Immer in der Zeit

Uhrmacher Der Schweizer Ort La Chaux-de-Fonds, einst Vorbild der Industrialisierung, rettet seine Handwerkstradition in die globalisierte Zeit: Produziert wird in Manufakturen

Hoch oben auf dem nebelverhangenen Geländekamm zwischen Le Locle und La Chaux-de-Fonds ticken die Uhren. In einem barock möblierten Raum des altehrwürdigen „Château des Monts“ messen mehrere hundert ausgestellte Exemplare die längst vergangene Zeit. Es bimmelt in den filigranen hin und her schwingenden Porzellan-Gehäusen. Die Perpendikel, die mechanischen Pendel der Stockuhren, sind allgegenwärtig und das behäbige Klacken der fortschreitenden Zeiger über die Zifferblätter aus Emaille demonstriert an verschiedenen Modellen, wie die Zeitmesser während ihrer langen Geschichte stetig pünktlicher wurden. Die frühen Uhren hatten nur einen Stundenzeiger und die Zifferblätter unterteilten die Stunden noch in Halb- und Viertelstunden, erst die Uhrwerke des 17. Jahrhunderts präzisierten die Zeit in Minuten, bis Quarzuhren exakt die Sekunden zählten.

Die Villa, die heute das Museum im Schweizer Jura beherbergt, gehörte einst Frédéric William Dubois, Nachzügler einer der großen Uhrmacher-Dynastien im talwärts gelegenen Le Locle. Die Region im hintersten Zipfel der französischen Schweiz ist stolz auf ihre Geschichte. Die Jurassier, heißt es, erfanden die Uhr zwar nicht, aber entwickelten sie seit dem Ende des 18. Jahrhunderts immer weiter. Denn der einzige Luxus der Jurassier in der zwar traumhaft schönen, doch unwirtlichen Gegend war: viel Zeit. Das raue Klima auf 1.000 Metern über dem Meer mit viel Regen, Schnee und morastigen Böden, die langen Winter und raren Sommertage bescherten den wenigen Bewohnern der mit grünen Tannen bewaldeten Landschaft bis ins 18. Jahrhundert ein karges, ärmliches Leben.


Der Reichtum kam mit Daniel Jean-Richard, der als Begründer der Schweizer Uhrenindustrie exemplarisch für den Wohlstand der gesamten Region steht. Noch heute nähren unzählige nach ihm benannte Straßenschilder seinen Ruf als „Westschweizer Wilhelm Tell“. Er soll als 14-jähriger Knecht im 17. Jahrhundert die kostbare Pendeluhr eines Pferdehändlers, der sie aus England mitgebracht hatte, repariert haben. Wahrscheinlicher ist wohl, dass ihm dabei französische Uhrmacher halfen, die zu der Zeit in der Nähe lebten.

Bei einem Spaziergang durch die Städte bestaunt man schlanke, vier- bis fünfstöckige Häuserzeilen, die sich rechtwinklig die Hügel hochziehen. Jeweils bergwärts finden sich die Eingänge, talwärts liegen Gärten mit verrosteten Halterungen für Wäscheleinen. Die geradlinigen Wege symbolisieren das Bedürfnis der Uhrmacher, kurze Transportwege zwischen ihren Ateliers zu haben.

Willi Schweizer, angestellt beim Luxus­uhren­hersteller Girard-Perregaux, steht in einem der Produktionsateliers nahe der Rue du Progrès vor einem Rechner, der die Werte von fast verkaufsfertigen Uhren misst. Keine Uhr tickt gleich, aber es gibt Normwerte, die bescheinigen wie unpünktlich sie sein darf. „Es wäre ein Zufall, wenn zwei Uhren dieselben Werte hätten“, erklärt Schweizer, ein gemütlicher Endvierziger, der als Sohn eines Uhrmachers in La Chaux-de-Fonds aufgewachsen ist. Die Unpünktlichkeit könne sich heute höchstens noch im Hundertstel-Millisekunden-Bereich verstecken, sagt er.

