Das geheime Tagebuch von Angie 6-1-2011 WAZ im neoliberalen Goldrausch

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Ach, es ist doch schön, wie meine Medien das steinige Feld der neoliberalen Überzeugungen bearbeiten. Meine WAZ hat heute einen Artikel mit dem markigen Titel: Geldrausch am Salzsee

klingt fast wie Goldrausch richtig fetzig.

Untertitel: Eine schlanke Verwaltung, kaum Gewerkschaften: Utah hat sich zum Boom-Staaat der USA entwickelt.

Da bleiben doch keine Wünsche offen. Und es klingt alles so super seriös und neutral. Könnte fast von mir sein.

Zuerst werden die Schuldenmacher angeprangert: Kalifornien und New York z.B.

Richtig knackig formuliert ein Joachim: Gemessen an solchen Dramen ist der Mormonenstaat Utah mit seinen knapp 2,8 Millionen Einwohnern eine Art gelobtes Land. Die Verschuldung pro Kopf ist so niedrig wie nirgendwo sonst in den USA. Die Rating-Agenturen, die über die Kreditwürdigkeit wachen, verleihen Utah ein dreifaches A plus, die Bestnote.

Schön, dass mein Joachim keinen anderen Staat zum Vergleich nimmt, sonst würde es nicht so günstig aussehen und man könnte das Ganze nicht so sexy formulieren. Schließlich, wie klingt ein Satz wie:

Utah ist der Staat der USA der im höchstverschuldeten Land der Erde ( ca. 94 % des BIP = 14 Billionen Dollar)am wenigsten verschuldet ist. Kling nicht so richtig sexy

. Auch der Zusatz: Utah liegt beim Durchschnitt des realen Bruttoinlandsprodukts mit 32.357 $ pro Kopf an 39 Stelle in den USA, reißt niemand vom Hocker.

Aber wozu habe ich denn meine Schreiberlinge?

Toll klingt auch der Satz: Um 3,5 Prozent ist Utahs Wirtschaft in den letzten fünf Jahren durchschnittlich gewachsen.... Die Krise spielt anderswo.

Das ist ja vergleichbar mit Mazedonien, die hatten einen Schnitt von 3,3 Prozent.und ein Staatsdefizit von ca. 30 % des BIP Und sind Spitze im europäischen Ranking. Ob die auch die Gewerkschaften abgebaut haben oder den Staat verschlankt haben? Nein , ich glaube , die waren nur so unterentwickelt, dass ihre BIP-Raten einfach gemessen an einem kleinen BIP groß klingen.

Die Arbeitslosenquote liegt knapp drei Prozentpunkte unter dem nationalen Schnitt von fast zehn Prozent.

Das ist eine elegante verschlungene Formulierung. Wundervoll.

Man könnte auch formulieren auf deutschem Niveau, klingt irgendwie trivial.

Und hier jubelt auch keiner. Obwohl ich geb' mir ja Mühe, dass optimal zu verkaufen. Aber , da kommen ja immer die Spielverderber und sagen bloß, da würden die ganzen Ein-Euro-Jobber , Fortgebildeten usw. noch fehlen und die 8 Millionen Billigjobber wären zwar nicht arbeitslos , aber leben könnten sie auch nicht von ihrer Arbeit.

Na, Schwamm drüber,denn jetzt kommen die Sätze, die ich besonders liiiiiiebe: Ein Vize-Wirtschaftsminster Derek Miller sagt: „wir sind klein genug um uns immer wieder zu erneuern“. Als zusätzliches Plus fällt aus Millers Sicht in Gewicht, dass Utah praktischerweise ein fast gewerkschafsfreier Raum ist.

Gottseidank, wird erst weiter unten verschämt angedeutet, was das für die Arbeitnehmer bedeutet.PUH

Ein schlanker Staat, der sich wenig einmischt Bürger und Unternehmen machen lässt – das Programm der „Tea Party“- ist in weiten Teilen die offizielle Regierungspolitik Utahs, an dessen Spitze ein republikanischer Mormone steht.

Na vielleicht kommt das zur Zeit doch nicht ganz so gut an in Deutschland in Zeiten wo Dioxin in Lebensmitteln leider nahelegen, wie wichtig ein Staat für den Schutz der Bürger ist.

Aber niedlich ist die Formulierung doch: das Programm der „Tea Party“- ist in weiten Teilen die offizielle Regierungspolitik Utahs

Das die Tea-Party-Leute kein Programm haben, außer Vorurteile, dass hab' ich ja schon mitbekommen.

Wenn man das als offizielle Regierungspolitik Uthas deklariert, dann erscheint ja ein Bush W als intellektueller liberalerÜberflieger.

Na , dann wird doch etwas zurückgerudert, aber nicht ungeschickt:

Das nicht nur die Steuern und Energiekosten, sondern auch die Löhne niedriger sind als anderswo, ist ein Anreiz für Unternehmen......Mormonischer Geist freilich weht noch immer durch Utahs Boomzone, 48 Arbeitsstunden pro Woche sind der Schnitt. Zeit, die man anderswoin endlosen Staus verliert, verbringt man wegen der kurzen Entfernungen hier nutzbringender am Schreibtisch oder im Labor.

Ja, da wird dem geneigten Leser doch nahegelegt, lass das mit den Gewerkschaften und all dem Rechtsgedöns , dann bekommst du auch einen billigen Arbeitsplatz.

Auch nett, wie die langen Arbeitszeiten wegerklärt werden. Ist doch egal, ob 48 Stunden gearbeitet werden müssen, die andern arbeiten 40 Stunden, aber sitzen ja 8 Stunden im Stau. Das ist doch viel nerviger. Also richtig erholsam ist die Arbeitszeit in Utah. So ist's schön formuliert liebe WAZ.

Wär' das nicht ein schönes Argument für die nächsten Tarifverhandlungen in der Zeitungsbranche?

17:53 06.01.2011
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Geschrieben von

goch

Kapitalismus ohne Krise - eine antikapitalistische Forderung?
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goch

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