Überraschendes Leben!

Welpengeburt Wie eine Hundemutter souverän ihre Welpen zur Welt bringt und was man daraus lernen
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Ein Bekannter von mir arbeitet mit viel Enthusiasmus in der Fabrikgestaltung und im Industriebau. Ich konnte seinen begeisternden Erzählungen nie viel abgewinnen; was ist schon daran interessant, Stahl, Kabel, Beton und viele andere Materialien zu verplanen? Sein Argument: Wenn die Fabrik steht und die Einweihung stattfindet, ist das wie eine Geburt. Den Vergleich konnte ich überhaupt nicht nachvollziehen. Bis heute!

Eine Hundemama!

Ich war durch Zufall bei der Geburt eines Welpen, genauer eines Hundewelpen dabei; fünf waren schon da, als ich kam. Die Hundemutter lag recht ruhig in ihrer Box, sie hatte auch kein Problem damit, dass ich zur Tür rein kam. Das hat mich sehr erstaunt, ich war immer der Meinung, dass Tiere Angst haben, wenn sie nicht alleine bei der Geburt sind. Da bekam ich zu hören, dass diese Hündin in der Familie aufgewachsen war und sehr sozial ist. Sie hatte sogar ihren Besitzer gerufen, damit er bei der Geburt dabei ist.

Vorsichtig näherte ich mich der Hündin und beobachtete in sicherem Abstand ihr Verhalten. Mit Inbrunst leckte sie ihre Welpen ab, sie waren klitschnass. Ich frage, ob man die nicht trocken rubbeln müsse, sie würden doch krank werden. Nein, das macht die Mutter perfekt. Das Nasse ist die Flüssigkeit aus der Fruchtblase und genau diese Flüssigkeit regt die Mama an, ihre Welpen immer wieder zu lecken, stundenlang. Aha… dann können die Kleinen ja gar nicht trocken werden! Ja, das wäre für die ersten Stunden nicht dramatisch, im Gegenteil, durch die raue Zunge wird der Kreislauf der Kleinen stabilisiert, aber das würde ich sehen, wenn der nächste Welpe kommt.

Noch mehr Babies!

Was, noch nicht fertig, sie hat doch schon vier… Gerade, als ich mit dem Gedanken fertig war, fing die Hündin heftig an zu hecheln, ich machte mir schon Sorgen, als sie plötzlich hektisch an ihrem Hinterteil schleckte. Ich dachte, ich sehe nicht richtig, eine kleine runde Kugel – besser kann ich es nicht beschreiben – lugte heraus. An der Kugel hing ein großer Klumpen, die Hündin fraß ihn. Völlig fassungslos wollte ich gerade was sagen, da bekam ich schon eine beruhigende Antwort. Die Hündin fraß die Nachgeburt, danach würde sie die Fruchthülle öffnen, in welcher der Welpe (daher die Kugel) noch lag. Und siehe da, in der Nähe des Welpengesichtes kaute die Hündin auf der Haut rum, mir war leicht mulmig zu mute, vor allem als ich sah, wie stabil die Hülle war; einmal hob die Hündin den Welpen samt Hülle leicht an. In dem Moment riss die Hülle, Fruchtflüssigkeit trat aus und der Welpe – der erst noch in einer Embryonalstellung gelegen hatte – entfaltete sich. Die Mutter war überall gleichzeitig. Schnell hatte sie die Nabelschnur abgekaut, dann fing sie an, gleichmäßig den Welpen zu lecken, erst über das Gesicht, dann der ganze Körper. Der kleine Welpe lag ganz still. Er musste tot sein, ich bekam ein mulmiges Gefühl. In diesem Moment ging ein Ruck durch den kleinen Körper, der Welpe riss sein winziges Mäulchen auf und schnappte gierig nach Luft. Die Mama leckte einfach weiter. So etwas Berührendes hatte ich noch nie gesehen!

Es dauerte nicht lange und der kleine Kerl wurde richtig lebendig. Langsam bewegte er sich in die Richtung seiner Geschwister, die schon bei der Mama lagen. Sobald er wieder träger wurde, schleckte und schubste die Mama ihn, es sah einfach einmalig aus! Wenige Minuten später war er bei seinen Geschwistern angekommen. Doch anstatt nach den Zitzen zu suchen, wimmelte es unter dem Schwanz der Hündin nur so. Das wäre auch normal, dort ist es warm. Ich solle mir keine Sorgen machen, die Kleinen würden von selbst Richtung Zitze wandern, wenn der Hunger groß genug wäre.

Hunger!

Und tatsächlich, eine weitere halbe Stunde später – inzwischen ist sogar noch ein Welpe geboren worden – lagen alle Welpen einträchtig in Reih und Glied und nuckelten an der Milchbetankungsanlage. Ich ließ mir erklären, dass die erste Milch die wichtigste sei, da hier viele Vitamine und Antikörper für das Immunsystem mitgeliefert würden.

Ich war fasziniert und meinte, dass die Hündin solch eine Geburt schon oft erlebt haben muss, da sie so souverän sei. Nein, bekam ich zu hören, dies sei ihre erste Welpengeburt gewesen. Ich konnte es kaum glauben! Woher weiß ein Hund, was er zu tun hat? Das bekommt ja augenscheinlich noch nicht mal der Mensch hin! Heute gibt es Babyvorbereitungskurse, Krankenhausbesichtigungen und Voruntersuchungen. Ich kann mir kaum eine Mutter vorstellen, die einfach so ihr Kind bekommt und dann weiß, was sie mit der Nabelschnur zu tun hat. Ich wüsste es auf jeden Fall nicht!

Mein Bekannter ist tatsächlich mit soviel Eifer bei seiner Arbeit, dass ich die Aussage, es wäre wie eine Geburt wenn ein Fabrikgebäude, an dessen Planung er beteiligt war eingeweiht wird, nun verstehen kann. Danke an die geduldige Hündin, und danke an ihren Besitzer für das einmalige Erlebnis, eine Geburt (kleine Erklärung) live erleben zu dürfen!

14:13 26.06.2014
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Ausgabe 25/2018

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