Uhren waren einst noch mehr als heute Luxusgüter der Wohlhabenden. So gingen die Uhrmacher dorthin, wo die Nachfrage war, nach Frankreich an den Hof von Louis XIV., nach Nürnberg oder Augsburg. In Jean-Richards Folge entstanden aber auch in La Chaux-de-Fonds nach und nach kleine Uhrenateliers, erst in Bauernhäusern, später in eigenen Häusern und schließlich in modernen Manufakturen an den Stadtgrenzen. Wenn auch abgelegen vom Rest der Schweiz – und damit der Welt –, wurde hier um 1900 in etwa 3.000 kleinen Ateliers immerhin die Hälfte der auf der ganzen Welt verkauften Uhren hergestellt. In New York, Paris und Berlin trugen die Damen und Herren von Welt eine Uhr „fabriqué à La Chaux-de-Fonds“. Heute würde man so manches damalige Atelier ein Start-up nennen. Wie jenes von Philippe Dubois, das inzwischen eine Pension geworden ist.


Die Uhrmacher arbeiteten früher an Werkbänken direkt am Fenstersims, dort war das beste Licht. Vor gut 250 Jahren hatte Dubois hier im Frühstückssaal die Söhne von Jean-Richard beschäftigt. An den Fassaden der Häuser La Chaux-de-Fonds’ hängen die Uhren, sichtbarer als in manchem Bahnhof. Die breiten Fensterfronten sind auffällig nach der Sonne ausgerichtet. Die Umwelt blieb aber verschont von der Uhrenindustrie, weder stinkende Abfälle noch Qualm trübten die Luft.

Diese Stadtlandschaft, die heute zum Unesco-Welterbe zählt, zeugt von einer radikalen, beispielhaften Industrialisierung: Der Brand 1794 in La Chaux-de-Fonds als auch jener 1833 in Le Locle ließ die eng gebauten, alten Holzhäuser wie Zunder in Flammen aufgehen. So wurde aus traditionell rationell, weil ein Baugesetz verfügte, die neuen Häuser möglichst aus Stein und nicht zu nahe nebeneinander zu bauen. Mit den großzügigen Abständen taten die Stadtplaner auch der Feuerwehr einen Gefallen. Die Uhrmacher bauten ihre Stadt nach ihren eigenen Bedürfnissen wieder auf: Arbeits- und Wohnort wurden miteinander verknüpft, in den einstigen Bauerndörfern entstanden urbane Manufakturen, die das rationale, effiziente und wirtschaftliche Arbeiten leichter machten. Die Bevölkerung wuchs auf über 40.000 Einwohner oben in La Chaux-de-Fonds und auf etwa 15.000 unten in Le Locle.

Schachbrettartig spannen sich in beiden Städten geradlinige Straßen und Häuserzeilen wie ein Netz über die sanft hügelige Gegend. Solch ein von den Arbeitern selber konzipierter, moderner und fortschrittlicher Stadtgrundriss hat sogar Karl Marx begeistert. Der Gesellschaftstheoretiker hat die Stadt als „eine einzige große Fabrik“ bezeichnet. Eine Fabrik, in der man gleichzeitig wohnen, arbeiten und leben kann. Noch immer erzählen die Straßennamen vom Stolz der Uhrmacher: Die Straße des Fortschritts (Rue du Progrès) führt automatisch in jene des Erfolgs (Rue du Succès).

Die familiären Fäden ziehen sich dabei ebenfalls durch die Uhrmachergeschichte des Ortes. Willy Schweizer führt zu einem weiteren Fabrikgebäude, auch er wäre der Familientradition gerne treu geblieben, erzählt er. „Aber in den Siebzigern befürchteten alle das Ende der Uhrenindustrie, also studierte ich Geschichte und Marketing.“ Die Krise brach aus, weil die Schweizer der japanischen Uhrenkonkurrenz damals wenig entgegenzusetzen hatten. „Made in Switzerland“, das hieß auch kämpfen gegen die Konkurrenz billiger digitaler Uhren aus Asien.

