Charles Aznavour – Gefühl, Größe, Stärke

Chanson in Präzision Ein französisch-armenischer Chansonkünster bringt die verblasste Vergangenheit eindrucksvoll in die Gegenwart.
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90 Jahre und kein bisschen leise, das trifft auf diesen außergewöhnlichen Chansonsänger wirklich zu. Er singt; immer noch. Und wer ihm zuhört, braucht nur wenige Sekunden um zu verstehen, dass er seinen Gesang aus Leidenschaft und Hingabe zelebriert, und nicht weil er muss oder verzweifelt auf der Suche nach dem ein oder anderen Ruhmesnebel ist, wie es so vielen alternden Sängern und Möchtegernstars passiert.

Wechselspiel des Lebens

Seine Mutter – die in Frankreich laut Aznavours Aussage als Türkin galt – kam sehr früh in dieses Land, dort brachte sie ihren Sohn am 22.05.1924 zur Welt und gab ihm den Namen Schahnur Waghinak Asnawurjan. Daraus wurde Charles Aznavour, dessen Leidenschaft eigentlich der Schauspielerei galt und nicht dem Singen. Doch Edith Piaf – ebenfalls eine Ausnahmepersönlichkeit – wurde auf Aznavour aufmerksam und verhalf ihm zum stimmlichen Durchbruch.

Trotzdem – oder gerade wegen seiner herausragenden Mimik auf der Bühne – wagte er den einen oder anderen Abstecher in die Schauspielerei. So spielte er unter anderem in der Oskar-nominierten „Blechtrommel“ den jüdischen Spielwarenhändler Sigismund Markus und in „Taxi nach Tobruk“, den französischen Soldaten Samuel Goldmann. Der Antikriegsfilm plädiert für die Verständigung der Völker untereinander - Aznavour lebte, was er spielte, so entwickelte sich eine innige Freundschaft zu dem ebenfalls in „Taxi nach Tobruk“ spielenden Hardy Krüger. Probleme wegen des zweiten Weltkrieges gab es keine; es wurde zusammen gesprochen und gut!

Emotionen

Doch Aznavours wahre Passion wird fühlbar, wenn er mit seiner eigenwilligen Stimme und der perfekten Körpersprache jeden Saal in seinen Bann zieht. Er ist der Inbegriff des Chanson, jener Liederballaden, die oftmals stilistisch mit deutschen Schlagern verglichen werden und doch eine wesentlich stärkere emotionale Brillanz zeigen, da sie den Anspruch haben, in drei Minuten den Kern der Geschichte tiefgründig zu erfassen.

Vielleicht beherrscht Aznavours das Genre so hervorragend, weil er selber ein Mann tiefer Emotionen ist. So hält er nichts davon, die eigene Berühmtheit herauszukehren, im Gegenteil, er ist dankbar, wenn seine Frau ihn – wie er sich ausdrückt – mal wieder erdet, wenn er im Begriff ist, über das Ziel hinaus zu schießen. Freundschaft bedeutet ihm sehr viel und er reflektiert über seine eigenen Fehler – eine Eigenschaft, die heutzutage fast verloren zu gehen scheint und deswegen als etwas Besonderes zu sehen ist.

Ausklang

Fast schon als Ohrwürmer gehen seine Chansons La Mamma, Les Comédiens und La Bohème durch, und wer sich das von ihm auf Deutsch gesungene Stück „Du lässt Dich gehen“ anhört, schmilzt spätestens dahin (Lyrics von Aznavour)

Man darf nur hoffen, dass Charles Aznavour uns noch eine Weile erhalten bleibt; seine mehr als 700 selbst komponierten Lieder werden wohl noch über viele Jahrzehnte zu hören sein und Gefühle der Freude bis hin zur Melankolie in uns auslösen.

17:00 22.06.2014
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Geschrieben von

Ausgabe 25/2018

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