Pakistans Mittelklasse rennt davon

Korruption Es gibt Skandale die sind so groß, dass man nach dem ersten Aufschrei lieber so tut, als sei nichts gewesen. So geschehen im April in Pakistan im Fall Bahria Town.
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Es gibt Skandale die sind so groß, dass man nach dem ersten Aufschrei, lieber so tut, als sei nichts gewesen. Denn das eigentlich schockierende ist manchmal nicht der aufgedeckte Skandal, sondern das was er über den Zustand eines Landes aussagt. So geschehen im April in Pakistan im Fall Bahria Town; die eigentlichen Übel des Landes liegen abseits der medienwirksamen Schlagzeilen über Taliban, Bomben und Jihadisten - die positiven Dinge jedoch auch.

Im Innern des bröckelnden Kolonialgebäudes in der Nähe des Empressmarktes in Karatschi grinst mich der Teekoch herzlich an. Mein Daumen steht immer noch oben, als Lob für sein Gebräu. Seine Freude ist ehrlich, genauso wie die Langweile der beiden jungen Kellner. Auch der plötzliche Wutausbruch des Chefs kurz darauf in Richtung seiner plaudernden, schlecht bezahlten Angestellten. Genauso seine anschließende Resignation, da er weiß, dass er seine beiden Cousins eh nicht entlassen darf. Unmotiviert setzen die sich in Bewegung, der eine reinigt halbherzig den Tisch mit einem dreckigen Lappen, der andere stellt zwei älteren Herren die Tassen so ungeschickt auf den Tisch, dass der Tee überschwappt. Wie die anderen Gäste tragen die älteren Herren abgetragene Jackets aus den 70er Jahren und würdige Mienen – durch die jedoch offene Zuneigung für ihre Tischnachbarn bricht.

Mir gegenüber sitzt ein Finanzberater, der tagsüber in einem der hohen Glaskästen der Megametropole arbeitet, aber immer noch um die Ecke in seinem Geburtshaus lebt. Seine Familie drängt ihn schon seit Jahren, der Verwandtschaft nach Amerika zu folgen. „Ich liebe Pakistan, verstehst du das?“, sagt Ali dann jedes Mal zu mir. Wer raus auf die Straße schaut, wo sich eine Blechlawine durch die Straße hupt, müsste dies sofort verneinen. Erst recht wenn man dann in einem der verbeulten Busse den schwarzen Lyari Fluss überquert und beißender Gestank Tränen in die Augen treibt. 20 oder 22 Millionen Menschen leben mittlerweile in Karatschi, so genau weiß das niemand, täglich strömen tausende mehr dazu. Schon jetzt kann der Staat nach eigenen Angaben nur 50 Prozent der Bewohner Karatschis mit Trinkwasser versorgen, Stromausfälle bis zu 18 Stunden am Tag, gerade im Sommer, sind normal. Laut einer Studie des Max Planck Instituts ist Karatschi die Megametropole mit den meisten Toten wegen Luftverschmutzung. Das wichtigste Erholungsgebiet Karatschis, der Strand von Clifton, ist auch 13 Jahre nach dem Untergang des Öltankers Tasman schwarz, obwohl die Betreiber die Regierung finanziell entschädigt hatten. Das Hafenwasser ist hochgradig kontaminiert. Schwerbewaffnete Rangers, eine Sondereinheit der pakistanischen Armee, patrouilliert seit einem Jahr durch die Straßen; nur durch sie konnte die Zahl von jährlich 3.000 Auftragsmorden und bis zu 20.000 täglichen Straftaten gesenkt werden. Die politischen Verantwortlichen, die die kriminellen Bandenführer kontrollieren, sind jedoch weiterhin auf freiem Fuß. Trotzdem nicke ich Ali jedes Mal zu. Denn es ist nicht das korrupte Staatsgebilde Pakistan das er meint, sondern diese warmherzige Atmosphäre, die die Mehrheit der Menschen des Landes verbreitet – in Mitten des Dauerchaos. Es ist Dezember und das heißt in Pakistan: Etwas mehr Strom, aber kaum Gas. „Nochmal“, leitet Ali emotional ein: „Es war vollkommen richtig, den Stromsektor in Karatschi zu privatisieren. Staat heißt in Pakistan nur: Missbrauch von Macht zum eigenen Vorteil und dass die meisten Staatsjobs an Günstlinge vergeben werden, ohne Rücksicht auf fehlende Qualifikation. Meine Wohngegend hat nun fast immer Strom, weil wir unsere Rechnungen bezahlen. Dieses Prinzip werden die neuen privaten Betreiber auf ganz Karatschi ausbreiten und dort mit der Modernisierung der Infrastruktur beginnen, wo der Strom nicht mehr gestohlen wird.“ Ali ist einer dieser vielen tausend Menschen in Pakistan, die – egal wie schlimm es aussieht - immer nach Lösungen suchen. „Unser Freund Sharjeel hat mal wieder einen bekannten Politiker in eine Regierungsschule geschleppt, damit dieser dort aus einem Buch vorließt. Der Herr war vollkommen schockiert, unter welchen Bedingungen die Schüler lernen müssen. Diese Menschen haben keine Ahnung wie ihr eigenes Land aussieht, wir müssen die Menschen zusammen bringen!“.

