Kleine Freiheit

Seemänner Seemannsmissionen sind noch immer wichtige Anlaufstellen für Seeleute, aber die Crews können immer kürzer an Land bleiben. Ein Besuch in Hamburg

Das dunkelrotbraune Backsteinhaus kurz hinter dem Fischmarkt ist schnell gefunden. „Seemanns Mission“ prangt in nüchterner Schrift auf der Fassade. Das Haus steht Seefahrern aller Nationen und Ränge offen, es ist ihnen für kurze Zeit Heimat. Der Tourist mit Fernweh bezahlt einen marginalen Aufschlag und muss kein Seefahrerbüchlein vorweisen.

Gerade wartet eine Gruppe Filipinos mit Rollkoffern in der Lobby auf den Carrier Service, der zwischen Seemannsheim, den Missionen und Kai pendelt und die Seeleute zu ihren Schiffen bringt. Vor kurzem seien die Einzel- bis Fünfbettzimmer frisch renoviert worden, erzählt Kai Detig stolz. „Mit dem Charme der sechziger Jahre ist es definitiv vorbei.“ Detig ist Vorsitzender der Seemannsmission Hamburg-Altona. Er sagt, 25 Prozent der Betten im Seemannsheim dürfen an Touristen vermietet werden, ohne dass der gemeinnützige Zweck vernachlässigt werde. Das Seemannsheim ist kein Hotel.

Schon immer bestimmte die Ladung der großen schweren Tanker und Frachter die Zeit der Seeleute an Land. Seit Computer die Zeitfenster berechnen, in denen die Fracht möglichst schnell und effizient entladen wird, spart das zwar Ladezeit und Geld, die Seeleute aber finden kaum Ruhe. Zwar sind die Seemannsmissionen gut besucht, aber die Aufenthalte an Land werden so noch kürzer. „Vor einem Jahr waren viele Containerschiffe nur zur Hälfte beladen“, erklärt Sina Rajah, Sozialbetreuer in der Seemannsmission „Duckdalben“ in Hamburg. Die Krise hat sich immerhin beruhigt, die Schiffe liegen nun wieder länger in den Häfen.

Der romantische Abenteurer?

Einige der Seeleute leiden wegen den langen, anstrengenden Schichten unter dem „Fatigue-Syndrom“, einer ernsten Erschöpfung. Die vorwiegend Ehrenamtlichen in den Seemannsmissionen vermitteln medizinische Hilfe und kümmern sich darum, dass die Seeleute informiert werden über den Ort, an dem sie gerade anlegen. Die meisten gehen eher auf ein Bier in eine der Missionen als in einen Nachtclub in St. Pauli. In den meisten Seemannsmissionen gibt es nicht nur einen Aufenthaltsraum sondern auch eine Bar oder gar einen Seemanns-Club. An der Theke treffen sich die Besatzungsmitglieder aus aller Herren Länder.

Mythos Sinisa aus Griechenland ordert ein Bier und meint: „In den Häfen wachsen die Kinder mit Geschichten griechischer Seefahrer auf. Kein Wunder, dass die Jungen zur See wollen.“ Mythos spricht fließend Englisch, aber er vermisst seine Sprache. Immerhin ist er oft mit einer griechischen Crew unterwegs. „Vieles versteht man in einem fremden Land nicht“, bestätigen auch Shen Lei und Xuhaihua aus China. „Alleine fühlt man sich dumm, aber zu zweit kann man darüber lachen“, sagen sie.In diesem Moment kommt der immer lachende Sina Rajah herein und präsentiert seinen selbst komponierten Protest-Song gegen ISPS: einem internationalen Gesetz zur Terrorismusbekämpfung, das die Aus- und Einreise vieler Seeleute erschwert. Man kenne ihn auch als den Jimi Hendrix von Malaysia, sagt er.

