„Ick bin ain Apfelstrudel!“

Nicht zahnlos Shane gibt sein Geld nicht für Dentisten, sondern für mundhöhlendesinfizierende Getränke aus, und macht als Sänger der Pogues immer noch nicht Dienst nach Vorschrift
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The Pogues & Shane MacGowan in Berlin

Warum bin ich hier? Die Eintrittskarte ist mir zu teuer, die ganze Veranstaltung riecht nach Nostalgie, sie werden wieder riesengroß mit breiten Rücken vor meiner Nase stehen, und sie werden zwanghaft rumpogen, sie kommen sowieso alle nur wegen Shane und so weiter...

Vierzehn Jahre zurück. Beim Spaziergang durch das bretonische Hafenstädtchen Morlaix macht mich mein 11jähriges Töchterlein auf ein Plakat aufmerksam. Die Pogues spielen am 26. Juli 1996 auf einem Festival namens Les Hesperides in Plounour-Trez im Finistere. Den Bandnamen kennt die Kleine, weil wir zu Hause manchmal zu Pogues-Songs in der Küche rumhopsen. Also, nichts wie hin, und die 11jährige darf mit, ist ja Urlaub.

Die Bühne ist gleich neben der verwitterten Friedhofsmauer aufgebaut, die überragt wird von bemoosten Grabkreuzen und dem örtlichen Kalvarienberg. Die Gastronomie und das Getränkeangebot sind phantastisch, das Publikum familiär, der Pogo geht nicht ab, dafür, wir sind ja in Frankreich, die Gavotte. Die eigentliche Entdeckung des Abends sind die Vorbands: die Peulvens, Folkpunk auf französisch, und Red Cardell, die eine Art Chanson-Rock mit vielerlei Einflüssen machen, eine der originellsten Bands, die ich kenne, zu deren Konzerten ich später einige Male mehrere hundert Kilometer Anreise auf mich nehmen werde. Die Pogues, ohne Shane MacGowan, den ich nicht sonderlich vermisst habe, liefern ein solides Set, während Nebelschwaden vom Ärmelkanal über das Areal ziehen und die Stimmung rummelplatz-volksfestlich ist.

Juli 2010: Die nunmehr 25jährige ruft an, Papa, die Pogues kommen nach Berlin!!! Ich druckse rum, siehe oben, aber sie sagt, ach Quatsch, da müssen wir hin! Also gehen wir hin.

Zwischen S-Bahn und Zitadelle Spandau wird mit Flaschenbier vorgeglüht, der Einmarsch auf das Konzertgelände über Brücke und durch’s Festungstor geht reibungslos. Wir hören uns die per Lautsprecher verkündeten Sicherheitshinweise mehrmals in Deutsch und Englisch an, dann putzt die Girl-Band Civet aus L.A. mit knackigem Punk die Ohren frei. Die Mädels sind ein wenig enttäuscht von der Resonanz. Mir haben die Schlagzeugerin und die Bassistin gefallen, die kamen zusammen Primus-mäßig rüber.

Tja, und die Herren Pogues?!? Die stolzieren überpünktlich on stage, der eine mehr, der andere weniger gealtert. Beim Opener Streams Of Whisky sieht es noch nach Dienst-nach-Vorschrift aus, aber alsbald kommt Stimmung auf, vor und auf der Bühne. Sie spielen einen ollen Knaller nach dem anderen, wie immer flott und druckvoll ganz ohne E-Gitarre. Shane MacGowan humpelt auf die Bühne wie eine Figur von Charles Dickens, nuschelt, spielt die angetütelte Oma, aber kriegt seine genialen Ohrwurm-Songs ganz gut rausgekrächzt. Wenn er mal ’ne Pause braucht, singt Spider Stacy auch den einen oder anderen Song von dem feinen Album Waitin’ For Herb, das damals ohne Shane geschrieben und eingespielt wurde. Mit jedem Song wächst die Arbeitsfreude bei den Musikanten, so dass sie schließlich übermütig werden und Sätze wie ‚Ick bin eine Currywurst’ oder ‚Ick bin ein Apfelstrudel’ von der Bühne schleudern.

Der „harte“ Kern im Publikum tut es seinem Idol nach und spielt ein wenig gute alte Zeit. Es fliegen diverse Drei-Euro-Fuffzig-Biere durch die Luft, und der Rempel-Pogo wird auch probiert, aber es bleibt alles irgendwie gutmütig. Stagediving traut sich in dem Alter keiner mehr, aber, wer hätte das gedacht, auch der Autor dieser Zeilen gerät in’s rhythmische Springen auf dem Split und stimmt brüllend in die allgemeine Freude ein! Und diesmal ist es seinem Töchterlein auch nicht peinlich...

Als der Folksong Dirty Old Town intoniert wird, ist Zeit für ein wenig Totengedenken. Kirsty MacColl hat diesen Song und einige andere mit den Pogues gesungen, bevor sie im Urlaub vor den Augen ihrer Kinder von einem mexikanischen Millionär mit dem Motorboot überfahren wurde. Der andere teure Tote ist Joe Strummer von The Clash, der nach dem Verlust seiner Bandmates einige Zeit mit den Pogues herumzog. Er starb, gerade mal 50jährig, weil sein Herz ganz plötzlich die Faxen dicke hatte.


The Pogues, volkstümliche Musike für den landflüchtigen Dorfbengel, schweiß- und endorphinetreibend, auch mal sentimental, am besten eben doch inmitten einer wogenden 6000er Masse zu genießen. Das Töchterlein sieht es genauso, und so ziehen wir, ein Herz und eine Seele, biergeduscht und eine neue Pulle in der Hand, zur S-Bahn.

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(Aufmacherfoto: l hotel du port Morlaix)

10:57 10.08.2010
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Geschrieben von

goedzak

I'm a-leaving' tomorrow, but I could leave today. (Bob Dylan)
goedzak

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