Gina Bucher
06.02.2011 | 15:00 3

Bloß nicht zu streng sein!

Selbstversorgung Städte im Übergang: Die internationale Transition-Town-Bewegung will Kommunen, auch in Deutschland, auf einen Alltag ohne Erdöl vorbereiten – mit kleinen Schritten

Auf dem aufgerollten Stadtplan ist der Kiez rund um die Reichenbergerstraße in Berlin-Kreuzberg mit vielen farbigen Punkten versehen. Die roten, grünen und blauen Punkte stehen für Ideen, wie man die Welt verändern kann – sie reichen von sehr konkreten bis zu sehr utopischen Vorstellungen. Ein blauer Punkt etwa steht für die Idee einer Waschstraße für Fahrräder, ein anderer dafür, den Biomüll der Läden im Kiez zu Humus zu kompostieren.

Die grünen Punkte sind „Projekte in Transition“, also solche, die sich von einer reinen Idee langsam in die Wirklichkeit verschieben. Etwa der Aufbau einer Carsharing-Gemeinschaft oder eines Bioladens. Die roten Punkte dagegen markieren neu-ralgische Zonen. Das Spreewaldbad ist etwa mit einem roten Punkt markiert, das Hallenbad soll eine Energieschleuder sein. Der Energiewende-Aktionsplan, wie ihn die Kiezwandler SO36 nennen, liegt auf den Dielen ihres Treffpunkts, dem „Weltraum“.

Zahlreichen Projekten und Ideen ist der Weltraum an der verwunschenen Quartierstraße in Kreuzberg eine Heimat. Die Gruppe, die sich regelmäßig hier trifft und am klima-neutralen Buffet ihre Ideen diskutiert, nennt sich Kiezwandler SO36. Sie sind eine kleine Gruppe, die sich zur Transition-Town-Bewegung zählt. In Deutschland nennt man sie auch Energiewende-Initiativen, zurück geht die Idee der Transition Towns auf den Iren Rob Hopkins. Er schrieb ein Handbuch für all jene, die die gleiche Sorge umtreibt: Wie kann man sich auf Dauer vom Erdöl emanzipieren, auf erneuerbare Energien setzen und vor allem weniger Energie verbrauchen? Wie kann man die Regionalwirtschaft stärken und die nationale Politik von unten mitbestimmen? Seither vereint das Transition-Town-Netzwerk (transitionnetwork.org) diverse Nachhaltigkeitsinitiativen in Großbritannien, Europa, den USA und Australien. Sie alle setzen sich für den Übergang in das postfossile Zeitalter ein und entwerfen Visionen im Kleinen zur Vorbereitung der großen Veränderung, die alle treffen wird, wenn das Öl einst nicht mehr fließt.

Ein Traum: Selbstversorgung

„Städte im Übergang“ – auch Kieze, Kommunen oder Dörfer – sind all jene, die sich auf diese Energiewende rechtzeitig vorbereiten. Passieren soll das auf möglichst vielen kleinen Schauplätzen, sei es in den eigenen vier Wänden, im Kiez, in der Stadt. Als kommunale Bürgerinitiativen wollen sie sich aktiv darum kümmern, dass sich in ihrer Stadt energietechnisch etwas ändert – sich einzelne Haushalte, Kieze und ganze Kommunen von großen Energiekonzernen unabhängig machen, eigene Systeme etablieren, alte Kulturtechniken wieder aneignen oder gar Selbstversorgung aufbauen.

„Transition lässt Spielraum“, erklärt Rahel Schweikert, ein Gründungsmitglied des Weltraums. Sie bringt damit die Stimmung der Kiezwandler auf den Punkt: Irgendwo zwischen total hippie und ganz vernünftig fühlen sich die Vorbereitungen auf die Energiewende an. Wohl sitzt da ein salatknabberndes Klischee in der Ecke – und doch werden die Vorstellungen nie fundamental verstanden: Für gewisse Transporte braucht es nach wie vor ein Auto? Kein Problem, aber wenigstens teilen könnte man es sich.

Ausprobiert hat Vordenker Rob Hopkins das Energiewendekonzept selber in der süd­englischen Stadt Totnes mit knapp 8.500 Einwohnern. Seit einigen Jahren gibt es auch in Deutschland ein paar Transition Towns, etwa in Bielefeld oder Göttingen. In Berlin gibt es derzeit zwei Initiativen; seit 2008 eine in Friedrichshain, seit 2009 die Kiezwandler SO36. Gemeinsam ist ihnen das Vorbild der englischen Transition Towns und die Vision von der großen Veränderung durch das Engagement im Kleinen. Sie träumen von flächendeckenden Dachgärten, erarbeiten einen Energiewende-Aktionsplan für die nächsten 15 bis 20 Jahre, initiieren Holzvergaseröfen oder auch nur einen Kompost im Hinterhof. Und sie versuchen, möglichst viele Gleichgesinnte zu finden.

