„Jud Süß“ im „KdF-Bad“

Antisemitismus Über ein Filmerlebnis in passender Kulisse
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Dialog am Rande einer Anti-Harlan-Demonstration, frühe 50er Jahre, BRD

Harlan-Fan: Haben Sie den Film ‚Jud Süß’ gesehen?

Harlan-Gegner: Ja, leider.

Harlan-Fan: Dann kann ich nicht verstehen, wie Sie noch für die Juden sein können!

Ein Anti-Veit-Harlan-Demonstrant wird abgeführt, 1951

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Der Filmvorführer behrrscht irgendwie sein Equipment nicht, oder das kann nur Breitwand. Der Normal-8-Film (4:3) erscheint als Breitbild im Seitenverhältnis von 2,35:1 auf der Projektionswand. Der dicke Herzog (Heinrich George) tappelt breiter als hoch durch die Szene und erntet Lacher bei den Zuschauern. Die Figur ist als prunksüchtiger und dummgeiler Barock-Kleinfürst angelegt, was ihr schon beim Filmstart im September 1940 keine Sympathien eintrug, und genauso funktioniert das auch noch im August 2011. Das Publikum, dem Anschein nach alles bildungsbürgerlich-mittelschichtige Ostseeurlauber und zwei, drei etwas jüngere Cineasten-Typen, nimmt die Figur genau so, wie der Film sie ihm nahelegt, und verachtet und verlacht den dicken Karl Alexander, der den verheißungsvollen Einflüsterungen des Juden aus Habgier und Eitelkeit erliegt.

Die gut zwanzig Millionen ‚erschütterten’ Zuschauer, die den Film zwischen 1940 und 1943 sahen, wurden durch ihn und besonders natürlich durch die Heimtücke, Gier und Brutalität der in ihm gezeigten Jud-Süß-Figur, die als Höhepunkt der Perfidie ein reines blondes deutsches Mädel (‚Reichswasserleiche’ Kristina Söderbaum) schändet, in ihrem Antisemitismus bestärkt. Der übliche spontane ‚Volkszorn’, der allen Schindern, Schändern und Raffgierigen gilt, wurde hier geschickt mit einer kalkulierten Vorstellung vom ‚jüdischen Wesen’ verbunden.

In dieser Vorführung des Jahres 2011 funktioniert die Wahrnehmung der Figur natürlich nicht mehr im von Goebbels und Harlan intendierten Sinne. Die Zuschauer sind gebildete, aufgeklärte und gutwillige Leute, oder doch wenigstens von den heute gültigen Setzungen der p.c. konditioniert. Da kann nichts mehr schief gehen. Trotzdem ist die Aufführung des Films auch im neuen Jahrtausend nur im Rahmen von Bildungsveranstaltungen und nur mit einem einführenden Vortrag gestattet. Der dicke Karl Alexander hat immer noch schlechte Karten, die „Jud Süß“-Figur aber weiß man nun richtig zu deuten. So macht sich dann auch der Referent Prof. Wolfgang Benz, emeritierter Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung an der FU Berlin, in seiner kurzen Alibi-Rede lustig über die ideologische Fürsorglichkeit des Gesetzgebers.

Dann folgt der Film, und er ist bei aller dramaturgischen und schauspielerischen Finesse genau der Hetz-Schmarren, als der er immer bezeichnet wird. Aber gut, das mal mit eigenen Augen gesehen zu haben.

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Die Aufführung des Films ist ein Programmpunkt der Eröffnung der Ausstellung „Jud Süß“ – Geschichte(n) einer Figur im Dokumentationszentrum Prora in der Anlage des ehemaligen "KdF-Seebades" Rügen (offizieller Titel) am 17. August 2011.

Thema dieser Ausstellung sind die Deutungsmuster einer historisch verbürgten Figur, des Joseph Ben Issachar Süßkind Oppenheimer, geboren 1698 in Heidelberg, ein Jude, der von 1733 bis 1737 sog. Hoffaktor, eine Art Finanzminister, des württembergischen Landesfürsten Karl Alexander war.

In ihrer Eröffnungsrede spricht Miriam Hesse, eine der Ausstellungsmacherinnen, über die Forschungen zur der realen historischen Person, die hinter der literarischen Figur und ihrem antisemitischen Zerrbild steht. Sie verweist auf das 1929 erschienene Buch von Selma Stern und die neue Publikation von Jörg Koch (2011). Die tatsächliche Persönlichkeit des Menschen J. S. Oppenheimer sei allerdings wohl nicht mehr zu ergründen, meinte die Referentin. Ein wenig schien es mir, als bedauerte sie damit auch die Unmöglichkeit, seinen antisemitischen Feinden verlässlich beweisen zu können, dass der Jude Joseph Süß Oppenheimer gar kein so schlechter Mensch gewesen ist, wie diese immer behaupten.