Seither setzt jede Firma, die diese Einbrüche überlebt hat, auf Erweiterung. Den einen half der eben verstorbene Nicolas Hayek mit seiner Swatch-Group, der vielen Einwohnern als wahrer Patron alter Schule in Erinnerung ist. Der Unternehmer war Anfang der achtziger Jahre überzeugt, dass die traditionellen Firmen überleben können, wenn sie billigere Produkte herausbringen. Er machte keinen Unterschied zwischen einer billigen und einer kostspieligen Uhr. Viele Uhrmacher folgten seinem Beispiel und stellten neben teuren Luxusprodukten auch preisgünstige Uhren für Normalsterbliche her. Hayek half damit einer gesamten Branche auf die Beine. Andere Uhrmacher spezialisierten sich auf medizinische Präzisionsgeräte.

Immer noch Handarbeit

Willi Schweizer ist schließlich doch noch in die Fußstapfen seiner Familie getreten. Er kümmert sich bei Girard-Perregaux mittlerweile um das Marketing. „Uhrmacherei ist nunmal eine Kultur“, sagt er und führt durch die alten Ateliers, die Seele von Girard-Perregaux. Das Meiste, betont er, werde hier noch von Hand gefertigt.

In den zwanziger Jahren arbeiteten die Arbeiter, mit Lupe vor dem Auge, 72 Stunden die Woche. Sie hatten eine bezahlte Ferienwoche pro Jahr. Aus jener Zeit ist der „Lundi Bleu“, der blaue Montag, übrig geblieben – weniger als Brauch denn als Begriff: Ab und an, wenn die stolzen Herren Uhrmacher befanden, genügend gearbeitet zu haben, nahmen sie sich geschlossen das Recht heraus, einen Montag in einem der illusteren Cafés zu verbringen und zu debattieren. „Den Arbeitern war ihre individuelle Freiheit wichtig. Durch diese Autonomie wollten sie ihre Unabhängigkeit demonstrieren“, erklärt Sylviane Musy vom historischen Museum in La Chaux-de-Fonds.

Den im Jura starken Gewerkschaften sei Dank, schreibt die Stechuhr heute nur noch 42 Stunden die Woche vor, die Ferien sind länger geworden. Noch heute ist „Die Partei der Arbeit“ in der Region am stärksten. Nur die Konzentration auf die kleinsten Teile des Räderwerks ist hier im Laufe der Zeit dieselbe geblieben.

Bei Girard-Perregaux sitzen die Arbeiter, trotz der zahlreichen Präzisionsinstrumente, die die kleinsten Einzelteile der Uhren ausmessen, zuschneiden und polieren, noch immer in gebeugter Haltung an den Holzbänken aus dem 19. Jahrhundert. Sie montieren die Teile zu einer Uhr, heute immerhin mithilfe interaktiver Tastaturen, dem Rechner als Helfer und mit ergonomischen Armstützen. Pünktlichkeit verlangt aber nach wie vor feine Handgriffe und bewährte Techniken, wie beispielsweise das komplizierte Backverfahren für Emaille-Zifferblätter, das weltweit nur noch vier Menschen beherrschen. So relativieren sich auch die exquisiten Preise der Luxusuhren, die bei Girard-Perregaux zwischen 5.500 und mehreren hunderttausend Euro liegen, auch wegen des Materials aus Silizium, Titan und teils Edelsteinen für mitunter 600 Uhren-Komponenten. Der asiatische Markt schätzt das. „Der Schweizer selber dagegen ist ein schlechter Kunde“, sagt Willy Schweizer und lacht. Teure Uhren leisten sich hier nur wenige. Die traditionsreichen Marken machen mit Slogans wie „Watches for the Few since 1791“ (Girard-Perregaux), „Les architects du temps“ (Ebel) oder „In Touch with your Time“ (Tissot) Reklame. Ihre Werbeabteilungen berufen sich stolz auf das jahrhundertealte Handwerk aus La Chaux-de-Fonds und Le Locle.

Die meisten Firmen aber wurden mittlerweile verkauft oder sind mit anderen fusioniert, so wie jene von Dubois. Seine alte Adresse gibt es aber nach wie vor: Nur übernachten in seinem ehrwürdigen Patrizierhaus jetzt eben Touristen.

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09:00 23.07.2010
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Ausgabe 43/2021

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