Ein neues Bewusstsein trotz schwarzer Flüsse

Reportage In der 17-Millionen-Einwohner-Metropole Dhaka in Bangladesch wächst das Bewusstsein für Gesundheit und Umweltzerstörung
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Ein neues Bewusstsein trotz schwarzer Flüsse
Eine Frau holt Wasser aus dem Fluss Buriganga. Doch durch die Industrie ist das Flusswasser stark verschmutzt
Foto: MUNIR UZ ZAMAN/AFP/Getty Images

Dhaka. Von außen betrachtet ist Bangladesch ein wirtschaftlich aufstrebendes Land. Ein Blick ins Innere zeigt jedoch, dass der angerichtete Schaden schockierend hoch ist. Und trotzdem: In einem Park im Herzen des Chaos, lebt einer der vielen unbekannten Helden vor, dass Aufgeben keine Lösung ist.

Der Artikel wurde mit Fotos am 10. Januar im Onlinemagazin Da Hogn veröffentlicht

Ein Dutzend Männer in grünen T-Shirts lacht etwas irre. Andere stampfen mit den Füßen auf den Boden und schreien. Ein etwa 60-Jähriger hangelt an der Klimzugstange und singt in Tenor-Stimmlage. Selbst ein Bangladeschi – von Natur aus lebhaft und emotionsvoll – würde bei diesem Anblick sagen: „Die gehören alle nach Padma“ – wo sich die einzige große Geistesheilanstalt das Landes befindet…

Tatsächlich sitzen hier auch zwei Ärzte, die sich jedoch nur nebenbei um das Seelenheil ihrer Patienten kümmern: „80 Kilo and something“, wendet sich Dr. Rumon Deen angestrengt lächelnd an eine korpulente Morgensportlerin. Dann steigt ihre Freundin auf die Waage – und als ich ihr die Zahl 65 mitteile, strahlt sie stolz: „Vor einem Jahr habe ich noch 72 Kilo gewogen.“ Neben unseren Stühlen walken etwa 600 Morgensportler auf dem 150 Meter langen Rundkurs des Bahadur Shah Parks in der Altstadt Dhakas. „Als junger Medizinstudent bemerkte ich bei meinen Morgenrunden, dass immer wieder ‚Sportler‘ bewusstlos zusammensackten“, erzählt der 40-jährige Arzt und nimmt eine neue Nadel vom Tisch, um einem älteren Mann einen Tropfen Blut für den Zuckertest zu entlocken. „So sitze ich mittlerweile seit 15 Jahren jeden Morgen hier, messe den Blutdruck und die Zuckerwerte.“

"Und? Gibt es Verbesserungen?" „Das Beste ist, dass mittlerweile in allen Parks Dhakas Ärzte sitzen und die Menschen aufklären und beraten. Unsere Bevölkerung hat der sogenannte Fortschritt völlig unvorbereitet getroffen. Mangels Bildung glauben viele immer noch: Ist der Bauch dick und rund, ist alles in Ordnung. Aber das Gegenteil ist der Fall. Diabetes und Bluthochdruck sind die häufigsten Erkrankungen der Mittelklasse.“ Ich teile daraufhin dem Doktor eine positive Feststellung mit: „Noch vor vier Jahren standen um den Park herum vor allem Süß- und Tabakwarenverkäufer. Heute sind nur noch Obsthändler und Kokussnussverkäufer zu sehen.“ „Da ich täglich die Blutwerte und das Gewicht meiner Sportfreunde sehe, kann ich es höchstens als Fortschritt betrachten, dass sie sich nicht mehr direkt neben dem Park die Süßigkeiten reinstopfen“, antwortet der Rumon Deen mit einem Schmunzeln.

Als ich ihn auf die laut lachenden Sportgenossen anspreche, antwortet er mit ernster Miene: „Das Trinkwasser in Dhaka ist verschmutzt (Cholera, Schwermetallen und Arsen). Die Milch ist mit Chemikalien gestreckt. Das Fleisch enthält chemische Rückstände; die chrombelasteten Lederabfälle der Gerbereien werden zu Fisch- bzw. Hühnerfutter verarbeitet; dazu werden die Tiere oft unkundig mit Antibiotika vollgepumpt. Die Luft ist mit Abgasen verseucht. Der Lärmpegel nur mit Taubheit zu ertragen und die Straßen sind derart mit Menschenmassen und Fahrzeugen verstopft, dass jeder noch so kurze Weg eine Ewigkeit dauert. Um das zu ertragen, braucht es einen starken Humor.“

In der 17-Millionen-Einwohner-Metropole Dhaka ist nicht nur die rund vier Millionen Billig-Arbeiter zählende Textilindustrie anwesend. Sondern auch 200 Ledergerbereien, die Chemie- und Pharmaindustrie sowie hunderte, kleine Fabriken, die ebenfalls billig produzieren können, weil Arbeitsschutz und Umweltauflagen nur auf dem Papier existieren.

Die Geschichte des Bahadur Shah Parks passt zur aktuellen Situation: Im Jahr 1858 ließen die britischen Kolonialherren der Ostindien-Company hier Meuterer des fehlgeschlagenen Sepoy-Aufstandes öffentlich aufhängen. Bis heute hält sich der Mythos, die Kolonialherren hätten dem Subkontinent einzig und allein die Schulen und die Eisenbahn hinterlassen. Doch dies waren – ähnlich wie bei Hitlers Autobahn die Arbeitsplätze – nur Nebenprodukte. Den Briten diente die errichtete Infrastruktur dazu, die Rohstoffe außer Landes zu schaffen und diesen Teil der Erde zu kontrollieren. Bis die Ostindien-Company den Subkontinent betreten hatte, war auch die Gegend des heutigen Bangladeschs Teil der größten Baumwoll-Industrie der Erde. Knapp 200 Jahre später mussten die „Inder“ Kleidung aus Manchester kaufen, die unter anderen mit ihren Rohstoffen hergestellt wurden.

