr 2004 zwischen 2000 und 4000 Menschen ums Leben. Auch über die Anzahl der getöteten Zivilisten gibt es keine verlässlichen Angaben, da sich keine unabhängigen Beobachter in den betroffenen Gebieten aufhalten. Ob die pakistanischen Militärs die Angriffe inoffiziell billigen, weil sie sie für eine hilfreiche Unterstützung im Kampf gegen die pakistanischen Taliban halten, und nur nach außen hin Beschwerde einlegen, ist nicht von Belang, wenn es um den Hauptschaden geht: Die nach vielen Expertenmeinungen völkerrechtswidrigen Drohnenangriffe auf pakistanischem Boden sind bei der Mehrheit der Bevölkerung verhasst und treiben die Menschen in die Arme religiöser Fanatiker und Parteien. Mit diesen Angriffen sorgen die Vereinigten Staaten vor allen dafür, dass ihnen die Ziele nicht ausgehen werden.

Allein der Krieg in Afghanistan kostet die Vereinigten Staaten mittlerweile 120 Milliarden Dollar pro Jahr, da scheinen die etwa 2 Milliarden Dollar, die die US-Regierung Pakistan für seine Unterstützung im Kampf gegen den Terror bezahlt, eher zwei Tropfen. Vor allem, weil der ökonomische Schaden, den der „Krieg gegen den Terror“ in Pakistan angerichtet hat, um ein Vielfaches höher ist. Doch da Pakistan versucht, mit seinem verfeindeten Nachbarland Indien militärisch mitzuhalten, wird es auch in Zukunft jederzeit von den Vereinigten Staaten erpressbar sein, denn das pakistanische Militär braucht das Geld. Pakistan war und ist für die USA nichts anderes als einer von vielen Spielbällen, die man je nach Bedarf aufnimmt oder weglegt. Der Schlüssel für einen dauerhaften Frieden und ein wirtschaftliches Aufleben in dieser Region liegt nicht bei den Vereinigten Staaten. Er liegt einzig und allein bei Indien. Wegen seiner Größe ist es Pakistan wirtschaftlich und militärisch weit überlegen, und so liegt es bei Indien, auf Pakistan zuzugehen, denn davon würde die ganze Region profitieren. Nur wenn Pakistan zur Ruhe kommt, kann Indien den großen Schritt vom Schwellenland zur Supermacht in Angriff nehmen. Nur wenn das pakistanische Militär aufhören muss, Indien als die größte Bedrohung anzusehen, kann Pakistan endlich seine staatsgefährdend hohen Militärausgaben herunterfahren und das Hauptproblem des Landes in Angriff nehmen, den schleichenden wirtschaftlichen und sozialen Verfall des Landes. Auch Afghanistan könnte ein wenig hoffnungsvoller in die Zukunft schauen, wenn es für die pakistanischen Generäle nicht mehr einzig ein strategisches Rückzuggebiet wäre. Den Einfluss der Vereinigten Staaten und Saudi-Arabiens würden wohl nur wenige Menschen in diesem Teil der Erde vermissen.

P.S Den Beitrag schrieb ich 2012 für mein Pakistan Buch. Auch wenn ich gerade an der Form heute einiges anders schreiben würde, habe ich den Text so belassen (zum Beispiel war Massoud natürlich auch kein "reiner Guter": Er hatte ebenfalls etliche grausame Kriegsverbrechen begangen). Denn ich stehe noch heute voll und ganz zur Aussage des Geschriebenen: Zum Kampf gegen die Sovjetunion in Afghanistan haben die U.S.A ein Monster kreiert, das schnell eigene Ableger schuf , und überliessen es anschliessend den Saudis und der pakistanischen Armee. Heutzutage gibt es soviele Ableger dieses Monsters, dass selbst kleine Krimenelle, die nicht still und leise aus dieser Welt treten wollen, in ihren letzten Tagen den Dschihad entdecken und sich in die Luft sprengen.

00:27 14.09.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

gilmalik

Alles Gute Freitag!
Schreiber 0 Leser 3
Avatar

Kommentare 6

Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community