"Worte sind eine Waffe"

Ägypten Gewalt ist seit der Revolution in Ägypten alltäglich geworden – auch weil die Polizei, die die Revolution nicht wollte, tatenlos zusieht, sagt Soziologin Mona Abaza

Der Freitag: Frau Abaza, als Soziologie-Professorin in Kairo er­forschen Sie den Alltag. Wie hat sich das Leben der Menschen durch die Revolution verändert?

Mona Abaza:

Der Alltag ist für alle, unabhängig von der Schicht, der sie angehören, komplizierter geworden, weil es mehr Gewalt gibt. Die Stimmung ist sehr aufgeladen, es kann jederzeit etwas passieren. Etwa als man sich in diesem sehr kalten Winter für teure Butan-Gas-Flaschen in lange Schlangen stellen musste, insbesondere die ärmere Bevölkerung, deren Wohnungen schlechter isoliert waren. Zu Beginn der Revolution hat die Gewalt vor allem die Armen getroffen, aber inzwischen trifft sie jeden. Und: Die Stadt Kairo kämpft mit der Pleite. Als nächstes wird man für Benzin anstehen müssen.

Es ist ein Mythos zu glauben, dass es vor der Revolution keine Gewalt gab. Aber die Steigerung der Gewalt ist kein Zufall. Ich glaube, dass sie bis zu einem gewissen Grad inszeniert ist. In ärmeren Vierteln haben Prügeleien zwischen Bewohnern und der Polizei Tradition. Unterdessen aber, und das ist neu, existiert auch die Rache der Polizei, weil sie die Revolution ja nicht wollte. Sie sieht tatenlos zu, wie sich Leute totschlagen. Es gibt plötzlich vermehrt Banküberfälle und Schießereien auf der Straße – als ob wir in Chicago wären. Das ist klar als Botschaft an die Re­volutionäre zu verstehen: Seht ihr, die Revolution führt ins Chaos.

Der Verkehr hat sich verschlechtert. Einerseits gibt es ständig Umleitungen wegen der Demonstrationen. Aber auch, weil Sicherheitskräfte in den Straßen der Innenstadt eine massive Mauer aus Zementblöcken errichtet haben. Von einem Stadtteil im Zentrum in einen anderen zu kommen, dauert jetzt sogar dort dreimal länger als vorher. Das ist reine Schikane.

Angeblich ja. Die Mauer trennt zum Beispiel die Mohammed-Mahmud-Straße in der Mitte und unterteilt sie in zwei verschiedene Bereiche. Sie ist eine der Hauptstraßen, die auf den Tahrirplatz geht und am Hintereingang der American University AUC vorbeiführt. Hier spielten sich im vergangenen Herbst dramatische Szenen ab: als Hunderte Demonstranten von der Polizei mit Tränengas beschossen und einige von ihnen verletzt oder gar getötet wurden.

Wie reagieren die Einheimischen auf die Schikanen?

Im Februar haben Ultras zusammen mit Anwohnern einen Teil der Mauer niedergerissen. Worauf die Sicherheitskräfte weitere Mauern und Absperrungen gebaut haben, die nun die Seitenstraßen blockieren, die zum monumentalen Innenministerium führen. Sie wehren sich aber auch mit einem großen Sinn für Humor, mit Youtube-Parodien, Songs, Puppentheatern und Graffitis. Die Mauer des alten Universitätsgeländes ist zu einem kreativen Nebenkriegsschauplatz geworden. Anfangs sprühten Graffitikünstler die Bilder der Revolution nur in der Nacht, weil es am Tage zu ge­fährlich war. Mittlerweile wird über Facebook zu sogenannten Freitags-Malereien aufgerufen.

Wie erzählen die Graffitis von der Revolution?