Dann kam der April und die pakistanische Zeitung the dawn veröffentlichte einen Artikel über das Wohnprojekt Bahria Town im Norden von Karatschi, wo der Bauunternehmer und Milliardär Malik Riaz eine eigene kleine Stadt für 500.000 Menschen aus dem Boden gestampft hat. Im kleinsten Detail zeigten die Journalisten Fahim Zaman und Naziha Syed Ali auf, dass die ganze Unternehmung auf Korruption und Vertreibung gebaut wurde, und alle steckten sie mit drin: Vom kleinen Polizisten und mittleren Beamten über führende Politiker und Ex-Generäle. Staatsland wurde illegal an Riaz verkauft, Dörfer plattgemacht, die Bewohner vertrieben und wer aufmuckte, bekam auch schon mal eine Anzeige nach den Gesetzen der Anti-Terror-Bekämpfung. Dazu wurden alle Hauptstraßen, Abwasserkanäle, Boulevards und Brücken der Siedlung aus dem klammen Staatshaushalt bezahlt. Das Wasser, welches in Bharia Town 24 Stunden am Tag aus der Leitung fließen soll, wird aus dem eh schon knappen Reservoir der Menschen Karatschis abgezapft. Zuerst ging ein Aufschrei durch die Leser Gemeinde, doch dann merkten die ersten etwas: Da geht es um meine Rettung aus dem Schlamassel, auch ich habe mir schon dort eine Wohnung gekauft! Einige verteidigten Malik Riaz: Er schaffe wenigstens Wohnungen, während der Staat auch darin völlig versage. Dazu ist Malik Riaz einer der größten Steuerzahler seines Landes, im Gegensatz zu seinen Milliardär Kollegen Nawaz Sharif, aktueller Ministerpräsident, und dessen de facto Vorgänger Asif Zardari. Riaz scheint sich jedenfalls sicher zu fühlen, denn freimütig erklärte er, das alles in Pakistan was Rang und Namen hat, auf seiner Bestechungsliste stehe und setzte hinzu: „Wenn sie den Betrag meines höchsten Bestechungsgeldes wüssten, würden sie einen Herzinfarkt bekommen. “Seit dem dawn Artikel herrscht eisiges Schweigen über dieses Vorzeige-Fortschritts-Projekt der freien Wirtschaft.

Wer schon einmal bei schwülen 40 Grad, verpesteter Luft und Dauerlärm versucht hat, unter ständigen Stromausfällen konzentriert zu arbeiten, hat eine Vorstellung, wie es der Mittelklasse Pakistans geht. Viele von ihnen glauben nicht mehr an ein Neues Pakistan, sie flüchten in eigene kleine Festungen namens Bharia Town – mit Wachschutz, Grünanlagen, Strom, Wasser und vielen Annehmlichkeiten mehr. Selbst in Pakistans Hauptstadt Islamabad, wird gerade ein Bahria Town gebaut. Bis jetzt war die schachbrettartig aufgebaute Hauptstadt der Fluchtort für alle die es sich leisten können, und man dachte, die imaginäre Mauer des Geldes würde ausreichen, um unter sich zu bleiben. Doch in Pakistan steht vor allen der Staat dauernd vor dem Bankrott; da nicht einmal eine Millionen Pakistaner Einkommenssteuer zahlt, von 200 Millionen Einwohnern, ist viel Geld in privaten Händen vorhanden und so kamen immer mehr nach Islamabad.

