Auf Durchzug schalten

Bequemer Alltag Wie war das früher? Heiße Sommer, schwitzende Kollegen im Büro. Und die quälende Frage, in welche Richtung dreht man nun den Ventilator. Eine Erinnerung

Zuerst muss man der Sommerhitze, wenn sie denn dieser Tage nicht schon überstanden oder überhaupt erstmal aufgetaucht ist (!), etwas entgegen halten. Jene nämlich, die sich während der heißen Monate nicht auf eine Insel mit kühler Meerbrise, an die Ostsee oder in das frische Grün einer Alp zurückziehen können, sitzen wahrscheinlich bei der Arbeit, womöglich in einem Büro. Vielleicht sogar in einem Großraumbüro mit anderen schwitzenden Menschen und heißlaufenden Rechnern.

"Die Luft steht", kommentiert mancher genervter Mitarbeiter das Büroklima in solch brenzligen Situationen. Ein Ventilator gelobt da Besserung. Dieses Gerät, so wusste das Brockhaus Conversations-Lexikon bereits 1809, "ist eine Vorrichtung, durch welche aus eingeschlossenen Räumen (z.B. Zimmern, Hospitälern, auf Schiffen etc.) die verdorbene Luft hinweggeschafft, und dagegen frische hereingebracht wird." Eine mechanische Variante des Ventilators wurde bereits 1704 erfunden, von Stephen Hales, tätig als Physiologe, Physiker und Pfarrer; patentiert hat den elektrisch betriebenen Ventilator ein irischer Amerikaner mit einer nicht minder turbulenten Biografie erst gut 200 Jahre später.

Das Inferno fängt im Büro an

Einer Windmaschine gleich bläst dieses Gerät seither in meditativ kreisenden Bewegungen Luft in den Raum. Keine frische Luft zwar, aber immerhin Luft. Steht der Ventilator ideal und bläst er in der richtigen Stufe, erinnert der Luftzug an eine leichte Meeresbrise.

Auf bedrohliche Weise berühmt wurde das Gerät durch eine Filmszene aus Coppolas Apocalypse Now. Man hört den Lärm der Hubschrauber, und das Inferno verwandelt sich durch eine Montage in das Gesicht von Captain Willard, der auf den Ventilator über sich in seinem Hotelzimmer starrt.

Im wahren Leben kann die Hölle im Büro anfangen. Jeder, der in einem sitzt, weiß das zu berichten: Das Gerät steht zu seinen Ungunsten. Kaum in Betrieb gesetzt (natürlich in vorsichtiger Absprache mit allen Betroffenen), kommt das Gerät gleich wieder unter Beschuss, und es teilt die Arbeitenden immer in zwei Lager. "Bitte nicht in meine Richtung" ruft jener abwehrend, der direkt daneben sitzt. "Ich bin erkältet" eine andere, die gleich demonstrativ Taschentücher auspackt und "Achtung, meine Papiere" jene, die zu spät aus dem Konferenzraum herbeispringt und hektisch ihrem einst säuberlich geordneten Stapel hinterher rennt.

Die leichte Brise, den diese Windmaschine bestenfalls bringt und die die Hitze erträglich machen soll, kann schnell zum Sturm ausarten, der die schwelenden Konflikte des ohnehin fragilen Mikroklimas im Großraumbüro in einer beinahe poetischen Gleichgültigkeit an die Oberfläche weht. Wage es einer, das Gerät als Erster anzustellen!

Erfolg mit der Inbetriebnahme des Geräts wird meist der oder die Dienstälteste haben; Neulingen sei geraten, sich davor zu drücken, geschweige denn es überhaupt anzuwerfen. Sowieso verfluchen alle doch lieber den Chef, der einem kein Hitzefrei gewährt und der womöglich sowieso gerade im Urlaub ist. Der sich von der echten Brise umwehen lasssen kann.

Doch mit dieser Legende sei hier nun ein für allemal aufgeräumt: Hitzefrei? Das ist für die arbeitenden Menschen im 21. Jahrhundert nur noch eine wehmütige Erinnerung an die Schulzeit. Denn anders als in den Schulen gewisser Bundesländer gibt es mittlerweile für Arbeitnehmer bei außergewöhnlich heißen Temperaturen nicht automatisch Hitzefrei.

26 Grad, das ist die magische Grenze eines Büroklimas, wird es wärmer, soll der Arbeitgeber sich kümmern, bei über 30 Grad müsse er etwas unternehmen, bei über 35 Grad sei der Arbeitsplatz längerfristig für regelmäßige Arbeit ungeeignet, erklärt Christoph Schmitz-Scholemann, Pressesprecher des Bundesarbeitsgerichts in Erfurt, die Richtlinien, die in Paragraf 618 des BGB festgehalten sind.

Eine Sollvorschrift also, für die kein Rechtsanspruch gilt. Das Arbeitsgesetz schlägt den Chefs für solche Situationen diverse geeignete Maßnahmen vor, beispielsweise geschlossene Jalousien, flexiblere Arbeitszeiten, einen gelockerten Dresscode oder eine "Luftdusche".

Was das Gesetz romantisch als Luftdusche formuliert, bedeutet in der Praxis: banaler Durchzug, Aircondition oder eben jenes Klimagerät einsetzen, das immer jemandem in die Quere kommt. Und doch, trotz der Hürden und der komplizierten Bedingungen, unter denen der Ventilator sein Dasein fristet, ist er heiß begehrt und regelmäßig bei längeren Hitzeperioden ausverkauft. Ja, die Schlagzeile "Ventilatoren ausverkauft" gilt hierzulande schon als ein Gradmesser besonders heißer Zeiten.

Wobei man sich – wie bei allen Anschaffungen – auf ein gutes Gerät verlassen sollte. Denn elektrische Geräte können den Raum auch noch mehr aufheizen als einem lieb ist. Und vor allem: Ein Ventilator kühlt nicht wirklich, es fühlt sich nur danach an.

Als würde man Fahrrad fahren

Zwar lässt der Ventilator die Luft zirkulieren, damit wird Luft ausgetauscht, aber das funktioniert nur, wenn die Temperaturen zwischen den Körpern der arbeitenden Menschen und der Raumluft im Büro unterschiedlich sind. Die Wirkung ist im Prinzip dieselbe, als würde man mit einem Rad einen Berg hinunter fahren.

Diese Vorstellung ist angenehmer als die, unfreiwillig in einem Büro zu sitzen, das sich schnell in eine Sauna verwandeln kann, in der man sich mit bekleideten, aber schwitzenden und mit Rechnern, Druckern und Telefonen ausgerüsteten Mitmenschen herum plagen muss – und dann soll man auch noch denken.

Dies ist der dritte Teil einer losen Reihe, konzipiert von Gina Bucher, in der die Autorin erzählt, wie sich unser meist revolutioniert, selten verkompliziert hat. In kleinen Essays erfahren wir, was wir mit diesen Geräten tun oder was wir lassen sollten. In der nächsten Folge geht es um die Knoblauchpresse.Alltag durch Haushaltsgeräte verändert

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15:15 10.08.2011
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Ausgabe 42/2021

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