Sie sind gespickt mit spöttischen Parolen und Beleidigungen des Obersten Rats der Streitkräfte. Neben Hohn und Ironie sind es die Erinnerungen an die Märtyrer, die diese Wandmalereien so be­wegend machen. Während einer großen Freitagsdemonstration im vergangenen September besetzten die Ultrafußballfans den Tahrirplatz. Sie erfüllten die Mohammed-Mahmud-Straße mit Musik, trugen einträchtig Transparente und skandierten ihre

Welche Rolle spielen die Ultras bei den Protesten?

Es ist interessant zu beobachten, wie sie sich bewegen, wie sie marschieren. Sie sind sehr gut organisiert, ziehen regelmäßig mit beleidigenden Schlachtrufen, die zu revolutionären Slogans werden, durch die Straßen. Das ist Testos­teron pur. Sie hören sich dann an wie eine einzige Stimme, das berührt. Denn die Beleidigungen sind unglaublich. Man muss Arabisch verstehen, um den Humor dahinter zu begreifen. Nicht, dass ich Beleidigungen befürworten würde – aber es ist faszinierend zu beobachten, wie alleine Worte zu einer mächtigen Waffe geworden sind.

Kann denn auf der Straße offen über Politik gesprochen werden?

Ja, natürlich. Das zumindest hat die Revolution erreicht: Alle reden über Politik, im Supermarkt, überall. Die Angst ist jetzt verschwunden. Aber wenn Gewalt erst einmal ausbricht, kann sie schnell eskalieren.

Das heißt, es hat sich bislang mehr gesellschaftlich als politisch etwas geändert?

Die Revolution ist noch nicht vollendet, wir sind in einem Prozess.

Alle Aktionen sind nach wie vor spontan – und geschehen ohne Partei. Die Parteien sind immer noch neu und müssen sich erst orientieren. Das Verhältnis zwischen Bevölkerung und Armee hat eine lange Geschichte. Es ist schwierig zu lernen, wie man mit den Militärs verhandelt. Letztlich werden sie erst zuhören, wenn der Druck der Straße zu groß geworden ist. Wenn mehr als eine Million Leute auf die Straße gehen, wie im Januar 2011.

Was tragen die Frauen zur Revolution bei?

Sie entlarven die Militärs auf ihre Art. Zum Beispiel die Sache mit den Jungferntests, mit denen Demonstrantinnen von den Sicherheitskräften schikaniert wurden: Sie haben den Militärrat genötigt, auf eine Veröffentlichung in der Washington Post zu reagieren und die Sache öffentlich zu berichtigen.

Ich selbst kann leider nicht auf jede Demonstration gehen, weil ich arbeite. Viele meiner Freundinnen, die Hausfrauen sind und Zeit haben, demonstrieren jetzt ironischerweise, auch wenn sie bislang weit weniger politisch waren als ich.

Schon immer hat das Militär sexuelle Belästigung genutzt, um Menschen einzuschüchtern. Männer werden jedoch genauso belästigt, vergewaltigt und ge­foltert. Letztlich ist die Armee zu beiden Geschlechtern brutal. Interessant ist jetzt aber die massive Auflehnung dagegen.

Wie sieht die konkret aus?

Beispielsweise läuft der Zeichner Mohamed Abla über den Tahrir-Platz und hält ein Bild hoch, auf dem die Soldaten als Wölfe ver­kleidet auf die Frau einschlagen. Das zeigt, wie zum ersten Mal gegen patriarchale Strukturen gekämpft wird. Slogans wie "Sorry Papa" kursieren, die sich ironisch gegen Mubarak richten. Das erinnert mich an 1968. Auch wenn es jetzt anders ist.

Ja, viele Frauen verschleiern sich plötzlich. Mit Geld von den Saudis haben etwa die Salafisten an Einfluss gewonnen. Es ist nach wie vor offen, wie diese Revolution weitergehen wird.

Mona Abaza wurde 1959 in Kairo geboren und studierte dort sowie in Durham und Bielefeld. 2005 forschte sie an der Rockefeller Foundation in Bellagio zu Veränderungen in der Konsumkultur. Sie lehrte und forschte zudem in New York, Leiden, Berlin, Paris und Singapur

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09:00 13.05.2012
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Ausgabe 38/2020

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