Einst gegründet zum Zwecke der moralischen Korrektur des unflätigen, sündhaften Seemannes, sind die Seemannsmissionen mittlerweile eine soziale Institution für die Seeleute der evangelischen und der katholischen Kirchen. Was Hans Albers nostalgisch besingt und St. Pauli den Touristen verspricht, war Mitte des 19. Jahrhunderts den Kirchen ein Graus. Inspiriert vom Neupietismus, einer religiösen Strömung, skizzierten die Vorsitzenden den Lebensstil des liederlichen Seemannes als Gegenentwurf zu bürgerlichen Wertevorstellungen. In der Folge entstanden einige Missionen, die durch Spenden finanziert wurden, zuerst in Hamburg, später in England und schließlich in der weiteren Welt.

Neben der deutschen gibt es in Hamburg auch die schwedische, finnische, norwegische und dänische Seemanns-Kirche sowie die katholische Seemannsmission Stella Maris. Sie alle gehören zur ICMA, der „International Christian Maritime Asscociation“. Die verbreitet den Slogan „We offer a community away from home“ – „Wir bieten eine Gemeinschaft fern von zuhause. Die Seeleute sollen in der Zeit an Land selbstbestimmt leben, anders als auf dem Schiff, das für sie gleichzeitig Lebens- und Arbeitsraum ist.

Telefonkarten, Seelsorge und Karaoke

Die Seemannsmissionen helfen zu jeder Uhrzeit, sei es mit Seelsorge, Bank- und Post-Diensten. Man bekommt hier nicht nur ein Bier, sondern auch Duschbad, Creme oder DVD’s. Zudem wird der Kontakt zu den Inspektoren der „Internationalen Transportarbeiter-Föderation“, ITF vermittelt. Sie setzt sich als Dachorganisation mehrerer nationaler Gewerkschaften für die Rechte und für menschenwürdige Arbeits- und Lebensbedingungen der Seeleute ein. Ihr Auftrag ist noch immer ein christlicher, aber das Aufgabenfeld der Seemannsmissionen hat sich verändert: Die Betreuer holen die Seeleute ab oder besuchen sie an Bord, verteilen Zeitungen und informieren über die Hafenstadt, organisieren Telefonkarten, bieten Freizeitangebote und begrüßen die Männer in ihrer Landessprache, mit „Nie Hau“, „Salam alaikum“, „Anjong Hasseo“, „Buonas Dias“, „Daag“, „Hei“, „Hallo“, „Good Afternoon“ oder einem schlichten „Moin“. Ein simples, aber wirkungsvolles Rezept gegen Heimweh. Leiden die Seeleute wirklich daran?

„Ja“, sagt Reinhild Dehning von der Mission in Piräus. Wie sie damit umgehen, sei allerdings sehr individuell. Viele sehnen sich nach Zuhause, aber die Romantisierung des Seefahrerlebens sei ein Klischee. Schließlich, erklärt Dehning, seien die Männer ja oft nicht freiwillig in der Ferne unterwegs, sondern um Geld zu verdienen. „Die meisten, die ich kenne, würden sofort eine Arbeit an Land annehmen“.


Und wo sind die Frauen? Auf den Schiffen kaum: Seefahrt ist nach wie vor eine Männerbastion. In den unteren Graden arbeiten ausschließlich, in den höheren vorwiegend Männer. Ihre daheimgebliebenen Frauen kümmern sich meist alleine um die Familie. Hat ein Seemann Landgang, kommt es noch immer vor, dass er Geld heimschickt. Nicht selten stehe ein Mitglied der Crew mit einer beträchtlichen Summe in einem Umschlag vor ihm und bitte ihn, das Geld seiner Frau zu schicken, berichtet Rajah von den „Duckdalben“.

