"Lass ihn bloß nicht in den Krieg ziehen"

Mitgehört In Café, Bus oder Bahn: Das Leben hat eben die besten Dialoge zu bieten. Immer montags gibt es im Alltag die Ausbeute der vergangenen Woche. Heute: Wünsche formulieren

Szene 1

Ort: an der Supermarktkasse

Anwesend: Junge Mutter mit Baby, alter Mann

Mitgehört

Alter zahnloser Mann an der Supermarktkasse zu Mutter mit Baby: "Is det een Junge oder een Mädchen?"

Mutter, lächelnd: "Ein Junge."

Mann, beugt sich vertraulich zu ihr: "Ick sag dir was: Lass ihn bloß nicht in den Krieg ziehen."

Die Mutter nickt.

Mann, theatralisch: "Ich musste lernen mit der Kalaschnikow umgehen. Das ist bescheuert."

Mutter nickt verständnisvoll.

Mann: "Stell dir vor, dann stehste vor einem Russen, vielleicht blond, n' ganz netter Kumpel und dann musste schießen. Weeste warum? Weil er könnte ja schießen. Das ist bescheuert. Besser er geht ins Altenheim."

Mutter nickt.

Mann, eindringlich: "Lass das bloß nicht zu."


Szene 2

Ort: in einem Kindergeschäft

Anwesend: Mutter und Sohn, Verkäufer

Mitgehört

Kleiner, etwa dreijähriger Bub brüllt vor ausgestellten Spielsachen.

Mutter steht genervt bei der Kasse.

Verkäufer, verständnisvoll: "Hat er grad so eine Phase?"

Mutter, müde, seufzt.


Szene 3

Ort: an einer U-Bahnstation in Kreuzberg

Anwesend: etwa fünfzigjährige Frau, junge Passantin

Mitgehört

Frau zu Passantin: "Haben Sie vielleicht etwas Kleingeld für mich?"

Passantin: "Nein, tut mir leid."

Frau: "Oder vielleicht Arbeit? Muss bei Ihnen geputzt werden? Oder vielleicht gekocht? Die Fenster gemacht werden? Haben Sie kleinere Arbeiten zu vergeben? Ich mache alles, außer Computerarbeiten."

Die Protokolle der besten, real existierenden Dialoge finden Sie immer montags im Alltag. Vergangene Woche: "Es funktioniert!"

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15:00 06.12.2010
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Ausgabe 23/2021

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