Durch die Aufdeckung des Skandals um das Projekt Bharia Town kam auch der Mord im Jahr 2013 an der Bürgerrechtlerin Perween Rahman wieder ins Licht. Wie viele andere Aktivisten wurde sie nicht von religiösen Fanatikern getötet, sondern weil sie korrupten Machenschaften in die Quere kam; in ihrem Fall waren es die, der Landmafia von Karatschi. Perween Rahman setzte sich auch für die Rechte der Dorfbewohner um Karatschi herum ein, weil sie voraus sah was Projekte wie Bahria Town anrichten würden. Sie wurde auch nie müde zu sagen: „Fortschritt kommt nicht durch Beton, er kommt durch menschliche Entwicklung!“

Aly, ein befreundeter Lehrer, der mit seiner Frau eine kostenlose Schule für 250 materiell arme Kinder aufgebaut hat, ist ein weiterer dieser unbekannten Helden: „Ich möchte dass meine Schüler auch lernen, was es heißt, ein Bürger seines Landes zu sein“ sagt er des Öfteren. Auch Alys Zuneigung zu den Menschen konnte nur entstehen, weil er mit ihnen lebte. Aber wo sollen die neuen Alys herkommen, wenn die Kinder der neuen Mittelklasse abgeschottet vom Rest der Gesellschaft aufwachsen? Wie soll sich der allein gelassene Großteil der Gesellschaft entwickeln, wenn der Staat nicht einmal halbwegs anständige Schulbildung zur Verfügung stellt? In Pakistan füllen vor allen Religiöse die Lücke und bieten kostenlosen Unterricht in ihren Madrasas an – fast alle afghanischen Taliban stammen aus solchen Religionsschulen in Pakistan.

Pakistan steckt so tief im Schlamassel, das jeder noch so gut gemeinte, theoretische Masterplan, an den Realitäten scheitern würde. Das Establishment und die politische Elite ist korrupt bis über beide Ohren und die einzige politische Hoffnung Imran Khan von Korrupten umgeben, dazu tritt er von einem Fettnäpfchen ins nächste. So wird es ohne Teilprivatisierung in Pakistan nicht gehen. Wie die des Strommarktes in Karatschi werden sie nicht das Leben der materiell Ärmsten erleichtern, aber Helfen, dass nicht die komplette Mittelklasse davon rennt. Dazu passiert in Pakistan beinahe unbemerkt gewaltiges: Tausende kleine soziale Projekte, die ihre nähere Umgebung grundlegend ändern: Frauen werden in Entscheidungen eingebunden und plötzlich werden Brunnen nicht mehr in der Nähe der Moschee gebaut, sondern in der Mitte des Dorfes. Das Orangi Pilot Projekt in Karatschi, an der die ermordete Perween Rahman mitwirkte, verbesserte sogar die Sanitären Einrichtungen für 100.000e, die sonst vom Staat vergessen werden.

Ein befreundeter Staatsanwalt gründete eine kostenlose Grundschule in seiner ländlichen Nachbarschaft und schickte auch seinen Sohn dahin. Seine Verwandtschaft folgte (zähneknirschend) dem Familienoberhaupt. „Nicht die teuerste Schule Pakistans kann meinem Sohn beibringen, was er in diesen 6 Jahren, mit den Nachbarskindern aus einfachen Verhältnissen, für sein Leben lernen wird!“

Hoffentlich wieder ein paar mehr, für die wichtigste „Institution“ eines Landes: Den aktiven Teil der Zivilgesellschaft.

23:53 27.05.2016
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Geschrieben von

gilmalik

Alles Gute Freitag!
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