Statt Flaschenpost, Postbojen, Briefen oder Telegrammen helfen nunmehr andere Kommunikationsmittel gegen das Heimweh: Telefonate, Emails, Chat und Skype-Mitteilungen. Die Seemannsmissionen kümmern sich darum, indem sie etwa verbilligte Telefonkarten (so genannte „Missioncards“), einen günstigen Online-Zugang oder Briefmarken außerhalb der Post-Öffnungszeiten anbieten. In den Missionen übernachten die Seeleute der Welt nicht nur, sie vertreiben sich die Zeit an Land mit Pingpong spielen oder Karaoke-Singen. Es werden auch Gottesdienste angeboten, doch sind in den Seemannsheimen und Clubs der Missionen „alle Freunde der Seeleute“ willkommen. Seit Jahrzehnten profitieren die Seemannsmissionen auch von ihrem guten Ruf, weiß Reinhild Dehning: Sie hätten es geschafft, Vertrauen aufzubauen, ohne kommerzielle Interessen zu verfolgen. „Wir wollen ihnen nichts verkaufen, das wissen die Leute“, sagt Dehning, die sich um die Ankömmlinge kümmert, mit ihren Helfern an Bord geht und Willkommensbroschüren verteilt. „Den Seeleuten fehlt die Zeit, sich vorzubereiten. Sie reisen ja nicht als Touristen an“. Während der 20 Jahre bei der Seemannsmission, zuerst in Brunsbüttel, dann in Piräus, hat die Diakonin den Wandel erlebt und bedauert, dass die Landgangszeiten immer kürzer werden.

Maltas Hymne für eine ausländische Crew

Von Piräus zurück in die „Duckdalben“: Ein Zivildienstleistender überwacht am Computer gewissenhaft die aktuellen Ein- und Auslaufzeiten der Schiffe. „Gerade läuft ein Frachter mit einer philippinischen Crew ein“, erklärt er und schickt sofort den Fahrer des Missions-Autos an den Kai, um sie zu begrüßen. Rajah wirft unterdessen die Karaokemaschine an und fängt leise an zu singen: „Wenn du dich verirrst, fürchte dich nicht, ruf einfach an, und wir sind da.“

Einige Kilometer flussaufwärts hat ein altgedienter Kapitän das Schiff bereits begrüßt. Bei „Willkomm-Höft“, der Schiffbegrüßungsanlage an der Elbe, fährt die Globalisierung im Halbstundentakt vorbei. Der Kapitän spielt jeder Flagge die passende Nationalhymne vor. Früher kam sie vom Kassettenrekorder, heute von digitalen Musikdateien. Zu Ehren des Schweizer Besuchs lässt er sogar leise die Schweizer Hymne laufen. Meist aber erklingen die von Malta und Antigua, sagt er, so genannte „Billigflaggen“. Die seien bei den alten Garden allerdings kaum beliebt, weil sie ihre Frachter mit niedriger entlohnten, ausländischen Seeleuten fahren lassen würden, philippinische und osteuropäische, viele Russen und Ukrainer.

Obwohl seit ein paar Jahren alle Informationen digitalisiert sind, schaut der Kapitän gern in sein altbewährtes Karteikastensystem. Besuchern, die sich in sein Kabäuschen wagen, hält er einen charmanten Vortrag über Flaggen und das System der Registrierung: Die Schiffe sind jeweils in einem Heimathafen registriert, die Handelsfirma oft an einem anderen Ort, die Crew ebenfalls. Er präsentiert stolz den Buchstaben M: Hier hat er besonders viele Karten einsortiert. Die MSC, die „Mediterran Shipping Company“ sitzt in Genf, der Heimathafen ist in Basel, registriert ist sie in Panama. In Willkomm-Höft ertönt nun die norwegische Hymne, der Frachter Lybris läuft aus.

Ist es nicht absurd, dass die norwegische Hymne mehrheitlich für Ausländer an Bord erklingt? Der Kapitän lacht. „Nicht bei den Norwegern“, sagt er: „Sie sind stolz auf ihre eigenen Seeleute, bei denen arbeiten kaum ausländische.“ Was hat die Lybris an Bord? „Jetzt nichts mehr“, antwortet er nach einem kurzen Blick auf das Fax mit den Schiffsdaten. Der Frachter ist leer, aber als er morgens hier ankam, da brachte er das Papier für Zeitungen und Magazine.

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11:00 15.08.2010
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Ausgabe 41/2021

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