Die rund 50 Interessierten, die regelmäßig in Kreuzberg zum „Grünen Dienstag“ oder anderen Veranstaltungen zusammen kommen, organisieren sich in Gruppen, um einzelne Projekte zu verwirklichen. „Oh Mangold, sehr schön“, freut sich eine Frau und erklärt einer anderen, wie man das Gemüse lecker zubereiten kann. Sie steht vor einem Holzregal im Nachbarschaftsladen des Weltraums, im Regal die wöchentliche Lieferung aus dem „Löwengarten“.

Einmal die Woche Gemüse

Immer donnerstags holen hier die 23 am Nachbarschaftsladen beteiligten Familien ihr Obst und Gemüse ab, das in einem Betrieb im Spreewald biologisch-dynamisch angebaut wird. Simon Junge, der Bauer, rechnete Anfang des Jahres aus, wie viel Geld er für ein Wirtschaftsjahr braucht, um die Familien versorgen zu können. Im Moment sind es rund 60 Euro pro Haushalt. Die Mitglieder bezahlen einen monatlichen Beitrag und bekommen dafür Gemüse und Obst der Saison. Sie nehmen, soviel sie brauchen – und bezahlen, soviel sie können. Im Sommer gibt es neben Mangold und Rhabarber jede Woche eine Gurke pro Haushalt, einen bis zwei Salatköpfe und einen Bund Schnittlauch pro Person. Im Winter liegen rote Beete, Sellerie, Weißkohl, Petersilienwurzeln und Kürbisse im Regal. Wer will, dem gehört außerdem ein Huhn im Hühnerstall von Junge – das übrigens im Winter keine Eier liefert. Eine Gelegenheit, den Kindern zu erklären, dass Hühner nicht ständig Eier legen, wie das Supermärkte einen gern glauben lassen.

„Nicht alles ist bio, aber alles ist regional“, erklärt Rahel Schweikert das Prinzip des Nachbarschaftsladens. Wohl kommt das Gemüse per Lastwagen vom Spreewald nach Kreuzberg, doch wichtig ist, dass sich Einkaufsgemeinschaften bilden, damit regionale Kreisläufe entstehen, die möglichst direkt, ohne Zwischenhändler und mit kurzen Transportwegen funktionieren. Die quirlige 41-Jährige sprudelt regelrecht, wenn es um die neuesten Ideen und Projekte des Weltraums geht: Gerade hat sich eine Mobilitätsgruppe für einen autofreien Kiez zusammengefunden, im benachbarten Görlitzer Park werden demnächst neue Obstbäume gepflanzt, und eine Gruppe versucht, ihre Nachbarn von Ökostrom zu überzeugen.

Auch wenn die große Energiewende noch weit entfernt sein mag, Möglichkeiten, sich im Kleinen zu engagieren, gibt es im Weltraum genug. So mancher Besucher dürfte sich den Zettel am Eingang daher durchaus zu Herzen nehmen – auch als Metapher, mehr auf die Kleinigkeiten zu achten. Auf dem Zettel steht: „Bitte Blumen und Erdbeeren gießen.“

Gina Bucher, 32, will im Frühjahr auch einen Kompost in ihrem Berliner Innenhof anlegen

Kommentare (3)

konyhakert 06.02.2011 | 17:39

schön, hier von den transition towns zu lesen, gerade von den mir bekannten.

viel hinzuzfügen hab ich erst mal nicht. nur so viel meinen ersten kompost im hof habe ich schon vor 3 jahren angelegt, nach allen regeln der kompost-kunst. er stand keine zwei wochen. wurde weggeräumt mit dem hinweis daraquf, daß komposte ratten anziehen würde. daß das gar nicht wahr ist, wenn man den kompost richtig anlegt und kein gekochtes draufschmeißt zb., wurde nicht gelten gelassen. als erstes war übrigens der kompostbehälter weg, schon ein paar tage nach dem aufstellen.
daran erinnerte mich der artikel gerade. ist aber eigentlich nur eine randnotiz. zeigt aber auch, wie schwierig es ist, in einer "normalen" nachbarschaft und mit hausverwaltungen oder hauseigentümern überhaupt irgendetwas zu bewegen.

Thomas Oberländer 07.02.2011 | 14:32

So ein frustrierendes Erlebnis zeigt, daß man in dem Umfeld, in dem wir leben, alleine fast nichts bewirken kann.

Das schöne an der Transition-Town-Idee ist, daß man an der Stelle nicht aufgeben muss: Meine Hausverwaltung stellt sich blöd an? Na gut, bringe ich meinen Kompostmüll einem Nachbarn, der bei TT mitmacht, und der kompostieren darf. Der kompostiert dann für mich mit.
Und vielleicht laden wir gemeinsam die "normale" Hausverwaltung zur Kompostbesichtigung ein, damit sie sehen kann, daß da nichts stinkt und keine Ratten rumlaufen. Und ein Zettel, der vorrechnet, wie viel Nebenkosten man sparen kann, wenn man durchs Kompostieren Mülltonnen abmelden kann, überzeugt vielleicht auch den einen oder anderen Nachbarn.

Schade, daß mein Hinterhof-Kompost so weit von Berlin weg ist, sonst wären Sie gerne zum gemeinsamen Kompostieren eingeladen.