Ein paar Tage später sehen wir uns im notdürftig restaurierten Marstall des verschwundenen Putbuser Schlosses eine Ausstellung über das Theater der Barock-Zeit an. Und hier stoßen wir auf einen Kollegen des Finanzgenies Oppenheimer, der fast zur selben Zeit gut 200 km weiter nordöstlich ähnliches unternommen hatte. Philipp Andreas Ellrodt, im Jahre 1750 für seine Verdienste um die Herrschaft des Markgrafen Friedrich III. in Bayreuth in den Adelsstand erhoben, sorgte ab 1739 (ein Jahr nach der Hinrichtung Oppenheimers in Stuttgart) als Kammerpräsident und Finanzrat des Markgrafen dafür, dass dem verschuldeten Herrscherhaus das nötige Geld für eine repräsentative Hofhaltung mit prunkvoller Architektur, Theater und Kunst zur Verfügung stand, und legte damit quasi die Grundlagen für das Bayreuth von heute als Wagner-Festspielstadt. Auch Ellrodt war zwischenzeitlich Opfer derIntrigen seiner ständischen Neider geworden, die bei ihm allerdings nur zu einer kurzen Haftstrafe führten.

Beider Männer Maßnahmen wie der Verkauf von Handelsrechten gegen Gebühren, das Gründen einer Landesbank, das Besteuern von Beamtenbezügen und Unternehmensgewinnen, das Durchführen von Lotterien und Glücksspielen, waren unmittelbar motiviert von dem Bestreben, Finanzmittel für die Hofhaltung feudalabsolutistischer Fürsten zu beschaffen, dabei aber immer von dem Gedanken getragen, dass das nur mittels einer modernisierten Wirtschaft und entsprechenden Finanzwesens möglich sein würde.

Es gibt viele Beispiele für die Figur des (meist) bürgerlichen, kaufmännisch und politisch begabten Akteurs, der als Vertrauter eines absolutistischen Herrschers und in dessen Auftrag reformerische Finanz-, Wirtschafts- und Sozialpolitik betreibt.

Das Wirken dieser jüdischen und nichtjüdischen Hoffaktoren an den Höfen absolutistischer Fürsten war das Wirken von Modernisierern, die in den Jahrzehnten vor dem Beginn der politischen Emazipation des kapitalistischen Bürgertums im späten 18. Jahrhunderts die Finanz- und Wirtschaftssysteme gegen die engstirnigen Interessen der überkommenen spätmittelalterlichen Ständvertretungen reformierten. Diese Entwicklungen müssen mit unter die gravierenden Umwälzungen gerechnet werden, die der Ablösung feudaler Gesellschaftsformen voraus gingen. Dass diese Modernisierung keine Idylle war, dass Bauern und kleine Handwerker wachsende Abgabenlasten zu tragen hatten oder gar ihre überkommene Existenzgrundlage verloren, dass die Intention meist nicht das war, was später ursprüngliche Akkumulation des Kapitals genannt wurde, auch selten vordergründig Aufklärung und Demokratisierung (wie bei dem Reformer Struensee etwa), darf nicht darüber täuschen, dass die Hoffaktoren eine historisch überaus progressive Rolle spielten.

Ein Gewohnheits-Antisemit namens Peter Deeg, Jurist, später übrigens Duz-Freund von Franz Josef Strauß, hatte 1938 im Hetz-Verlag Julius Stürmers ein Buch unter dem Titel „Hofjuden“ veröffentlicht, das man auch heute noch in Antiquariaten erstehen kann. In diesem Pamphlet kommt ein Geist zum Ausdruck, den jüngst auch Götz Aly in seinem Buch "Warum die Deutschen? Warum die Juden?: Gleichheit, Neid und Rassenhass" als den Ursachenkern des deutschen Antisemitismus im 19. und 20. Jahrhundert bezeichnet hat: Hass auf Menschen und ihre Verunglimpfung, die gebildetere, agilere und erfolgreichere, kurz modernere, Akteure sind, deren Wirken den je aktuellen historischen Rahmen des Gewohnten, Vertrauten und Sicheren überschreitet. Aly nennt das Neid, was es ja auch ist, greift aber wohl doch zu kurz, wenn er diesen Neid als die treibende Kraft des Antisemitismus bezeichnet. Vielleicht ist das Neidphänomen eine sozialpsychologische Erklärung dafür, wie der alltägliche Antisemitismus bei den einzelnen Menschen funktioniert.