1947 hinterließen die Kolonialherren nicht nur einen geteilten, ja gespaltenen Kontinent – Pakistan, Ost-Pakistan (heute: Bangladesch) und Indien -, sondern auch das Parasiten-System, mit dessen Hilfe sie den Kontinent regiert hatten: Zwischen dem Erzeuger eines Produktes und dem Endverbraucher standen so viele private und staatliche Handaufhalter, dass der eigentliche Hersteller am Ende beinahe leer ausging. Da die meisten Inder aufgrund der zerstörten und veralteten Industrien in der Landwirtschaft Zuflucht suchten, reichten die Einnahmen der Bauern kaum zum Leben. Selbst zu Zeiten von Hungersnöten wurde noch Weizen aus Indien exportiert.

In den Familienparteien Bangladeschs und Pakistans (die pakistanische Armee ist eine eigene Art Familienunternehmen) lebt dieses System bis heute weiter, denn die jeweiligen Landesführer sind vor allem Interessenvertreter der Landlords und großen Geschäftsleute. Der Beamtenapparat ist voll mit politischen Günstlingen ohne größere Kenntnisse über ihre eigentlichen Aufgaben. So verschwindet der Haupterlös des 20-jährigen Wirtschaftswachstums in Bangladesch in den Taschen weniger, anstatt den Gewinn dafür zu verwenden, Infrastruktur und Bevölkerung auf eine Zukunft ohne Billigproduktion vorzubereiten.

Ein Auflehnen des kleinen Mannes wird in der Regel durch Polizei, Geheimdienste oder parteitreue Schlägertrupps zunichte gemacht – davon zeugen hunderte von Menschen, die jedes Jahr in Bangladesch spurlos verschwinden. Genauso wie der Fall des Nobelpreisträgers Muhammad Yunus, der als Seiteneinsteiger politisch aktiv werden wollte, jedoch von der amtierenden Ministerpräsidenten Hasina Wajed regelrecht kaltgestellt wurde.

Was die Zahlen des Human Development Index angeht, die Bangladesch bescheinigen, Indien in vielen Bereichen bereits überholt zu haben, zitiere ich eine Frau, die seit 15 Monaten eine NGO leitet, die Daten über das Gesundheitswesen sammelt: „In meinem Bereich sind die Regierungszahlen zu 99 Prozent erlogen.“ Dass die NGO-Leiterin ihren Namen nicht öffentlich geschrieben sehen möchte, verwundert dabei nicht. In diesem Monat hat das Parlament ein Gesetz verabschiedet, das Kritik an der Regierung unter Strafe stellt – die Hälfte der Abgeordneten dieses Parlaments wurde ohne Gegenkandidaten gewählt. Dass die hiesige Bevölkerung lieber die Krankenhäuser Indiens aufsucht, gibt einen Hinweis auf das Warum…

Dass westliche Regierungen die Einfuhr von Produkten zulassen, die unter schädlichen Bedingungen für Mensch und Natur hergestellt werden, und ein korruptes System wie in Bangladesch dulden, zeigt, dass sie nicht wirklich global denken. Sie halten stattdessen einzig und allein an einem System fest, dass die Probleme mit Zins und Zinseszins in die Zukunft verschiebt und eine Steigerung des Wirtschaftswachstums um jeden Preis verlangt.

Wenn Aufklärungsarbeit doch einmal dazu führt, dass deutsche Firmen kaum noch Leder in Hazaribagh einkaufen (laut dem Schweizer Grünen Kreuz der fünfverseuchteste Ort unserer Erde), geht es eben „hinten rum“: Nun sind die Chinesen die größten Ledereinkäufer der Gerbereien Dhakas – und Deutschland der größte Einkäufer von in China hergestellten Lederschuhen. Dazu beliefern deutsche Chemie-Unternehmen die Gerbereien Dhakas. Die Schäden, die dieses System an Mensch und Natur anrichtet, wird die Weltgemeinschaft weitaus mehr kosten als der kurzfristige Profit.

Laut einer Studie der WHO wird Dhaka für den Menschen unbewohnbar sein, wenn die Verschmutzung der Flüsse der Metropole durch die heimischen Industrien so weitergeht. Langfristig könnte Bangladesch durch den steigenden Meeresspiegel 20 Prozent seiner Fläche als Lebensraum verlieren, was bis zu 30 Millionen Flüchtlingen führen könnte, wie Wissenschaftler warnen. Dabei wäre das Land durch sein riesiges Flussdelta durchaus in der Lage auf den Klimawandel zu reagieren, wenn die Korruption nicht die Mittel „auffressen“ würde.

Doch gibt es auch in Bangladesch unbekannte Helden wie jenen Doktor im Bahadur Shah Park, die sich nie Fragen, ob es schon zu spät ist: „Es braucht Geduld, um das Bewusstsein der Menschen zu ändern“, sagt er zum Abschied mit einem Lächeln. Dass auch hier ein neues Bewusstsein heranwächst, deutet die „naiven“ Fragen eines jungen Morgensportlers an, eines Studenten aus der Tee-Gegend Sylhet: „Warum bekomme ich für ein Kilo Tee, in dem so viel Arbeit steckt, keinen Computer als Gegenwert? Warum müssen unsere Menschen stattdessen Dinge produzieren, die unser Land zerstören – und können sich vom Lohn am Ende doch keinen Computer leisten?“

04:22 12.01.2017
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

gilmalik

Alles Gute Freitag!
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