Gendering ist alles, nur kein Fortschritt.

Gesellschaft Professor, Professorin, Professx. Eine fortschrittliche Gesellschaft kommuniziert nicht was in der Hose steckt. Das Geschlecht ist zudem ein Spektrum.
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Sehr geehrter Leser, sehr geehrte Leserin, sehr geehrtx Lesx. Ich möchte Ihnen heute mitteilen, dass ich Gendering partout nicht ausstehen kann. Bitte nehmen Sie es mir nicht übel, ich möchte auch begründen wieso. Es ist ja nicht nur so, dass die Texte dadurch ellenlang werden. Es ist ja auch so, dass die anfangs wirklich gutgemeinte Idee, sich mit der Zeit in ihr absolutes Gegenteil verkehrt hat. Ehemals angetreten, um die Gleichstellung aller Geschlechter in unserer Sprache zu etablieren, kämpften die frühen Verfechter des Gendering noch für das Einreißen der Grundmauern der Festung des Patriarchats. Mangels eines gesamtgesellschaftlichen Bewusstseins für die Problematik war der Kampf auch vollkommen richtig und wichtig.

Sie kamen, sahen und errichteten ihr eigenes Patriarchat.

Im Laufe der Zeit kam es dann jedoch zu Fehlentwicklungen. Aus den Überresten der eingerissenen Festung des Patriarchats, wurden statt Spielplätze für alle, zwei bis drei neue Festungen errichtet. Wer einmal von einer, zwei oder drei davon angegriffen wurde, der weiß ganz genau was ich damit meine. Das Zitat: "Wenn man in Schubladen denkt, dann entstehen Gruppen, die falsche Handlungen, intern als richtig bewerten." trifft den Nagel ganz gut auf den Kopf. Die gleichen Probleme die das Patriarchat einst mit sich brachte, findet man heute in zum Teil zwei bis drei-facher Ausfertigung vor. Viele werden sich jetzt fragen, wo die Reise denn besser hätte hingehen sollen bzw. hingehen soll. Die Antwort ist dabei so einfach wie unspektakulär: weg vom Geschlecht an sich.

Das Geschlecht als das begreifen was es ist: ein Spektrum.

Die Sprache mit den Geschlechtern die wir auch heute noch verwenden, stammt aus einer Zeit des Patriarchats. Einer Zeit, in der "Frauen" den "Männern" untergeordnet zu sein hatten. Einer Zeit, die mehr an das Sozialverhalten einer Gruppe von Menschenaffen erinnert. Der aufgeklärte Mensch, tut nun aber gut daran, diesen Missstand zu beseitigen und er folgt dabei vor allem dem Grundsatz, dass alle Menschen von Grund auf gleich sind. Ferner bedient er sich der neuesten wissenschaftlicher Erkenntnisse, wonach sich das Geschlecht eben nicht nur in zwei bis drei diskrete Werte einteilen lässt. Beim Geschlecht handelt es sich vielmehr um eine Art Spektrum. Es gibt dabei nicht nur 0=Mann, 0.5=Transgender und 1=Frau. Wir reden hier auch von 0.1, 0.11, 0.9 und noch vielen anderen mehr. Wennschon, dennschon, verdient jede nur erdenkliche Ausprägung davon eine ganz eigene sprachliche Repräsentation.

Jetzt mal ganz pragmatisch formuliert.

Was bringt es uns denn, in unserem ganz normalen Alltag, das Geschlecht einer Person, in der Ausübung ihrer Tätigkeit, sprachlich immer und immer wieder zu kommunizieren? Das ist informationstechnisch ja erst einmal eine Menge Overhead, der, wenn er nicht gebraucht wird, einfach weg kann. Um es mal an einem Beispiel zu verdeutlichen: wir müssen uns fragen, welchen Sinn es z.B. macht, zu wissen, ob vor uns ein Anwalt, eine Anwältin oder ein Anwaltx sitzt. Warum wird neben der Berufsbezeichnung denn sprachlich nicht z.B. die Länge der Füße oder die Vorliebe für ein spezielles Heißgetränk mittransportiert? "Anwaltkurz" oder "Anwaltlang", "Anwaltkakao" oder "Anwaltkaffee". Klingt alles komisch, ist es auch, aber eben nicht nur das.

Eine fortschrittliche Gesellschaft trägt das was sie in der Hose hat sprachlich nicht zur Schau.

Nennen wir eine Person, die sich um z.B. Rechtsangelegenheiten kümmert, fortan doch einfach "Anwalt" und zwar ganz unabhängig davon, welches Geschlecht sie hat. Streichen wir aus unserem Kopf und in Folge dessen auch aus unserer Sprache die nicht mehr zeitgemäße Vorstellung von nur zwei bis drei Geschlechtern und darüberhinaus auch die Notwendigkeit dieses Geschlecht permanent kommunizieren zu müssen. Übrigens: im Englischen ist man da schon ein Stück weiter. Anwalt heißt dort "lawyer", Anwältin heißt "lawyer" und Anwaltx heißt dort auch "lawyer". Wie man sieht: es kann doch so einfach sein.

21:02 07.03.2016
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