Flugblatt zur Hinrichtung Joseph Oppenheimers, 1738

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Der Antisemitismus des 18. Jahrhunderts, der z.B. zu dem Justizmord an Süß Oppenheimer führt, ist ein Ausdruck der reaktionären konservativen Bestrebungen feudalständischer Gruppierungen. Der im deutschen Faschismus kulminierende Antisemitismus des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts nutzt die selben „Argumentations“-Muster, um nun aber die sozialen Auswirkungen der kapitalistischen Modernisierung als Schuld einer fremden Gruppe und nicht originäre Erscheinung derselben darzustellen. Banal gesagt, hier wird der Sündenbock aufgebaut, mit dem von den eigenen Sünden abgelenkt werden, und der den Zorn derer, die unter eben diesen Sünden zu leiden haben, auf sich ziehen soll. Ist er erst Ausdruck einer Angst vor dem, was kommen wird, wird er dann zu einem Mittel der Täuschung über das, was ist.

Der sich mit sozialdemagogischer Absicht selbst ‚Nationalsozialismus’ nennende deutsche Faschismus hat die Sündenbock-Ideologie des säkularen Antisemitismus mit eben dieser Sozialdemagogie verbunden und funktioniert hat dies aus Gründen, die Götz Aly beschreibt. Zweck der Übung war aber nicht nur, wie der Streifen „Jud Süß – Film ohne Gewissen“ (2010) in einigen Szenen recht plump illustriert, die deutsche Bevölkerung mental auf die Vernichtung der Juden einzustimmen, sondern darüber hinaus vor allem den Charakter des Faschismus als einer kapitalismusapologetischen Ideologie zu kaschieren. Die Strategie war erfolgreich und ist es heute noch, wie sich in dem Ideologem der pauschalen Gleichsetzung von Kapitalismuskritik mit (strukturellem oder was auch immer für einem) Antisemitismus zeigt.

Das Schicksal des historischen Joseph Oppenheimer wird meist, und der antisemitische Missbrauch der Figur durch Goebbels und Harlan legt dies ja auch nahe, im Kontext von Antisemitismus-Diskursen thematisiert.Auch die Ausstellung in Prora tut dies. Ein Vergleich des Hoffaktors Oppenheimer z.B. mit dem Minister am dänischen Königshof Johann Friedrich Struensee, die beide, der eine Jude, der andere nicht, enge Vertraute ihrer jeweiligen absolutistischen Fürsten waren, und beide der gleichen progressiven Wirtschafts- und teils auch Sozialreformen wegen von missgünstigen Gruppierungen entmachtet und schließlich in einem pseudojuristischen Verfahren zum Tode verurteilt wurden, zeigt den tieferen Sinn unter der ideologischen Tünche.

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Flugblatt zur Hinrichtung Johann Friedrich Struensees, 1772

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Die gegen beide erhobenen Vorwürfe ähneln sich frappierend: Machtgier, Bereicherungssucht, Amtsmissbrauch, schließlich auch sexuelle Verfehlungen. Struensee gilt als Verführer der Königin, Oppenheimer wird des unerlaubten sexuellen Kontakts mit christlichen Frauen beschuldigt. Der eine wird gehängt, der andere enthauptet. Beider Schicksal dient als Stoff für Verfilmungen. Der britische Film „The Dictator“ über Struensee kommt in Nazi-Deutschland unter dem Titel „Mein Herz der Königin“ (1935) in die Kinos und zeigt in der deutsch synchronisierten Fassung einen wackeren romantischen Helden. Die antisemitische Verteufelung des einen und die Romatisierung des anderen sind aber zwei Seiten einer Medaille: gezielte Enthistorisierung und Ideologisierung.

Die Nazis haben die von den Massen als kritikwürdig empfundenen Aspekte des Kapitalismus zu dessen angeblich jüdischem Wesen umgelogen. Der noch andauernde Erfolg dieser Taktik ist die Voraussetzung dafür, dass heute von interessierter Seite bei Bedarf jede Kritik des Kapitalismus in Antisemitismus umgefälscht werden und das auch noch als ‚linkes Denken’ gelten kann.

06:10 21.10.2011
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

goedzak

I'm a-leaving' tomorrow, but I could leave today. (Bob Dylan)
goedzak

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